Wettbewerb: Grbavica von Jasmila Žbanić

Die Vergangenheit ist noch lange nicht vorbei

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Sarajewo, in der Gegenwart. Esma hat gerade ihren Job verloren und arbeitet nun nachts als Bedienung in einer Disko, um sich und ihre 12-jährige Tochter Sara über die Runden zu bringen. Das Verhältnis der beiden ist eng, fast kumpelhaft – und doch spürt man immer wieder seltsame Irritationen. Mutter und Tochter balgen wie junge Katzen auf dem Boden, Sara wirft sich auf Esma und hält ihre Arme fest. Da versteinert das Gesicht der Mutter: "Hör auf, hör auf!" ruft sie. Das Spiel ist abrupt zuende. Sara ist in dem Glauben aufgewachsen, ihr Vater sei als Held im Krieg gegen die Tschetniks gestorben. Doch die Wahrheit ist sehr viel schmerzhafter.

Der Bosnierin Jasmila Žbanić ist mit ihrem ersten Spielfilm Grbavica ein stimmiger, stringent erzählter Wettbewerbsbeitrag gelungen. Die einfachen, ruhigen Bilder konzentrieren sich ganz auf die Personen und ihre Geschichten.

Die Kamera folgt Esma durch die Straßen von Sarajewo, auf die Arbeit, zu ihrer besten Freundin, die in einer Schuhfabrik arbeitet, ins Einkaufszentrum. Sara pendelt zwischen der Schule, wo es die üblichen Hahnen- und Zickenkämpfe zu bestehen gilt, und einer Ruine, die als Abenteuerspielplatz dient. Die Bilder zeigen eine Stadt, in der sich triste sozialistische Bauten und knallbunte Manifestationen des Turbokapitalismus mischen – auch die Spuren der Kriegszerstörung sind noch präsent. Ohne viel Worte wird deutlich: Das Leben ist weiter gegangen, aber die Vergangenheit noch lange nicht vorbei.

Grbavica ist der Name des Stadtteils in Sarajewo, in dem Esma und Sara wohnen. Während des Krieges besetzte die serbisch-montenegrinische Armee das Gebiet, wandelte es zu einem Kriegslager um und folterte dort die Zivilbevölkerung.

Auch Esma war dort gefangen, und Sara wurde bei einer der zahlreichen Vergewaltigungen gezeugt, die Esma über sich ergehen lassen musste. Die Legende vom Kriegshelden als Vater kommt endgültig ins Wanken, als Saras Klasse einen Schulausflug plant. Alle Kinder, deren Väter als Kriegshelden gestorben sind, so die Schulregel, können umsonst mitfahren – wenn sie ein entsprechendes Zertifikat vorlegen. Sara wundert sich, warum ihre Mutter so zögerlich ausweicht, wenn die Sprache darauf kommt, und lieber versucht, die fast unerschwinglichen 200 Euro selbst aufzubringen. Durch den Konflikt eskalieren die Spannungen zwischen Mutter und Tochter.

Mirjana Karanović, bekannt aus Filmen von Emir Kusturica, zeigt Esma als Frau, die seit Jahren einen Teil ihrer Erinnerungen und Gefühle unterdrückt, um weiterleben und funktionieren zu können – und als eindrucksvolle, starke Persönlichkeit. Die 13-jährige Luna Mijović spielt einen ziemlich coolen Wildfang – Sara liebt Fußball und prallt mit ihrer ersten großen Liebe bei einer Schulhofprügelei aufeinander. Man schaut ihr gerne zu – egal ob sie gerade kindliche Begeisterung, Kaltschnäuzigkeit, Unsicherheit oder pubertären Trotz auf die Leinwand bringt.

Jasmila Žbanić hat viele Jahre mit kriegstraumatisierten bosnischen Frauen gearbeitet. Trotz des harten Themas ist ihr Film kein Hieb in die Magengrube. Sie zeigt: Die schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist für Esma und Sara der einzig gangbare Weg, um eventuell ein tiefes Trauma verarbeiten zu können. Nicht zuletzt durch die Musik, die in dem Film eine wichtige Rolle spielt, macht die Regisseurin deutlich, dass sie diese Auseinandersetzung für das Land insgesamt für notwendig hält.

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Titel

Orignaltitel

Grbavica

Credits

Regisseur

Jasmila Zbanic

Schauspieler

Mirjana Karanovic

Leon Lucev

Luna Mijovic

Land

Flagge Bosnien und HerzegowinaBosnien und Herzegowina

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge ÖsterreichÖsterreich

Jahr

2005

Dauer

90 min.

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