Tropa de Elite von José Padilha

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Brasiliens alltäglicher Bürgerkrieg

„Tropa de Elite“ zeigt die reguläre Polizei als einen schlecht bezahlten und korrupten Haufen - was sich mit der Wirklichkeit in Brasilien wohl weitgehend deckt. Die Mitglieder der Elitetruppe „BOPE“, eine Einheit irgendwo zischen SEK und GSG9, verdienen etwas besser als die normale Polizei und haben, zumindest was Korruption angeht, einen besseren Ruf. Sie sind die hochgerüsteten Stadtsoldaten in einem Land, dessen politische Klasse die armen Teile der Bevölkerung aufgegeben hat und nur noch als Bedrohung wahrnimmt. Und so zeigt der Film die BOPE im Straßenkampf mit den Drogenhändlern in den Favelas und auch die illegalen Methoden von Folter bis zu willkürlichen Erschießungen. Ein Offiziert ist immer kurz vor dem Nevenzusammenbruch, zwei junge Polizisten, wollen dagegen unbedingt in die BOPE aufgenommen werden.

Der Film spielt im Vorfeld eines Papstbesuches 1997 in Rio, wo es bei Polizeieinsätzen zu über 300 Toten kam. Er basiert auf dem gleichnamigen Buch von Luis Eduardo Soares. Aber der Film könnte eben so gut heute spielen, denn das Problem in den Favelas ist das Gleiche geblieben, wenn nicht sogar größer geworden: Armut und Drogenhandel, Kinder als Soldaten und Kuriere und äußerst gewalttätigen Auseinandersetzungen mit vielen Toten, wenn der Staat ab und an versucht, (sein) Recht durchzusetzen oder ein Exempel zu statuieren.

Eine der Hauptfiguren des Films lebt in zwei Welten zugleich: zum einen als Jurastudent unter linksliberalen Kommilitonen und zum anderen als Polizist im Favela-Kampfeinsatz. Die Zerrissenheit - Rechtsstaat oder Polizeistaat, Lynchjustiz oder gerechte Strafe, der Versuch anständig zu bleiben in unmöglichen Verhältnissen - er verkörpert diese Widersprüche. Würden die Polizeikollegen von der Freundin in der Favela wissen und die Kommilitonen von seiner Arbeit als Polizist, es wäre eine Katastrophe und könnte Leben kosten. Genau das geschieht dann auch.
Die Erzählstimme und so etwas wie der zweite Hauptdarsteller ist Nacimento, ein an seiner Arbeit zerbrechender Einheitsleiter der BOPE. Sobald er die Uniform auszieht, beginnt er zu zittern, er hat Alpträume, nimmt Medikamente und ist nach jedem Einsatz kurz vor dem Durchdrehen.
Die Kamera in Tropa erinnert an Paul Greengrass Filme wie Bloody Sunday oder United 93 wenn sie sich bei Schießereien ruckelnd und schwenkend mitten im Geschehen befindet und den Zuschauer zum Teilnehmer macht - bis am Ende sogar Blut auf die Linse spritzt.

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Unwohl wird einem nicht nur bei den Schießereien. Auch die Folterszenen sind drastisch. Dass der Regisseur Folter als probates Mittel zeigt, wird von einigen kritisiert. Denn wen auch immer die Polizei mit einer Plastiktüte fast erstickt oder beim berüchtigten Waterboarding zermürbt - Frauen, Jugendliche, Drogenkurieren - sie bekommen ihre Informationen. So ist der Vorwurf der Gewaltverherrlichung nicht ganz unberechtigt. Die Mehrheit der Brasilianer hält solche Methoden jedoch für angemessen und auch der Film stellt Erstickungsfolter und Erschießungen nicht in Frage. Das Logo der BOPE lässt keine Zweifel aufkommen: es ist eine Mischung aus SS-Totenkopfrune und gekreuzte Pistolen im Stil der US-Konföderierten Armee. Der Regisseur weist Vorwürfe der Gewaltverherrlichung jedoch zurück und erklärt die Darstellung der Folter mit der Notwendigkeit, sich in die Methoden der Polizei "einzufühlen". Nun ja...

Lobenswert ist dagegen in Topa die Bereitschaft das heikle Thema Verantwortung anzusprechen: Ist die reiche Mittelschicht, die all das Kokain und Marihuana konsumiert, nicht eigentlich Mitschuld an den Zuständen in den Favelas? Im Film diskutieren einige Studenten im Seminar leidenschaftlich über Polizeigewalt und Foucaults „Überwachen und Strafen“ - und zünden sich danach einen Joint an, dessen Zutaten natürlich aus der Favela stammen und dort den Handel am laufen halten. Verantwortungsbewusstsein: Null. Verständnis von Zusammenhängen: Null.

