LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT von Jaques Demy

Eigentlich sollte man bei jedem Filmfestival mindestens einen Film aus der Retrospektive sehen. Filme, die sonst am Sonntagnachmittag im Fernsehen verschwinden, kommen in der Orignalversion auf der Kinoleinwand ganz "groß" raus. Beiträge des Gegenwartskinos zum Festivalwettbewerb müssen sich an diesen Schätzen der Filmgeschichte messen lassen.

Im Fall von LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT (1967) fällt der Vergleich klar zu Gunsten der Vergangenheit aus. An Jacques Demys Film zeigt sich, wie „farblos“ das Kino geworden ist. Demy ist als Meister der Farbkompositionen bekannt, aber wenn man es dann mit eigenen Augen sieht, übertrifft es noch die Erwartungen. Kostüme in gelb, rot, orange und blau sprühen vor dem mediteranten Ambiente der Hafenstadt Rochefort nur so voller Leben. Dabei ist nichts aufdringlich oder grell.

LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT ist Demys erster Film nach seinem großen Erfolg LES PARAPLUIES DE CHERBOURG (Die Regenschirme von Cherbourg). Wieder ist es ist eine einzigartige Mischung aus Hollywoodmusical und französischen Autorenfilm. Die Musik ist so eingängig, dass man beim Verlassen des Kinos gar nicht anders kann, als nach Verlassen des Kino das Hauptthema fröhlich vor sich hin zu pfeifen. Die Tanz-Choreographie ist leicht und beschwingt. Sie fügt sich harmonisch in die Geschichte. Der Plot selbst ist einfach, aber nicht trivial.

Zwei Zwillingsschwestern haben es leid, mit Ballett- und Klavieruntericht in der Kleinstadt ihr Geld zu verdienen. Lieber wollen sie es mit ihrem Showtalenten in Paris versuchen. Da trifft es sich gut, dass eine Schaustellertruppe in Rochefort ist, die den beiden einen "Lift" in die Stadt ihrer Träume geben könnte. Bis zur Abreise müssen aber noch verschiedene Liebesbande entwirrt werden und dies gelingt Jaques Demy meisterhaft. Kunstvoll führt er die Wege von sich sehnender, verlorener, enttäuschter und sich findender Liebe zusammen.

Für den unvorbereiteten Zuschauer hält der Liebesreigen viele Überraschungen parat. Wo sonst hat man z.B. schon einmal Michel Picoli und Gene Kelly in einer Szene gemeinsam singen sehen? Demys Reminiszenzen an das amerikanische Musical sind nicht nur in augenzwinkernden Zitaten aus Gene Kellys Paraderolle in SINGING IN THE RAIN augenscheinlich. Ein Großteil der Tänzertruppe wurde aus Amerika importiert, darunter in einer Nebenrolle George Chakiris (WEST SIDE STORY).

Eine der beiden Hauptrollen spielt aber eine französische Schauspielerin, der Demy mit LES PARAPLUIES DE CHERBOURG zum Durchbruch verholfen hat: Catherine Denueve. Ihre Zwillingsschwester wird von Françoise Dorléac gespielt. Was aus dem Namen nicht hervorgeht: Deneuve und Dorléac sind auch im wirklichen Leben Schwestern. Françoise Dorléac war noch vor Deneuve zu Ruhm gekommen (u.a. in Truffauts DIE SÜSSE HAUT). Nicht zuletzt um eine Verwechslung mit der großen Schwester zu vermeiden, wurde aus Catherine Fabienne Dorléac Ende der fünfziger Jahre Catherine Denueve. Tragischerweise starb Françoise Dorléac 1967, im Jahr der Fertigstellung von LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT, bei einem Autounfall.

Eine glückliche Entwicklung zeigt sich dagegen in der Zusammenarbeit von Catherine Denueve und Danielle Darrieux, die in Demys Film die Mutter der Zwillinge spielt. Dieselbe Mutter-Tochter-Konstellation hat Darrieux 2002 zu einem Comeback verholfen. Nicht nur hier erinnert vieles in Françoise Ozons ACHT FRAUEN an Demys Musical.

Vor dem Hintergrund dieser Schicksale bekommt LES DEMOISELLES DE ROCHEFORT eine zweite Ebene, ein Eigenleben und ist im wahrsten Sinne des Wortes (eine) Filmgeschichte.

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Titel

Orignaltitel

Les Demoiselles de Rochefort

Deutscher Titel

Die Mädchen von Rochefort

Englischer Titel

The Young Girls of Rochefort

Credits

Regisseur

Jacques Demy

Schauspieler

George Chakiris

Danielle Darrieux

Catherine Deneuve

Françoise Dorléac

Gene Kelly

Michel Piccoli

Drehbuch

Musik

Michel Legrand

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Jahr

1967

Dauer

120 min.

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