Berlinale 2026: ONLY REBELS WIN von Danielle Arbid

Fimstill
© Easy Riders Films

Er möchte mit ihr tanzen. Verträumt wiegt er sich in der Musik, seine Hände zeichnen feine Girlanden. Sie bewegt sich zunächst zögerlich, doch dann werden auch ihre Bewegungen weicher, fließen, treten in Kontakt mit seinem Tanz. Der Beginn der Liebe zwischen Suzanne und Osmane ist in dieser stummen Szene wunderbar eingefangen – denn Suzanne zögert, sich auf den 40 Jahre jüngeren Mann einzulassen. Als sie es dann doch tut, fängt sie zum ersten Mal an, wirklich zu leben.

Beirut, in den 2020er-Jahren. Der Junge Osmane ist aus dem Süd-Sudan in den Libanon gekommen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Irgendwann will er weiter nach Europa. Suzanne lebt seit ihrer Kindheit in Beirut, doch ihre Wurzeln sind palästinensisch. Vor Jahren schon hat sie ihren Mann verloren, geliebt hat sie ihn nie. Die Kinder sind erwachsen und haben ihre eigenen Probleme. Suzanne nimmt die Welt um sich herum als zunehmend brutal, gefühlskalt und gewaltvoll wahr. Als ein junger Schwarzer vor ihren Augen von mehreren zwielichtigen Typen zusammengeschlagen wird, geht sie furchtlos und energisch dazwischen. Sie nimmt den Mann mit nach Hause, verarztet ihn und teilt mit ihm ihr Abendessen. Das ist der Beginn. ONLY REBELS WIN von Danielle Arbid setzt als Eröffnungsfilm der diesjährigen Panorama-Reihe ein klares Zeichen für die Kraft des Mutes. Die wunderbare Hiam Abbass als Suzanne und Amine Benrachid als Osmane machen diesen Zauber lebendig.

40 Jahre Altersunterschied, Rassismus, engstirnige Nachbarn und Freunde: Es gibt eine Menge Hürden für die Liebe zwischen Suzanne und Osmane. Dennoch fühlen sie beide, dass sie etwas sehr Starkes, sehr Gutes verbindet. Lange Zeit gelingt es ihnen, in ihrer Bubble glücklich zu sein und die Außenwelt auszublenden. Allmählich finden sich auch Unterstützer ihres Zusammenseins – aber die allgemeine Ablehnung hört nicht auf, an ihrer Beziehung zu nagen. Obwohl Osmane anfangs stoisch, stark und optimistisch mit den Anfeindungen und mit Suzannes Zweifeln umgeht, zermürben ihn die Feindseligkeiten allmählich, immer mehr zieht er sich von ihr zurück, was wiederum sie stark zweifeln lässt. Verloren, wie er sich fühlt, flüchtet er sich in Alkohol. Europa als Ziel scheint ihm in diesem Taumel der einzige klare Fixpunkt zu sein, um sich zu retten. Es scheint, dass Osmane erst seinen eigenen Weg finden muss, bevor beide – vielleicht –wieder eine gemeinsame Chance haben.

Die aus dem Libanon stammende und in Frankreich lebende Regisseurin Danielle Arbid wollte ONLY REBELS WIN ursprünglich in Beirut drehen – doch der Angriff Israels auf das Land machte diese Option zunichte. Mit kleinem Budget plante Arbid um und machte Paris zu Beirut. Das gelingt erstaunlich gut: Viele der Locations, die sie gefunden hat, könnten genauso gut in Beirut angesiedelt sein, bei langen Kamerafahrten in der Stadt ist der Hintergrund oft so stark verschwommen, dass potentiell störende Einzelheiten nicht auffallen. Viele Szenen spielen im Innern – in Suzannes Wohnung, dem Refugium der Liebenden, in der Glückspiel-Spelunke, in der Osmane arbeitet, im Stoffladen, wo Suzanne Kundinnen bedient und mit ihren Freundinnen spricht.

Sehr leise und einfühlsam erzählt die Regisseurin diese Geschichte. Ganz ohne Seelenstriptease kommt man den Figuren unglaublich nahe. Vieles wird nur angedeutet, manches bleibt offen. Auch die angespannte, gewaltvolle Stimmung in Beirut ist zum Greifen nahe – auch wenn wir uns eigentlich in Paris befinden. ONLY REBELS WIN ist ein gelungener Film über eine – fast – unmögliche Liebe.


Für Fans von


...Angst essen Seele auf, Hiam Abbass, Beirut.

Lieblingsmoment

Die Tanzszene.

Besonders gefallen hat mir...

...wie Suzanne immer wieder mit ihrer Tochter (eine ziemlich außergewöhnliche Figur!) aneinanderprallt und trotzdem klar wird, dass die beiden sich sehr gern haben.

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