DER BODEN UNTER DEN FÜßEN von Marie Kreutzer (Berlinale 2019)

Filmstill des Berlinale Wettbewerbsfilms der Boden unter den Füßen

Die verunsichernde Erkenntnis, dass zwischen sogenannter geistiger Gesundheit und einer diagnostizierbaren psychischen Erkrankung nur eine fragile Trennungslinie verläuft, steht im Zentrum des österreichischen Wettbewerbsbeitrags von Marie Kreutzer. Bereits die erste Szene markiert eindrucksvoll den Tenor des nun Folgenden: Wir sehen eine scheinbar friedlich schlafende junge Frau, die so abrupt und verstört aufwacht, als hätte sie in ihrer inneren Traumwelt Furchtbares erlebt.

Die junge Frau heißt Lola und arbeitet als erfolgreiche Beraterin bei Unternehmen, die in eine wirtschaftliche Krise geraten sind und nun der Optimierung durch Lolas Firma bedürfen. Obwohl Lola noch nicht einmal 30 ist, beherrscht sie virtuos alle branchenüblichen Karriere-Codes. Auf ihrem Weg an die Spitze, geht sie präzise und mit höchstem Arbeitseinsatz vor. Weder die potentiellen männlichen Konkurrenten innerhalb ihrer Firma noch die um ihren Arbeitsplatz fürchtenden Mitarbeiter in den zu sanierenden Unternehmen dürfen auf all zu großes Mitgefühl hoffen. Effizienz steht über allem. Auch das Privatleben und die Liebesbeziehung zu ihrer Chefin werden von Lola vor allem unter Kosten/Nutzen-Aspekten betrieben. Doch auch in ihrer selbstoptimierten Welt gibt es ein sorgsam gehütetes Geheimnis: Ihre ältere Schwester Conny ist psychisch erkrankt und beansprucht nach einem Suizidversuch immer stärker Lolas Aufmerksamkeit. Beim Versuch, ihre perfekte Karrierewelt mit der Fürsorgepflicht für die kranke Schwester in Einklang zu bringen, kommt auch Lola an ihre psychischen Grenzen.

Die sensible Darstellung von psychischen Erkrankungen ist eine große Stärke von Kreutzers Film. Vor diesem Hintergrund bleibt es verzeihlich, dass die kühle Welt der Unternehmensberatung und vor allem die Inszenierung von weiblichen Karrieren häufig all zu klischeehaft gerät. Die schon oft gezeigte supercoole Karrierefrau, die zwar total erfolgreich aber dafür im Herzen einsam ist, findet hier eine weitere Variation. Die spannendsten Ansätze zeigt der Film immer dann, wenn die scheinbar perfekt funktionierende Conny durch verstörende Vorkommnisse im Alltag an ihrer eigenen geistigen Gesundheit zu zweifeln beginnt. Leider werden diese Bruchstellen zu dem, was man landläufig als Realität versteht, nur angedeutet und nicht konsequent weiterverfolgt. Dennoch ist DER BODEN UNTER DEN FÜßEN schon allein durch die starken weiblichen Hauptdarstellerinnen ein sehenswerten Film.

Copyright Filmstill: Juhani Zebra / Novotny Film

Kommentare ( 1 )

Schöner Text! Ich habe den Film ähnlich empfunden. Was mir sehr gut gefallen hat: Die Verunsicherung der Hauptfigur wird in der Verunsicherung der Zuschauer gespiegelt, die auch nicht richtig einordnen können, was real ist und was nicht, und welche Agenda bestimmte Figuren haben.
Pia Hierzegger ist großartig als Conny, Valerie Pachner macht ihr Sache als Lola aber auch sehr gut, wie ich finde, vor allem die zunehmende Versteinerung und das verzweifelte Durchalten-Müssen bringt sie supergut rüber.
Die Beraterwelt fand ich gar nicht so übertrieben, entspricht meiner Erfahrung nach über weite Strecken hinweg so ziemlich der Realität.

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Titel

Orignaltitel

Der Boden unter den Füßen

Credits

Regisseur

Marie Kreutzer

Schauspieler

Michelle Barthel

Marc Benjamin

Pia Hierzegger

Mavie Hörbiger

Valerie Pachner

Axel Sichrovsky

Dominic Marcus Singer

Meo Wulf

Land

Flagge ÖsterreichÖsterreich

Jahr

2019

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