L'EMPIRE DE LA PERFECTION von Julien Faraut (Berlinale 2018)

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Der Wutvulkan spuckt rote Asche

Julien Faraut hat einen Dokumentarfilm über John McEnroe und über die Perfektion des Tennis gedreht. Bis auf die beiden Namen stimmt an diesem Satz nichts. Es geht nicht um Perfektion, es geht nicht um Tennis im eigentlichen Sinne und Julien Faraut hat weite Teile des Films auch nicht selbst gedreht, sondern 16mm-Material verwendet, das Gil de Kermadec in den 80er Jahren bei den French Open gedreht hat. Obwohl L'EMPIRE DE LA PERFECTION ein faszinierender Sportfilm ist, bleibt dann noch die Frage, ob es eine Dokumentation ist. Denn eigentlich ist es ein großes Drama, eine große: Ein Mann im Kampf gegen mächtige Gegner – den Kontrahenten auf der anderen Seite des Netzes, die Linienrichter, den Schiedsrichter, die Umstände – den Platz, die Linien und nicht zuletzt gegen sich selbst.

Die 80er Jahre, das hieß in Deutschland spätestens ab 1985 Stunden um Stunden Tennis im Fernsehen. Mit dieser Art von Berichterstattung haben die Bilder von Gil de Kermadec wenig bis nichts zu tun. Er machte Filme im Auftrag des Institut National Des Sports et De L'Education Physique, die die Techniken des Tennisspiels erklärten. Dabei Drang er zum Wesen des Sports vor. 1985 brachte er ROLAND GARROS AVEC JOHN MCENROE heraus. Auf ihm beruht Farauts Beitrag im Forum de Berlinale. Faraut macht also eine Dokumentation über eine Dokumentation. Sowohl Kermadec als auch Faraut befassen sich mit Genies: Der Film von 1985 mit McEnroe L'EMPIRE DE LA PERFECTION sogar mit zwei Genies: Mit McEnroe einerseits und mit Kermadec andererseits.

Die Aufnahmen Kermadecs sind so ungewöhnlich spannend, weil sie nicht primär einem Tennisspiel zwischen zwei Kontrahenten, sondern dem Tennisspiel eines Spielers folgen: in diesem Fall eben dem von John McEnroe. Tennis, das wird klar, ist der Ausdruck von Persönlichkeit. Die Kamera mach deutlich, was den Amerikaner antreibt – pure Wut – und wie er sein Spiel versteht. Er versteht das Spiel als den ständigen Kampf gegen Idioten und Widrigkeiten, die ihn daran hindern seinen Job zu machen: nämlich perfektes Tennis zu spielen.

Dabei ist es ein Geschenk des Schicksals, dass Gil de Kermadec eines der größten Tennisspiele aller Zeiten filmte: 10. Juni 1984, Finale der French Open in Paris – John McEnroe gegen Ivan Lendl 6:3, 6:2, 4:6, 5:7, 5:7. Bis zu diesem Finale hatte McEnroe im Jahr 1984 kein Einzel verloren, am Jahresende war sein Matchrecord 82:3. In den ersten beiden Sätzen des Finales in Roland Garros spielte er perfektes Tennis. Dann verlor er offensichtlich die Kontrolle über seine eigene Aggression. Dieses innere Drama fängt Kermadec ein und Faraut zeigt uns, wie er das macht. Das ist sportlich und cineastisch gleichermaßen faszinierend. Am Ende hatte McEnroe die Perfektion nur gestreift und war gescheitert. Es bleibt die Erkenntnis, dass nur zwei Tennisspieler mit der Perfektion geflirtet haben: John McEnroe und Roger Federer. Das erstaunliche dabei: Der eine kreierte Momente der Perfektion aus Wut, der andere kreiert Momente der Perfektion aus Schönheit – immer noch.

Foto: Copyright UFO Production

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Titel

Orignaltitel

L'empire de la perfection

Englischer Titel

In the Realm of Perfection

Credits

Regisseur

Julien Faraut

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Jahr

2018

Dauer

95 min.

Festival

Berlinale 2018

Festivalplakat Berlinale 2018

Berlin, 15.02. - 25.02.2018

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