Berlinale 2016: ALOYS von Tobias Nölle

Einsamkeit in der Stinkbude – spannend, komisch, tragisch

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Die digitale Kamera ist das Wichtigste in Aloys Leben. Die Kamera und sein Vater. Sein Vater ist fast das Erste, was wir in Tobias Nölles Film ALOYS (Georg Friedrich) sehen. Aloys filmt den Vater mit der Kamera. Der Vater hat die Augen geschlossen. Er liegt in einem offenen Sarg. Er ist tot. Die Kamera ist für Aloys so wichtig, weil er sie für seine Ermittlungen braucht. Aloys ist Detektiv in der Detektei Adorn & Sohn. Jetzt ist nur noch der Sohn übrig, aber die Ermittlungen müssen weitergehen. Schnell wird klar: Die Filme sind der eigentliche Lebensinhalt von Aloys. ALOYS ist einer der besten Belege für die uralte Berlinale-Weisheit, dass die interessantesten und besten Filme des Festivals die kleinen Filme sind.

Aloys wohnt in einer scheußlichen Hochhaussiedlung irgendwo in der Schweiz. Sein ebenso scheußliches Apartment, das er selbst als „Stinkbude“ bezeichnet, ist Wohnung und Büro zugleich. Zuletzt hat der Vater hier in einem Krankenbett gelegen. Aloys lässt niemand in die Wohnung. Wenn er Zuhause ist, filmt er den Flur vor seiner Wohnungstür durch den Türspion. Wenn er nicht zuhause ist, arbeitet er. Dann filmt er untreue Ehemänner wie zum Beispiel Herrn Schoch. Kein Wunder also, dass Aloys‘ Leben total aus den Fugen gerät, als er bei einer Ermittlung entdeckt wird und ihm nach einem Frustbesäufnis auch noch die Kamera nebst neun DV-Kassetten mit privatem und beruflichen Filmmaterial gestohlen werden. Eine Kassette findet Aloys in der Jackentasche. Als er sie sich anschaut sieht er, dass er mit seiner eigenen Kamera gefilmt wurde, als er besoffen schlafend im fahrenden Bus saß – offensichtlich von der Frau (Tilde von Overbeck) hinter der Kamera, die ihn filmt und dabei kichert.

Und diese Frau ruft Aloys an. Der versucht, professionell zu reagieren, aber dann stellt er überrascht fest, dass die Frau ihn gar nicht erpressen will. Sie will mit ihm reden und sie fordert den einsamen Sonderling heraus, seine eigene Phantasie zu benutzen. Und auf einmal geschieht etwas Überraschendes: Die Frau und Aloys können im Gespräch eine eigene Welt außerhalb der eigentlichen Welt erschaffen, immer wenn Aloys aus seiner eigenen Routine ausbricht und die Anweisungen der seltsamen Anruferin befolgt.

Die Konstruktion, die sich Autor und Regisseur Tobias Nölle ausgedacht hat, klingt sehr verkopft, wenn man das so beschreibt. Außerdem meldet sich im Kopf des erfahrenen Kinozuschauers sofort der Kitschalarm: Kitschalarm! Kitschalarm! Keine Angst – die Geschichte von ALOYS ist sehr viel interessanter, intelligenter und auch komischer als die zweier Einsamer, die in ihre eigene Gedankenwelt fliehen. ALOYS ist mein bisheriger Favorit der Berlinale 2016: Ein originelles Drehbuch, zwei sehr gute Hauptdarsteller und eine sehr ideenreiche Kameraarbeit von Simon Guy Fässler.

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Titel

Orignaltitel

Aloys

Credits

Regisseur

Tobias Nölle

Schauspieler

Georg Friedrich

Tilde von Overbeck

Drehbuch

Kamera

Simon Guy Fässler

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge SchweizSchweiz

Jahr

2016

Dauer

91 min.

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