TOUCH ME NOT von Adina Pintilie (Berlinale 2018)

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Was fühle ich? Was fühlst du?

Touch me not – Please touch me. Das sind die beiden Pole zwischen denen die Themen Intimität und Sexualität und Verletzlichkeit/Unverletzlichkeit der eigenen Person in Adina Pintilies TOUCH ME NOT verhandelt werden. Was ist unser Bild unseres eigenen Körpers, was ist das Bild anderer Körper, die wir begehren? Wo setzen wir Grenzen für intime Interaktion und Sexualität? Wollen wir diese Grenzen verschieben? Und wenn ja, wir können wir das tun? TOUCH ME NOT ist berührend und formal herausragend. Ich wünsche der Jury den Mut zum Bären – möglichst zum goldenen, zur Not auch den silbernen für den Großen Preis der Jury. Traut Euch, bitte!

Im Zentrum von TOUCH ME NOT stehen Laura (Laura Benson), Tomas (Tómas Lemarquis) und Christian (Christian Bayerlein). Laura erforscht, warum sie keine Intimität zulassen kann. Sie engagiert einen Sexarbeiter, dem sie erst beim Duschen und dann beim Masturbieren zuschaut. Sie versucht mit einem Therapeuten herauszufinden, welche Nähe und welche Form von Berührung sich noch sicher oder vielleicht sogar gut anfühlen. Auf einmal hat sie die Freiheit, auf Berührung oder Festhalten nicht nur mit Zurückweichen und Angst, sondern auch mit Abwehr und Wut zu reagieren. Laura will die Grenzen ihrer Intimität kennenlernen und verändern.

Laura ist auch Beobachterin bei einem Workshop in dem Menschen miteinander über Intimität und ihre Körper reden. Unter anderem Christian mit seiner Partnerin Grit (Grit Uhlemann) und Tómas. Tómas hat im Alter von 13 Jahren alle seine Haare verloren. Damit war er plötzlich anders als die anderen und ein Außenseiter. Christian ist behindert. Sein Körper ist weit vom Durchschnittskörper entfernt. Man sieht Tómas an, wie er Hemmungen und Ängste überwinden muss, wenn er Christians Körper beschreibt und über seine eigenen Gefühle beim Betrachten dieses Körpers spricht. Aber Christian kann nicht nur selbst frei über seinen Körper sprechen „mein Penis ist der Teil meines Körpers, der am besten funktioniert“, sondern ermutigt Tómas immer wieder, das auch zu tun. So fallen Barrieren.

Adina Pintilie geht diesen Fragen in einem Film nach, der auch ihr eigenes Tun als Regisseurin und den Blick der Kamera zum Thema macht. Die Übergänge vom Dokumentarischen zum Fiktiven sind dabei fließend. So schafft TOUCH ME NOT für den Zuschauer die Möglichkeit, beim Zusehen die eigene Nähe beziehungsweise Distanz zu verändern. Auf diese Weise kreiert die Filmemacherin nicht nur für Ihre Protagonisten, sondern auch für uns als Zuschauer einen Safe Space. Es ist sehr schnell klar, dass auch die professionellen Schauspieler in TOUCH ME NOT – Laura Benson, Tómas Demarquis – nicht als Schauspieler im herkömmlichen Sinn agieren, sondern ihre eigenen Gefühle erforschen und eine Transformation erleben. Ihre Gefühle erforschen Schauspieler immer, sonst könnten sich nicht schauspielen, aber in TOUCH ME NOT ist dieses innere Erlebnis persönliche und intimer, das sagen auch Benson und Demarquis selbst. Die Regisseurin gerät nie in die Gefahr, die Emotionen und zugelassene Intimität auszubeuten, einmal wechselt sie sogar die Seiten: Laura Benson schaut jetzt durch die Kamera und spricht mit Pintilie, die vor der Kamera sitzt.

Weil die Regisseurin solche Techniken einsetzt und formal bewusst arbeitet, wird der Film nie zu einem peinlichen Seelenstriptease. Als Zuschauer spüren wir das Ergebnis dieser Genauigkeit und der emotionalen Ehrlichkeit. Die Mitwirkenden sehen den Zuschauenden oft direkt ins Gesicht. Die Situationen sind sehr intim. Für einige Zuschauer ist das zu viel. In der Pressevorführung sind viele gegangen. Jeder hat eben das Recht, seine eigenen Grenzen zu ziehen. Für einige Figuren gehört BDSM zu ihrer Sexualität. Deswegen ist auch eine BDSM-Gruppensession Teil des Films. Überschreitet das Grenzen? Meine nicht. Denn wie in allen anderen Szenen des Films ist auch hier klar: Menschen tun Dinge in gegenseitigem Einverständnis, um positive Erfahrungen zu machen.

Foto: Copyright: MANEKINO FILM, ROHFILM PRODUCTIONS, PINK, AGITPROP, LES FILMS DE LÔÇÖETRANGER_2018

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Titel

Orignaltitel

Touch Me Not

Credits

Regisseur

Adina Pintilie

Schauspieler

Christian Bayerlein

Laura Benson

Irmena Chichikova

Hanna Hofmann

Tómas Lemarquis

Seani Love

Grit Uhlemann

Land

Flagge BulgarienBulgarien

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge RumänienRumänien

Flagge Tschechische RepublikTschechische Republik

Jahr

2018

Dauer

125 min.

Festival

Berlinale 2018

Festivalplakat Berlinale 2018

Berlin, 15.02. - 25.02.2018

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