ZWISCHEN WELTEN (Inbetween Worlds) von Feo Aladag

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Dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges ist, ist ein Klischee. Ein Klischee muss ja nicht falsch sein. In Deutschland üben sich Politiker, Journalisten und die so angenehm anonyme Öffentlichkeit in Zeiten des Krieges gerne im Verschweigen und Beschönigen. Da hat es die Wahrheit auf jeden Fall nicht leicht. Das Wort Krieg zu Beispiel nehmen sie gar nicht gerne in den Mund, wenn sie darüber sprechen, was die Bundeswehr in Afghanistan tut oder, um einmal etwas genauer zu werden, was die 2.906 Männer und 202 Frauen tun, die momentan das deutsche Kontingent der International Security Assistance Force (ISAF) in Afghanistan und Usbekistan stellen. ZWISCHEN WELTEN zeigt den Alltag deutscher und afghanischer Soldaten – im Film treten nur Soldaten auf – die an einem Außenposten ein afghanisches Dorf vor den Taliban schützen sollen. Im Mittelpunkt stehen der deutsche Hauptmann Jesper (Ronald Zehrfeld) der afghanische Kommandant Haroon (Abdul Salam Yosofzai) und der junge afghanische Übersetzer Tarik (Mohsin Ahmady) und seine Schwester Nala (Saida Barmaki).

ZWISCHEN WELTEN ist ein Film über den Krieg und über die Menschen, die ihn führen. Hauptmann Jesper meldet sich freiwillig für seinen zweiten Einsatz in Afghanistan. Sein Motiv ist offensichtlich sehr persönlich. Sein Bruder ist bei einem Afghanistan-Einsatz ums Leben gekommen. Offensichtlich ist auch, dass Jesper nicht der ideale Mann ist, um Männer im Einsatz zu kommandieren. Nach der Ankunft am Außenposten handelt er nervös und findet besonders im Umgang mit dem afghanischen Kommandant Haroon keine klare Linie. Schnell wird deutlich, wie begrenzt die Möglichkeiten von Jesper und seinen Soldaten sind, um die Sicherheit in dem afghanischen Dorf zu verbessern. Das liegt an verschiedenen Dingen: Kulturelle Unterschiede zwischen Afghanen und Deutschen führen zu gefährlichen Missverständnissen und die militärischen Mittel der Bundeswehrsoldaten sind sehr begrenzt. Vielleicht am wichtigsten ist: Die Unterschiede zwischen dem politischen Mandat, dem militärischen Auftrag und der Realität am Außenposten sind enorm. Jesper steht vor dem Dilemma, kaum eigene Entscheidungskompetenz zu haben. Er muss sich immer mit seinen Vorgesetzten abstimmen. Er kann zum Beispiel nicht einmal dafür sorgen, dass sein eigener Übersetzer, der von den Taliban bedroht wird, Asyl in Deutschland bekommt.

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Jesper steht ständig vor Entscheidungen. Die verwirrende Lage an dem Dorf macht es ihm schwer zu entscheiden, was das Richtige ist. Schlimmer noch, wenn er für sich entschieden hat, was das Richtige ist, kann er oft nicht danach handeln, weil seine Vorgesetzten ihm andere Befehle geben. Der Krieg verändert moralische Maßstäbe. Die Struktur einer Armee und das Prinzip von Befehl und Gehorsam verändern jede Entscheidungssituation. Und Entscheidungen im Krieg finden unter Bedrohung statt und haben oft mit Leben und Tod zu tun. Das erste Opfer des Krieges ist die Gewissheit über richtig und falsch, im praktischen wie im moralischen Sinn, das ist die Botschaft von ZWISCHEN WELTEN. Über allem schwebt die Frage: Was bringt dieser Krieg? Jespers steht am Ende vor einer zugespitzten Entscheidungssituation in der nur eines klar ist: Er kann nicht nicht entscheiden.

Feo Aladag bringt dieses Dilemma und die Situation in Afghanistan eindrucksvoll auf die Leinwand. Nicht zuletzt, weil sie in Afghanistan in Mazar-I-Sharif und Kundus gedreht hat und nicht an einer künstlichen Location. Das Ensemble von deutschen Schauspielern, afghanischen Schauspielern und afghanischen Laien unterstützt diese Authentizität. Besonders beeindrucken dabei Mohsin Ahmady und Saida Barmaki in ihren ersten Rollen. Die Eindringlichkeit des Films macht den manchen Punkten zu stark konstruierten Plot wett. Zum Beispiel gibt es eine Bruder-Bruder-Geschichte auf deutscher Seite und eine Bruder-Schwester-Geschichte auf afghanischer Seite. Auch das Jespers seine Motivation aus dem Tod seines Bruders zieht, überfrachtet die Figur eher als dass es ihr hilft. Aber trotz dieser und anderer kleiner Schwächen: Feo Aladag hat einen Film gemacht, der echtes Kinoformat und Qualität hat. Mal sehen, ob sich das deutsche Publikum für den Film und das Thema Afghanistan interessiert. Denn das Thema des Afghanistan-Einsatzes spielt in der Öffentlichkeit keine Rolle, auch wenn die Bundeswehr dort seit zwölf Jahren im Einsatz ist und mehr als 120.000 Soldatinnen und Soldaten im Dienst waren.

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Titel

Orignaltitel

Zwischen Welten

Englischer Titel

Inbetween Worlds

Credits

Regisseur

Feo Aladag

Schauspieler

Mohsin Ahmady

Saida Barmaki

Abdul Sala Yosofzai

Ronald Zehrfeld

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2014

Dauer

98 min.

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