THE ADVOCATE FOR FAGDOM von Angélique Bosio

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Knarren, Schwänze, Körperflüssigkeiten

Ein sehr muskulöser nackter Mann posiert mit einem riesigen Gewehr und einer monströsen Erektion vor einer amerikanischen Flagge, überall literweise Blut – und das ist noch eine Untertreibung. Alle lächeln, alle freuen sich, alle haben Spaß – die nackten Models, die amerikanische Art Crowd. Willkommen in der Welt von Bruce LaBruce.

Wer ist Bruce LaBruce? Diese Frage versucht Angélique Bosio in ihrem Dokumentarfilm THE ADVOCATE FOR FAGDOM zu beantworten. So schwer scheint die Antwort gar nicht zu sein: Der Mann selbst, bürgerlicher Name Justin Stewart, sagt im dem Film, er habe Bruce LaBruce als alter ego erfunden. Eine Figur die intensiver sei und verrückter und mehr Interesse daran habe, berühmt oder berüchtigt zu sein. Irgendwann habe die Figur dann die Show übernommen. Heute kennt niemand Justin Stewart, aber Bruce LaBruce ist der King des Queercore. Ein gefeierter Filmemacher der auf Festivals in aller Welt schwule Arthouse Pornos (was immer das genau ist) zeigt, die in bizarren Zombie- und Trashwelten spielen. Die Differenz zwischen Person und Figur ist also damit geklärt, erklären tut das nichts.

Ich mag keine Pornos, ich mag keine Zombiefilme und mit Splatter Movies und SM-Gewaltexzessen auf der Leinwand, kann ich nichts anfangen. Und doch finde ich Bruce LaBruce unterhaltsam. Wie kann das nur sein? Er ist zum Verzweifeln. LaBruce hat etwas, über das in dem Film auch John Waters, Gus van Sant und viele andere sprechen: Irgendwo in der rasantesten Blutorgie blitzt ein Lächeln auf und trotzdem geht er weiter als alle anderen. Es ist wahrscheinlich dieser pure Spaß an der Grenzüberschreitung und der Subversion, mit dem er einerseits unterhält und anderseits wirklich alle gegen sich aufbringt. Der Skinhead der auf das Buchcover von „Mein Kampf“ abspritzt, der schwule Zombie, der einen Obdachlosen ins Leben zurückfickt, das Blut fließt in Strömen beim Sex und beim Blow-Job hat einer eine Schweinsmaske auf.

Bruce LaBruce hat schon alle erzürnt, das dokumentiert Angélique Bosio: Die linken Schwulen, weil er nicht politisch korrekt ist, die Queeren, weil er irgendwann das post-queere Zeitalter ausrief, die „Normalen“ sowieso, weil das alles ja irgendwie eher Hardcore als Artcore ist und die Konservativen kreisen eh‘ um die Lampe. Warum ist das jetzt so unterhaltsam? – Keine Ahnung, aber es ist so.

Im Cinemaxx 7 steht Bruce LaBruce ganz entspannt mit einem Weinglas in der rechten Hand, hat die obligatorische Sonnenbrille auf der Nase und plaudert. Der Mann ist der freundlichste Anarchist der Welt. Das ist es: Alle diese ja eigentlich so schockierenden Bilder haben etwas von der Anarchie des Kindergartens, wenn sich alle mit Fingerfarben oder Matsch beschmieren, obwohl sie es nicht sollen. Und genau darin liegt der Spaß: Die Freude über etwas, an dem man sich eigentlich nicht erfreuen darf. – Vielleicht bin ich aber einfach auch nur pervers. Macht nichts.

Kommentare ( 3 )

toller artikel,anscheinend lustiger film und mutiges selbstbekenntnis ; )

Der Verfasser weist darauf hin, dass dem verantwortlichen Herausgeber dieser Webseite das Foto von Otto und seinem Freund offensichtlich zu hart für die Aufmacher-Galerie war. Zensur! :-))

....das ist mobbing ; )

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Titel

Orignaltitel

The Advocate For Fagdom

Credits

Regisseur

Angelique Bosio

Schauspieler

Bruce LaBruce

Gus Van Sant

John Waters

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Jahr

2011

Dauer

92 min.

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