GLORIA von Sebastián Lelio

Gloria ist älter als 50. In der Auftaktszene ist alleine in einem Tanzlokal und macht einen etwas schüchternen Eindruck. Wenn sie jemanden anspricht, erzählt sie sofort von ihrer schon lange zurückliegenden Scheidung. Zack! Schon habe ich als erfahrener Kinogänger Gloria in eine Schublade gepackt: Gloria ist eine einsame, frustrierte Frau, die verunsichert ist und nach Sinn im Leben sucht. Nun, meine Beschränktheit und meine Vorurteile sind mein ganz persönliches Problem, darüber hinaus habe ich Glück: GLORIA von Sebastián Lelio ist kein deutscher Film mit den üblichen Problemhorizonten, sondern ein chilenischer Film. So entsteht eine lebendige, nuancierte Geschichte, die konsequent aus der Perspektive der Protagonistin erzählt wird. Hauptdarstellerin Paulina Garcia gibt Gloria soviel Emotion und Echtheit, dass schon nach einer Viertelstunde klar wird: GLORIA ist auch ein Glücksfall für diese Berlinale.

Gloria hat ihr Leben im Griff und auch, was Männer betrifft, ergreift sie auf den Tanzpartys, die sie regelmäßig besucht die Initiative. Doch, wie es im Leben eben so ist: Was andere Menschen tun oder lassen, hat einen großen Einfluss. In Glorias Fall sind das ihre beiden erwachsenen Kinder oder auch der Nachbar, der über ihr wohnt und sie mit seinen lauten depressiven Anfällen nervt. Gloria bietet dann ihre Unterstützung an, besucht den Sohn, der offensichtlich Beziehungsprobleme hat und ruft die Mutter des kriselnden Nachbarn an. Aus einer von Glorias Tanzbekanntschaften wird eine Beziehung: Rodolfo ist ebenfalls geschieden, sehr liebevoll, aber kann sich offensichtlich nur schwer von seiner Ex-Frau lösen. Das wiederum liegt vor allem daran, dass er seine geschiedene Frau und die beiden erwachsenen Töchter geradezu zwanghaft finanziell abhängig gemacht hat.

Eine der großen Stärken des Films ist es, sich konsequent jeglicher Kategorisierung zu entziehen: Ist es eine Tragödie, eine Komödie oder ein Beziehungsfilm (einen Begriff, den es übrigens nur im Deutschen gibt)? Meine Antwort: Er ist oft lustig, in vielen Momentan aber auch traurig. Die Hauptfiguren tun Dinge, die sie manchmal selbst nicht verstehen, weil sie eben so sind, wie sie sind. Und manchmal geschieht Unvorhergesehenes, was die Dinge zusätzlich verkompliziert. Kurz gesagt: ein Film, der Leben auf die Leinwand bringt. Genießen wir es, sowas kommt im Berlinale-Wettbewerb selten genug vor – ein Bärenfavorit!

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Titel

Orignaltitel

Gloria

Credits

Regisseur

Sebastián Lelio

Schauspieler

Diego Fontecilla

Paulina García

Sergio Hernández

Fabiola Zamora

Land

Flagge ChileChile

Flagge SpanienSpanien

Jahr

2013

Dauer

105 min.

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