Berlinale 2016: ZJEDNOCZONE STANY MIŁOŚCI (United States of Love) von Tomasz Wasilewski

Die Vereinigten Staaten der Frauen- und Menschenfeindlichkeit

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Polen Anfang der Neunziger Jahre: Das kommunistische Regime ist Geschichte und die Schule nennt sich stolz Solidarność. Aber von Aufbruchsstimmung ist in der kleinen namenlosen Stadt, in der Tomasz Wisilewskis Film spielt nichts zu spüren. Seine Bilder wirken fast farblos, über allem liegt ein Grauschleier, nicht zuletzt über der Stimmung seiner vier Protagonistinnen: Agata (Julia Kijowska), die sich in den Priester verliebt hat und für ihren Mann nichts mehr empfindet. Die Schuldirektorin Iza (Magdalena Cielecka) ist die unglückliche Geliebte eines Arztes. Die junge Sport- und Tanzlehrerin Marzena (Marta Nieradkiewicz), die von einer Karriere als Model träumt. Und schließlich die Russischlehrerin Renata (Dorota Kolak), die sich so sehr zur Marzena hingezogen fühlt, dass sie sogar einen Sturz im Treppenhaus inszeniert um von ihr umsorgt und berührt zu werden.

Die Handlung von ZJEDNOCZONE STANY MIŁOŚCI ist schnell erzählt: Drehbuchautor und Regisseur Wasilewski zerstört mit großer Konsequenz und einer gehörigen Portion Sadismus, die Träume der vier Frauen zu zerstören. Agata lässt ihre unerfüllbare Liebe zum Priester keine ruhige Minute. Ihre frustrierte Lust lebt sie dafür in zwanghaften, fast gewalttätigen Szenen beim Sex mit ihrem Mann aus, der sie ziemlich verstört fragt, was eigentlich los ist. In alltäglichen Situationen darf dieser nicht einmal ihre Hand berühren. Die Schuldirektorin dagegen hat zunächst Hoffnung: Sechs Jahre war sie die heimliche Geliebte des Arztes. Nun ist seine Frau gestorben und sie möchte die Beziehung auf offiziell machen. Das Ergebnis: Der Arzt schlägt der Direktorin die Nase blutig. Als sie ihn mit den Worten anfleht „Ich würde alles für Dich tun“ zerrt er sie zum Fenster, öffnet es und fordert sie zu springen auf.

Renata lebt allein mit ihren Vögeln in ihrer kleinen Wohnung und überlegt verzweifelt, wie sie der Tänzerin Marzena näherkommen kann. Das scheint ihr durch ihren inszenierten Sturz zu gelingen. Natürlich hilft ihr die junge Frau. Es gibt ein gemeinsames Essen und als Renata Marzena bei einer Tanzstunde besucht, tanzen die beiden Frauen sogar miteinander. Eine der wenigen Szenen des Films, in der menschliche Wärme spürbar wird. Marzena, in deren Zimmer neben dem Konzertplakat von Whitney Houston 1988 in der Berliner Waldbühne auch ihr Foto als Gewinnerin der lokalen Miss Wahl hängt, bestellt einen Fotografen, um neue Bilder von sich machen zu lassen. Dafür trinkt sie sich Mut an. Am Ende schläft sie betrunken auf der Toilette ein. Der Fotograf nutzt das, um sie auszuziehen, über der bewusstlosen nackten Frau zu onanieren und dann zu verschwinden. Jetzt kommt es zu einer weiteren Geste der Menschlichkeit. Renata geht in die Wohnung ihrer Nachbarin und säubert die schlafende Frau.

United States of Love ist die wörtliche Übersetzung des polnischen Originaltitels. Angesichts der Handlung interpretiere ich das als puren Zynismus. Der von Wasilewski beschriebene Staat ist einer, in der alle an ihren Träumen scheitern und Frauen für ihr Begehren brutal bestraft werden. Sein Subtext der deutschen Vereinigung, die ab und zu in Nachrichtensendungen im Hintergrund auftaucht oder durch deutsche Touristen, die billige Rehaprogramme in Polen machen zum Thema wird, fügt andererseits dem Film keine neue Bedeutung hinzu. Darüber hinaus gelingt es ihm auch nicht seinen Film durch allerlei Mätzchen bei der Wahl des Bildausschnitts zu Kunst zu erheben. Er zeigt viel Nacktheit und Sex, aber auf demütigende und denunzierende Weise. Wasilewski wollte vermutlich einen kühlen, klinischen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse bieten. Herausgekommen ist ein abstoßender, menschenfeindlicher Film, der das Interesse an seinen Figuren und seine gesellschaftliche Relevanz lediglich behauptet.

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Titel

Orignaltitel

ZJEDNOCZONE STANY MILOSCI

Englischer Titel

United States of Love

Credits

Regisseur

Tomazs Wasilewski

Schauspieler

Magdalena Cielecka

Julia Kijowska

Dorata Kolak

Marta Nieradkiewicz

Drehbuch

Land

Flagge PolenPolen

Flagge SchwedenSchweden

Jahr

2016

Dauer

104 min.

Festival

Berlinale 2016

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 11.02. - 21.02.2016

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