ISTIYAD ASHBAH (GHOST HUNTING) von Raed Andoni (Berlinale 2017)

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Mach kaputt was Dich kaputt macht (oder bau es auf...)!

Raed Andoni nähert sich dem Thema der palästinensischen Gefangenen auf seine eigene künstlerische Weise. Was machen die Extremerfahrung der Haft mit einem Menschen? Raed Andoni hat sie während der ersten Intifada Ende der der 1980er Jahre, als Tausende gegen die Besatzung protestierende Palästinenserinnen und Palästinenser verhaftet wurden, selbst machen müssen.

"Die Geschichte beginnt mit meinen eigenen Geistern", sagt Andoni. "Es geht darum, verdrängte Emotionen hervorzuholen, die in mir und bei allen Menschen, die solche Erfahrungen gemacht haben, verborgen liegen." Dafür sucht der Regisseur per Zeitungsannonce eine Gruppe von ehemaligen Häftlingen, die als Bühnenbilder und Handwerker ein Gefängnis am Filmset nachbauen können. Und er sucht Schauspieler, die Wärter und Häftlinge spielen. So beginnen Menschen, die selbst in Haft waren, akribisch ihr eigenes Gefängnis nachzubauen. Für die meisten war es das berüchtigte israelische Haft- und Befragungscenter "Russian Compound" ("Moskobiya") in Jerusalem.

Dieser Prozess löst unterschiedliche Emotionen aus. Die ehemaligen Häftlinge fühlen sich in ihre Zeit im Gefängnis zurückversetzt. In sieben Wochen intensiver Zusammenarbeit am Set entsteht von der Kamera begleitet in detailgetreuer, fast liebevoller Arbeit eine erschreckend realistische Gefängniskulisse. Darin stellen sie schauspielerisch Szenen aus dem Gefängnisalltag nach und setzen sich in unterschiedlichen Kunstformen mit dem Erlebten auseinander. Die Akustik am Set, die der Film wirkungsvoll einsetzt, ahmt den eindringlichen Sound des Gefängnisses nach: Stille, das Knallen von Zellentüren, das Brüllen von Wärtern.

Hier wird geplant und gebaut, wie andere ihre Wohnung oder ihr Haus planen und bauen. Die Erfahrung des Gefängnisses als physischer Ort hat sich tief eingeprägt. Sie haben ihn zwar eines Tages verlassen, aber tragen ihn ihr ganzes Leben mit sich herum. Indem sie den Ort rekonstruieren, so scheint es, "bauen" sie auch einen Teil des Traumas ab. Sie arbeiten sich im wahrsten Sinne des Wortes daran ab. Sie alle haben unterschiedliche Erlebnisse gemacht, die sie teilweise verdrängt haben.

Zwei Jahre hat Andoni an einem Drehbuch gearbeitet, aber die Szenen am Set entstanden schließlich improvisiert. Dabei verschwimmen alle Grenzen: Dokumentarfilm oder Spielfilm, Sozialexperiment oder Gruppentherapie, Realität oder Fiktion. Genauso verschwimmen die Grenzen zwischen den Rollen der Häftlinge und der Wärter. Den auch letztere können sie, die die Gewalt selbst erlebt haben, erschreckend überzeugend spielen.

Es ist eine palästinensische Geschichte, aber auch eine universelle über menschliche Macht und ihren Missbrauch. Andonis Film funktioniert auch, weil er tolle Charaktere gefunden hat. Die Protagonisten schweißt das Projekt zusammen. Für alle ist es hart, aber auch bereichernd und inspirierend. Indem er ihnen Raum gibt sich auszudrücken, vermeidet Andonis Film jegliche Klischees. Er bleibt nicht bei der Betrachtung des Leidens oder der Inszenierung von Opferrollen stehen. Raed Andonis Werk hat die Chance als Traumatherapie zu funktionieren oder kann einen Anlass zu bieten, um über das politische Problem der Gefangenen zu diskutieren. Vor allem aber funktioniert er als eindrücklicher Kinofilm über Grundfragen der Conditio Humana.

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Titel

Orignaltitel

Istiyad Ashbah

Englischer Titel

Ghost Hunting

Credits

Regisseur

Raed Andoni

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge KatarKatar

Flagge SchweizSchweiz

Jahr

2017

Festival

Berlinale 2017

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 09.02. - 19.02.2017

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