WAS BLEIBT von Hans Christian Schmid

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Nach seinem letzten beeindruckenden Berlinalebeitrag "Sturm" über eine Anklägerin am UN- Kriegsverbrechertribunal wendet sich Hans Chrstian Schmid mit WAS BLEIBT nun privateren Themen zu und widmet sich diesmal den verdeckten Beziehungsstrukturen in einer gutsituierten Bildungsbürgerfamilie.

Schon die erste Szene enthält einen ganzen Kosmos an unausgesprochenen Gefühlen: Marko verkörpert den klassischen Typ des lässigen Berliner Kreativen. Er trifft sich mit seiner genervt auf ihn wartenden Exfreundin zu einer schnellen Wochenendübergabe des gemeinsamen Sohnes, das Treffen wird begleitet von kurzen, gereizten Dialogen. Marko nimmt seinen Sohn mit zu einem Besuch bei seiner Familie in der Provinz. Seine Eltern sind wohlhabend, der Vater war ein erfolgreicher Verleger, der gerade seinen Verlag gewinnbringend verkauft hat, die Mutter ist eine klassische Hausfrau und kümmert sich um die Pflege des gehobenen Mobiliars und des weitläufigen Gartens. Markos jüngerer Bruder Jakob lebt noch bei den Eltern im Ort und arbeitet dort als Zahnarzt in eigner Praxis. Die Kinder reden ihre Eltern mit Vornamen an, man pflegt eine gewisse Lässigkeit, hat sich miteinander arrangiert und jeder kennt seine Rolle im Familiengefüge. Auf den ersten Blick stimmt alles vom gepflegten Designerinterieur des Bungalows bis hin zur Kleidung der Hausbewohner, die immer ein wenig so aussehen, als würde gleich ein Fotograf für eine Homestory vorbeischauen. Doch spätestens nachdem die Mutter ihrer Familie beim Abendessen mitteilt, dass sie die Medikamente gegen ihre bereits seit Jahrzehnten andauernde Depression absetzt hat, zeigen sich tiefere Risse in der Familienidylle.

Man denkt schnell an Tolstois berühmten ersten Satz aus Anna Karenina wonach jede unglückliche Familie auf ihre eigene Weise unglücklich ist. In dieser Familie besteht das Unglück vor allem in der Unfähigkeit zu echter Kommunikation. Hier macht jeder jedem etwas vor und will so lange wie möglich den Schein wahren. Die eigentlich längst erwachsenen Brüder konkurrieren immer noch gegeneinander um die Anerkennung ihrer Eltern und alle üben sich im Verschweigen von Tatsachen: Um unangenehmen Gesprächen aus dem Weg zu gehen, verschweigt Marko die Trennung von seiner Freundin vor seinen Eltern und erfindet Ausreden dafür, warum sie ihn nicht begleiten kann. Sein Bruder Jakob verschweigt allen, dass die Zahnarztpraxis, die ihm sein Vater bezahlt hat, wirtschaftlich nicht tragfähig ist, und auch der Vater hat seine eigenen Geheimnisse vor dem Rest der Familie. Das alles ist gut beobachtet und präzise inszeniert. Die Dialoge der Figuren wirken über weite Strecken seltsam hölzern und künstlich, genau wie in einem Schauspiel, ein Kunstgriff der zwar gut zur Untermalung der Grundstimmung in dieser Familie passt, letztlich aber auch eine Identifikation mit den Figuren verhindert. Spätestens ab dem Verschwinden der Mutter im Wald wechselt der Film dann immer wieder auf eine metaphorische Ebene, die ich persönlich eher störend fand. Insgesamt hat mich WAS BLEIBT daher nicht so überzeugt, wie frühere Filme des Regisseurs.

Kommentare ( 2 )

Super Kritik, die auf den Punkt bringt, was mir nach dem Film durch den Kopf ging.

Da bin ich ein wenig anderer Meinung. Ich fand ihn gelungen in der Schilderung des Mileus und auch ihrer Sprache. Gerade die Traumsequenz (Mama macht das Aua weg) war toll.

Schon gleich zu Beginn, bei der Ankunft am Haus, wird das Kind angwiesen "Nur einmal klingeln!". Also: bitte nicht laut, keine Aufregung, alles schön normal. "Einfach nur lecker Essen und lang schlafen, keine Probleme", sagt der Berlin-Bruder - und folgt damit der Familienideologie.

Und dann diese Leerstelle, die die Mutter 30 Jahre auf Medikamente war, während alle sich um sie herum organisierten, sie schonten und damit auch sich selbst.
Und dann schafft sie sich selbst ab, löscht sich aus. Und wie bei einem Möbelstück (als das sie sich selbst mal bezeichneet), das Jahrelang an der Wand stand, fällt es erst wieder auf, wenn es fehlt. Weg ist.

Die Sprachlosigkeit, dieses linksliberalen Wohlstandsmilieu Westdeutschlands, kann man schon fast exemplarisch nennen. Konflikte werden vermieden, die Eltern auch (außer an Weihnachten), man bemüht sich sehr, sein eigenes Leben zu leben und hat komischerweise den Eindruck, die Eltern könnten einem dazwischenfunken. Daher behandelt (oder bennent sie sogar wie Freunde) - und verwischct damit die Chance zu einem schönen, emanzipierenden Generationenkonflikt, sich selbst eine Rolle, gegen die man rebellieren kann, muss stattdessen immer wieder alles "verhandeln". Man bildet sich ein "klar zu kommen" - alles auf Kosten von Offenheit, Ehrlichkeit und Klarheit. Was bis in die eigenen Beziehungen strahlt.

Insofern. Mir hat der Film sehr gut gefallen, Corinna Hafouch aber auch der joviale Vater und die Söhne sind find ich toll dargestellt, die Dialoge eben von all den erzwungenen Leerstellen wie enfärbt. Klasse.

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Titel

Orignaltitel

Was bleibt

Englischer Titel

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Credits

Regisseur

Hans-Christian Schmid

Schauspieler

Lars Eidinger

Corinna Harfouch

Ernst Stötzner

Sebastian Zimmler

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2011

Dauer

84 min.

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