Die Diskussion um den Film „Tropa de Elite“ (Eliteeinheit), wie sie in Brasilien stattgefunden hat, ähnelt ein wenig den Diskussionen um Polizei- und Staatsgewalt, wie wir sie aus den 70er und 80er Jahren in Deutschland kennen. Da werden Polizisten auf der einen Seite als „Faschisten“ bezeichnet, als der gewalttätige Arm eines undemokratischen, repressiven Staates.
Andere argumentieren dagegen, jeder tote Drogenhändler sei ein Problem weniger und fordern gar mehr Härte beim Einsatz der Polizei in den Favelas Brasiliens. Und im Kino applaudiert die brasilianische Mittelschicht, wenn per Folter aus den Verbrechern Informationen gepresst und diese dann später abgeknallt werden. Dass bei den Kämpfen zwischen Drogenbanden und Polizei auch immer wieder Unschuldige umkommen, seien die Kollateralschäden eines Konflikts, den man mit genug Polizei, vor allem mehr Elitesoldaten, schon in den Griff bekommen werde. Angesichts der jahrzehntelang bestehenden Probleme, bei stetig wachsender Polizeimenge, darf diese Einschätzung bezweifelt werden.

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Bei der Diskussion um den überaus erfolgreichen Film, der natürlich mit „City of God“ verglichen wird, vermischen sich ästhetische Kritik am Film und politische Kritik an der Situation in Brasilien. Da ist die Diskrepanz zwischen idealistischer Staatstheorie der brasilianischen Eliten und der lebensgefährlichen Polizeiarbeit der Eliteeinheit BOPE. Da ist die Frage nach den Ursachen des Drogenhandels und der Gewalt, zu der die Mittelschichten durch Konsum von Drogen ihren Beitrag leisten. Und schließlich nach der Kooperation und Verflechtung beider Seiten, Polizei und Drogenmafia, durch Korruption und Waffenhandel.

Dem Film gelingt es - bei aller Kritik an der positiven Darstellung von Folter als Mittel der Polizeiarbeit - die seit Jahrzehnten selbstverständlichen Fronten zu verwischen: der Dualismus Reich gegen Arm, Polizei gegen Favela, Gut gegen Böse wird aufgeweicht. Alle Beteiligten sind in ein tödliches Spiel aus Abhängigkeiten, Unrecht und Schuld verwickelt. Rachemorde, Gewalt, Erpressung werden auf beiden Seiten eingesetzt, der Zustand nutzt offenbar noch zuvielen und schadet nur jenen, die keine Lobby haben - ansonsten hätte irgendeine Regierung sich des Problems einmal ernsthaft angenommen. Am Ende des Films, haben sich folgerichtig auch alle schuldig gemacht: am meisten leider diejenigen, die zunächst die besten Absichten hatten.

Ob Tropa de Elite in Europa mehr sein kann, als ein „Copfilm“ mit schicken Bildern, irgendwo im Kielwasser von City of God bleibt abzuwarten. Zu fremd sind die Probleme hier und im Gegensatz zu City of God fehlt Tropa die ganz gelungene Ästhetik und vor allem eine Identifikationsfigur wie der Fotograf Buscapé in City of God. Den Goldenen Bären hat er jetzt trotzdem bekommen.

Kommentare ( 2 )

Nicht nur die Elite, alle diskutieren hier in Brasil über den Film. Was man noch anmerken kann ist der interessante Umstand, dass der Film bereits vor dem Kinostart illegal auf DVD erschien, und seitdem bei den Strassenhändlern zu kaufen ist. Ebenso die (inoffiziellen) Teile 2 und 3 des Films, die im Grunde nur aus einer Dokumentation von João Moreira Salles und Kátia Lund bzw. eines Polizeivideos bestehen.

Der Regisseur José Padilha hat ebenfalls Ônibus 174 gedreht (2002), ein Film über eine authentische Geiselnahme in Rio und die Lebenshintergründe des Geiselnehmers (Gewalt, Leben auf der Strasse etc). Man kann ihm also keine Kritiklosigkeit oder pure Gewaltverherrlichung unterstellen.

Tropa de Elite klärt auch über die oft zu sehenden Leuchtfeuer auf den Hügeln Rios auf, die romantische Touristenpärchen sich nächtens gerne anschauen: es sind Menschen, die hier bei lebendigem Leibe verbrannt werden. Welcome to paradise!

Der Film kommt allerdings zu einem Zeitpunkt, zu dem es den Brasilianern sichtbar besser geht: deutlich sinkende Kriminalitätsquoten in Sao Paulo (ich sah dort weniger Sandler, Betrunkene, Junkies und Bettler als derzeit in Wien !!!) . um 20% mehr Auto-Neuwagenkäufe als im Vorjahr, boomender Inlandstourismus zeugen davon, dass es Millionen Brasilianern in den letzten Jahren dank der umsichtigen Sozialpolitik Lulas gelungen ist, von den Armut in die (untere) Mittelschicht emporzukommen.
Trotzdem: die Geschichte ist wahr, interessanterweise wollte die „normale“ Polizei den Film verbieten, während die Bope selber ihn zutreffend und gut fand und damit auf mehr Verständnis ihrer Dreckarbeit hofft.
Jedenfalls kontrastiert das Bild von Brasilien, das dieser Film vermittelt, total mit der Erfahrung als Tourist (ich war schon 13 mal dort!) , der ein zunehmend sicheres, sauberes, freundliches und wunderschönes Land vorfindet.

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Titel

Orignaltitel

Tropa de elite

Englischer Titel

The Elite Squad

Credits

Regisseur

José Padilha

Schauspieler

Caio Junqueira

Wagner Moura

André Ramiro

Land

Flagge ArgentinienArgentinien

Flagge BrasilienBrasilien

Jahr

2007

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