Greenberg von Noah Baumbach

Roger Greenberg ist ein ziemlich schwieriger Typ. Verklemmt, egozentrisch und latent aggressiv. Allerdings nicht von der Sorte Ruck-zuck-eins-auf-die Fresse, denn schließlich wird Roger Greenberg von Ben Stiller gespielt: Die Hiebe, die er austeilt, sind rein verbal. Nichtsdestotrotz fügen sie den Menschen, die Roger an sich herankommen lassen, nicht unerheblichen Schaden zu. Nach einem Nervenzusammenbruch will der 40-jährige Ex-Musiker und aktuelle Schreiner erst mal eine Auszeit nehmen und „nichts tun“. Er verlässt New York und quartiert sich bei seinem Bruder in Los Angeles ein. Der ist – natürlich! – erfolgreich, hat eine Frau, zwei Kinder nebst Hund (Mahler!), ein Haus mit Swimming Pool, eine nette Assistentin (Haushaltshilfe, Babysitterin, Gassigeherin und Mädchen für alles - Florence) und er verbringt seinen Urlaub in Vietnam. Als Dankeschön für den Unterschlupf soll Roger eine Hundehütte für Mahler bauen.

Nun heißt Noah Baumbachs Film zwar „Greenberg“, er setzt aber mit einer Autofahrt der zweiten Hauptperson ein: eben jener Florence, die sich mit schier unglaublicher Menschenfreundlichkeit und Offenheit durch ihr nicht ganz so perfektes Leben hangelt. Und dabei nervt sie nicht mal (obwohl sie auf Kleinkunstbühnen singt!). In den wenigen Minuten, in denen wir in der Anfangssequenz Greta Gerwig als Florence erleben, ist sie uns schon ans Herz gewachsen.

Von der Minute an hingegen, in der Roger Greenberg auftaucht, ist es schrecklich und komisch zugleich mitanzusehen, wie er in der Stadt der Engel die Flügel hängen lässt. In New York hat er das Autofahren verlernt, also muss er ständig um Fahrgelegenheiten bitten oder als Fußgänger Kopf und Kragen riskieren. Chauffeure sind entweder Florence oder sein alter Musikerkumpel Ivan, den Rhys Ifans ganz wunderbar als empfindsames aber freundliches Gegenstück zu Greenberg spielt. Auf Parties steht Greenberg dumm rum oder gibt unpassend ehrliche Antworten auf Fragen, die eigentlich keine echte Antwort erwarten. Greenberg wäre rührend, wenn er in seiner grenzenlosen Ichbezogenheit und in seinem Zynismus nicht jegliches Gefühl für die Gefühle anderer Menschen verloren hätte. „Die Jugend wird an die jungen Menschen und das Leben wird an die Menschen verschwendet“, so sein Credo.

Dem Misanthropen, der einen anrührt, obwohl er eben nicht rührend ist, passieren lauter Missgeschicke: Hund Mahler erleidet einen Zusammenbruch und muss wegen einer Autoimmunerkrankung in der Tierklinik behandelt werden, Rogers Exfreundin muss ihm überdeutlich klar machen, dass sie – obwohl frisch geschieden und alleinerziehend – an einem Relaunch der Beziehung keinerlei Interesse hat, die 20-Jährige Nichte von Greenberg fällt mit einer Horde Freunde ins Haus ein und veranstaltet dort eine kleine Orgie, und und und. Regisseur Noah Baumbach, der schon in „Der Tintenfisch und der Wal“ ein Händchen für die Feinheiten menschlicher Unzulänglichkeiten bewiesen hat, wirft auch hier einen humorvollen Blick auf eine ziemlich ernste Charakterstudie.

Besonders deutlich zeigen sich Greenbergs Unzulänglichkeiten in seiner Beziehung zu Florence. Eine kleine Affäre wird zur emotionalen Achterbahnfahrt; je näher Florence ihm emotional kommt, desto heftiger stößt er sie von sich, nur um wieder den Kontakt zu ihr zu suchen. Auch in Bezug auf seinen Freund Ivan beweist er ganz erstaunliche Charakterschlaglöcher. Und trotzdem: irgendwie will man die Hoffnung nicht aufgeben, dass Greenberg irgendwann einmal den eigenen Beißreflex als Abwehrhaltung hinterfragen und vielleicht sogar aufgeben könnte. Ob dieser Typ wohl noch zu retten ist? Baumbach, so viel sei verraten, gibt ihm jedenfalls eine Riesenchance. Und vielleicht wird’s sogar noch was mit der Hundehütte für Mahler.

Kommentare ( 1 )

Ich fand so Baumbach-großartig die Dialoge, welche aneinander vorbei laufen, in denen Floskeln und Nichtigkeiten ebenso viel über die Personen aussagen, als wenn sie ganz ganz tief in sich gegriffen hätten und erzählten. Dann diese Dialoge, die nirgendwo beginnen und da auch enden, aber mit dem Minenspiel und der "awkwardness" der Figuren so wunderbar das Eigentliche zeigen.
Ich muss der geschätzten Korrespondentin allerdings in einem Punkt widersprechen: ich finde, dass diese Beziehung eben überhaupt keine emotionale Achterbahnfahrt ist, sondern in der ungelenken Unfähigkeit der beiden sich zu zeigen, den Versuch eben durch nicht-sagen und Analytikersprech den anderen anzugreifen eher von viel Sehnsucht geprägt ist, die nicht nach oben kommt.
Um beim Bild zu bleiben: die beiden hängen irgendwo fest auf der Achterbahn und strampeln und rudern mit den Armen und hauen dabei dem anderen unabsichtlich mal eine.
Die zwei drei verbalen Ausfälle wirken fast albern und vor allem durchschaubar, aber nicht ernsthaft emotional heftig. Und genau dadurch sind diese Figuren glaubwürdig. Es sind nicht die typischn romantic-comedy Verwicklungen oder amour fou Aufs und Abs, sondern in sich verwurschtelte Zwei, die immer dann am meisten sagen, wenn sie nichts sagen und nur dumm auf einer Party rumstehen und psychosomatische Schweißausbrüche bekommen- ein Zustand der für Greenberg mehr oder minder der Normalzustand seines Lebens ist.

Der Effekt der Figuren aufeinander ist gerade nicht wie in diesem typischen movie-style (der macht das und dann macht der andere das) sondern, ja, echt, das heißt planlos.

Toller Film. Außer Squid and the Whale unbedingt zu empfehlen Margot at the Wedding mit Nicole Kidman und Frank Black!

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Titel

Orignaltitel

Greenberg

Credits

Regisseur

Noah Baumbach

Schauspieler

Greta Gerwig

Rhys Ifans

Jennifer Jason Leigh

Ben Stiller

Land

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2009

Dauer

107 min.

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