CRAZY HORSE von Frederick Wiseman

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Der 81jährige Frederick Wiseman ist nach seiner über 40 Jahre andauernden Schaffenszeit einer der weltweit bekanntesten Dokumentarfilmer und er interessierte sich in seinen früheren Dokumentationen besonders für soziokulturelle Einrichtungen und öffentliche Orte in Amerika. Für seinen neuen Film hat er sich nun den vor allem als Touristenattraktion bekannten Nachtclub „Crazy Horse“ in Paris vorgenommen, in dem er zehn Wochen lang gedreht hat.

Sieben Tage die Woche laufen im Crazy Horse pro Nacht zwei Erotik-Shows. Jede Darbietung wird bis ins Detail durchgeplant: die Choreographie, der Einsatz der Beleuchtung, die Auswahl der Musik, die spärlichen Kostüme und natürlich das Gesamtarrangement und die Tänzerinnen selbst, nichts wird dem Zufall überlassen. Wiseman zeigt anhand von Ausschnitten aus den Proben, wie anstrengend es für die Akteure hinter den Kulissen ist, die perfekte Illusion zu erzeugen und wie mühevoll Lust und Erotik inszeniert werden müssen. Kontrastiert werden die Showeinlagen mit alltäglichen Strassenszenen des Lebens in der Nachbarschaft, mit Aufnahmen aus der Garderobe und dem Gästebereich und mit Mitschnitten endloser Diskussionen zwischen Artdirector, Kostümbilderin und Regisseur.

Vor allem aber richtet Wiseman seinen Blick auf die einzelnen Bühnenshows, mit Namen wie „Evolution“, „Desire“, „Upside Down“ oder auch „Baby Buns“ und dabei scheint es durchaus so, als hätte auch der Regisseur zunehmend Gefallen an der künstlichen Erotikwelt gefunden, die hier auf immer neue Weise in Szene gesetzt wird: Perfekte Frauenkörper räkeln sich in sehr wenig Kostüm allein oder auch in Gruppen z.B. als laszive Leopardinnen im Käfigambiente, beschäftigen sich als von der Hitze geplagte Astronautinnen miteinander oder führen in nur noch rudimentär vorhandener Uniform neckische Paraden auf. In diesen langen Filmsequenzen trägt Wiseman mit seiner Kameraführung dazu bei, den Objektstatus der Tänzerinnen zu betonen, wenn er die Kamera immer wieder genüsslich und aus allen erdenklichen Perspektiven auf weibliche Hinterteile richtet.

Wie im Revuetheater der 20iger Jahre geht es nicht um einzelne unverwechselbare Personen sondern um den genormten weiblichen Körper. Nach einer strengen und im Film dokumentierten Vorauswahl der Tänzerinnen hinsichtlich Körbchengröße und passendem Körperbau, wird durch den Einsatz gleichfarbiger Perücken und identischem Make-Ups alles versucht, die ohnehin optisch nur geringen Unterschiede zwischen den Tänzerinnen weiter zu verwischen. Erotik entsteht hier vor allem durch bewußte Künstlichkeit und durch den Eindruck einer unerschöpflichen jederzeit verfügbaren Masse an perfekten Körpern. In diesem Kontext ist es zwar letztlich konsequent aber gleichwohl auch enttäuschend, dass Wiseman wenig Hintergrundinformationen über die Tänzerinnen bietet. „Die Mädchen“ bleiben in seinem Film bloße Projektionsfläche für erotische Phantasien ohne eigene Identität. Seine Dokumentation bezieht kaum Stellung und es obliegt allein dem Zuschauer, aus dem Gezeigten eigene Schlussfolgerungen abzuleiten. Bei 120 Minuten Gesamtlänge führt dieses Verfahren bald zur Ermüdung und man wünscht sich insgesamt mehr kritische Distanz statt einer schwülstigen Tanznummer nach der anderen.

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Titel

Orignaltitel

Crazy Horse

Credits

Regisseur

Frederick Wiseman

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2011

Dauer

120 min.

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