En ganske snill mann von Hans Petter Moland

Mann kommt nach zwölf Jahren aus dem Knast und muss wieder Fuß fassen. Das ganze spielt in Norwegen. Ich bin also schon voll auf hartes Sozialdrama eingestellt und versenke mich ergeben in meinem Kinosessel. Der Film beginnt, und das erste, was mich irritiert, ist die Musik: Lustig, leicht und beschwingt. Was in den folgenden 107 Minuten folgt, stellt so ziemlich jede Erwartung, die man in Bezug auf das Genre „Mann kommt aus dem Knast und muss wieder Fuß fassen“ hat, auf den Kopf. „En Gnaske Snill Mann“ – A Somewhat Gentle Man – von Hans Petter Moland hat einen schön schrägen Humor und eine Hauptfigur, die so gar nicht ins Klischee passt.

Stellan Skarsgard – Lars von Trier-Veteran und Bootstrap Bill aus „Pirates of the Caribbean“ – spielt den Schwerverbrecher Ulrik als überaus freundlichen, bescheidenen, wortkargen und immer erst mal still abwartenden Hünen, der sein lichtes Haar in einem fizzeligen Pferdeschwanz zusammenbindet. Allerdings, das erfährt man recht bald, hat Ulrik eine klassische Gangsterkarriere plus Mord hinter sich. Nun steht er vor dem sich schließenden Gefängnistor. Der – ebenfalls erstaunlich freundliche – Vollzugsbeamten muss ihn geradezu nach draußen drängen: „Vorwärts, Ulrik. Und nicht zurück schauen.“

Immer wieder werden in diesem Film Menschen von anderen Menschen herumgescheucht, als ob sie kleine Hunde wären. Es werden Befehle gegeben, sich hinzusetzen (Sitz!), die Hand zu geben (gib Pfötchen!), oder zu umarmen. Besonders gern gibt Ulriks Ex-Boss solche Kommandos. Nun ist aber Ulrik der charmante Gegenbeweis dazu, dass man Menschen wie Hunde herumkommandieren kann.

Ulrik wird von seinem Ex-Boss (mit Goldzahn!) und dessen etwas debilem Gehilfen abgeholt und erst einmal mit dem Nötigsten versorgt: Wohnung (Kellerloch im Haus der älteren Schwester des Ex-Bosses) und Job (Mechanikerwerkstatt bei einem befreundeten Schrauber mit leichtem Hang zu Lebensweisheiten, die in nicht enden wollenden Wortkaskaden vorgetragen werden). Außerdem ist davon die Rede, dass Ulrik seine Rechnung begleichen und jenen Mann töten soll, der ihn damals verpfiffen hat. Ulrik ist einverstanden.

Eigentlich müsste Ulrik nun jeden Tag mühsam gegen die Widrigkeiten des ungewohnten Lebens in der Freiheit ankämpfen. Aber nichts da. Seine bärbeißige Zimmerwirtin offeriert ihm nacheinander einen Fernseher, ein regelmäßiges Abendessen und schließlich auch regelmäßigen Sex, den Ulrik ohne große Begeisterung, aber auch ohne groß zu murren absolviert. Seine Exfrau genehmigt sich und ihm ebenfalls einen Quickie, verbietet ihm aber, mit dem inzwischen erwachsenen Sohn Kontakt aufzunehmen. Ulrik sagt zu allem ja und besucht seinen Sohn dann aber doch. Auch hier wieder: Statt großem Drama und Ablehnung scheint der Vater-Sohn-Beziehung ein etwas ungelenker, aber ehrlicher Neuanfang gegönnt. Die hübsche Bürokraft in der Werkstatt ist nur so lange auf Abwehrhaltung, bis Ulrik ihrem gewalttätigen und psychotischen Exmann mal so nebenbei beide Arme bricht.

Natürlich wird es dann doch noch kompliziert und turbulent für Ulrik, aber die Dinge entwickeln sich immer wieder aufs neue anders, als man es erwarten würde. Und das ist wunderbar so.

Kommentare ( 3 )

Sehr amüsanter Film mit einer so bisher selten gesehenen Verbindung zwischen Mahlzeiten und Sex. Leider gewinnen solche Beiträge ja meistens keine Preise auf der Berlinale, von mir kriegt er aber schon mal den Preis des Herzens.

Ulrik war grossartig, der Rest mir aber zu albern und übertrieben. Mein Tiefpunkt: die Entbindung im Auto. Oh weh. Immerhin teile ich mit Ulrik die Hoffnung, dass am Ende der Frühling kommt!

Was für ein schöner Film! Sehr witzig und ein kleines bisschen sentimental. Wenn so einer bloß mal einen Bären abkriegen würde. Ich habe noch Hoffnung, schließlich hat der Film starke Frauengestalten! Und Minderheiten! Wer die Komödien nach den Drehbüchern von Thomas Anders Jensen (Adams Äpfel, Flickering Lights, Dänische Delikatessen) mag, muss diesen Film sehen.
Entbindungen im Auto sind übrigens etwas ganz Natürliches, wie Dr. Sommer sagen würde.
Das Drehbuch hat Kim Fupz Aakeson (sic!) geschrieben. Das muss noch ein Witz sein. Und jetzt auf die Schnelle 'ne Fischfrikadelle.

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Titel

Orignaltitel

En ganske snill mann

Englischer Titel

A Somewhat Gentle Man

Credits

Regisseur

Hans Petter Moland

Schauspieler

Bjørn Floberg

Aksel Hennie

Jannike Kruse Jåtog

Jorunn Kjellsby

Jan Gunnar Røise

Stellan Skarsgård

Land

Flagge NorwegenNorwegen

Jahr

2009

Dauer

109 min.

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