THE OTHER SIDE OF HOPE von Aki Kaurismäki (Berlinale 2017)

Solidarität im Land der langen grauen Wolken

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Obwohl Aki Kaurismäki bereits vierzehnmal bei der Berlinale zu Gast war, hofft man schon nach wenigen Filmminuten, dass noch viele Male folgen mögen.

Erzählt werden in THE OTHER SIDE OF HOPE zwei Parallelgeschichten, die zunächst ohne sichtbare Anknüpfungspunkte nebeneinander herlaufen.

Der in die Jahre gekommene Verkäufer von Herrenbekleidung Wikström (Sakari Kursmanen) will sich beruflich und privat neu orientieren. Er verlässt sein altes Leben samt trinkender Ehefrau, verkauft sein Warenlager und gewinnt in einem illegalen Pokerclub so viel Geld, dass er ein heruntergekommenes Restaurant in Helsinki erwerben kann. Zur gleichen Zeit ist der syrische Kriegsflüchtling Kahled (Sherman Haji) versteckt im Laderaum eines Kohlenfrachters in Finnland angekommen. Er hat fast seine gesamte Familie durch den Krieg verloren. Kahled beantragt Asyl in Finnland und muss in einem Aufnahmelager auf die Entscheidung über seinen Antrag warten. Eigentlich ist er aber nur auf der Durchreise, denn er sucht nach seiner Schwester, der neben ihm einzigen überlebenden Familienangehörigen, die er auf der gemeinsamen Flucht verloren hat. Durch verschiedene Zufälle kreuzen sich die Schicksale der beiden ungleichen Hauptfiguren und ein neuer, gemeinsamer Handlungsstrang beginnt.

Wer Kaurismäkis Filme kennt, weiß, dass er seine Geschichten mit einer ganz eigenen poetisch stilisierten Filmsprache erzählt. Geredet wird nur das Allernotwendigste, jedes Bild ist bis in die Spitzen der Zimmerpflanzen hinein genau durchkomponiert und in eine spezielle nostalgische Farbigkeit getaucht. Auch in THE OTHER SIDE OF HOPE finden sich reichlich der Zutaten, die Kaurismäki-Fans so sehr lieben. Wortkarge Charakterdarsteller, absurde Alltagssituationen, tragische Schlagermusik und eine besondere Art von melancholischem Humor. Trotz aller Poesie wird die Realität im heutigen Finnland nicht ausgeblendet. Helsinki ist kein weltentrücktes Paradies. Auch hier laufen die Mühlen der Bürokratie in der Ausländerbehörde und auch hier wollen brutale Rechtsradikale ihr Land mit allen Mitteln vor Leuten wie Kahled schützen. In langen Sequenzen wird die quälende Perspektivlosigkeit und der eintönige Alltag der Flüchtlinge im Aufnahmelager gezeigt. Im Zentrum steht aber wie immer die Idee von tatkräftiger Solidarität und Menschlichkeit, als einer Art universeller Kraft jenseits aller Schranken aus Religion oder Nationalität. Und natürlich gibt es am Ende trotz schlimmer Ereignisse auch einen kleinen Hoffnungsschimmer. Hilfe und Zivilcourage kommen bei Kaurismäki häufig gerade von denen, die selbst nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Ein großartiger Film aus dem Land der - wie es in einem der Filmsongs heißt - langen, grauen Wolken, der voller Warmherzigkeit genau dahin schaut, wo es weh tut. Jenseits kitschiger Sozialromantik kämpft Aki Kaurismäki mit seinem filmischen Schaffen für eine bessere Welt und er zeigt mit THE OTHER SIDE OF HOPE wieder einmal, wie jeder Einzelne dabei seinen Beitrag leisten kann.

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Titel

Orignaltitel

Toivon tuolla puolen

Englischer Titel

The Other Side of Hope

Credits

Regisseur

Aki Kaurismäki

Schauspieler

Sherwan Haji

Janne Hyytiäinen

Nuppu Koivu

Ilkka Koivula

Sakari Kuosmanen

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge FinnlandFinnland

Jahr

2017

Festival

Berlinale 2017

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 09.02. - 19.02.2017

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