COMO NOSSOS PAIS (Just like our Parents) von Laís Bodanzky (Berlinale 2017)

Auf der Suche nach dem Leben

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Vorbemerkung: Beim lesen dieser Rezension bitte dieses Lied hören!

„Somos tudos fudidos“ sagt Rosas Mann Dado. „Wir sind alle im Arsch.“ Rosa lebt in São Paulo und ist in einer fundamentalen Lebenskrise, die sie nicht mehr verdrängen kann.

Beiläufig teilt ihre Mutter ihr am Ende eines angespannten Familientreffens mit, dass sie nicht die Tochter ihres vermeintlich leiblichen Vaters ist, von dem sie seit langem geschieden lebt, sondern das Ergebnis einer kurzen Affäre. Rosa ist außer sich, bricht den Kontakt mit ihrer Mutter ab. Nur um getrieben von ihrer Neugier bald zurückzukehren und von ihrer Mutter die nächste Schocknachricht zu bekommen: Schilddrüsenkrebs, unheilbar.

Rosa stellt sich in Frage, stellt alles in Frage. Sie, die eigentlich schriftstellerische Ambitionen hatte (und angetrieben durch ihre Situation an einer Fortsetzung von Ibsens „Nora oder ein Puppenheim“ arbeitet), ist längst nur noch Mutter, rund um die Uhr für ihre beiden Töchter da, die Partnerschaft mit ihrem Mann Dado ist zerrüttet. Die täglichen Lasten der Familie liegen bei ihr, während der Umweltaktivist tagelang aufbricht um die Rechte indigener Amazonasbewohner zu verteidigen. Längst vermutet sie, dass er eine Affäre hat mit seiner Kollegin, und fühlt sich selbst hingezogen zu Pedro, einem Vater aus der Schule ihrer Kinder.

Rosas Welt ist aus den Fugen geraten. Oder ist die Welt einfach so? Eltern-Kind-Beziehungen: kompliziert. Liebesbeziehungen: kompliziert. Sex: kompliziert. Menschliche Beziehungen: kompliziert. So abgedroschen es ist: Das Leben ist kompliziert. Das alles verkörpert die brasilianische Schauspielerin Maria Ribeiro absolut glaubhaft. Ein emotionaler, großartiger Film. Oder sind wir, die Zuschauer, so emotional, weil wir in so fundamental verunsicherten Zeiten leben?

Rosa reist nach Brasilía und trifft ihren leiblichen Vater, einen hohen Politiker; die Begegnung ist surreal, verläuft aber erstaunlich freundlich. „Ich will nicht lügen, ich spüre keine Emotion“ sagt er. „Ich auch nicht. Besser so“, sagt Rosa. Und doch ist eine Nähe da, produziert durch die Gene, die beide so eng verbindet. In zwei Jahren, wenn er seine Politikerkarriere beendet könne man sich kennenlernen, vorher wäre es ein Skandal. Dem Vater, mit dem sie aufgewachsen ist, all dies zu erzählen bringt Rosa nicht übers Herz, er ist ein alter, träumerischer, verwirrter und altersschwacher Künstler.

Die Mutter stirbt, die eigensinnige und starke Persönlichkeit wird von einem buddhistischen Priester beerdigt. Auch sie war auf der Suche. Als der Film endet hat Rosa viele Fragen gestellt, aber keine Antworten bekommen. Eines Tages, soviel ist klar, werden ihre Töchter sie selbst hinterfragen. „Como nossos pais“ (das Lied von Bossa Nova Star Elis Regina - siehe oben - hat Regisseurin Laís Bodazky zum Film inspiriert): Ganz anders meinen wir zu sein als unsere Eltern, unsere Vorfahren und durchleben dieselben Konflikte, dieselben Verunsicherungen, als wären sie einzigartig.

Kommentare ( 1 )

klingt nach meinem leben :-).. nee, klingt noch viel interessanter. schöner text

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Titel

Orignaltitel

Como Nossos Pais

Englischer Titel

Just Like Our Parents

Credits

Regisseur

Laís Bodanzky

Schauspieler

Clarisse Abujamra

Herson Capri

Jorge Mautner

Annalara Prates

Maria Ribeiro

Felipe Rocha

Sophia Valverde

Paulo Vilhena

Land

Flagge BrasilienBrasilien

Jahr

2017

Festival

Berlinale 2017

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 09.02. - 19.02.2017

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