Wettbewerb 2016: INHEBBEK HEDI (Hedi) von Mohamed Ben Attia

Keine Revolte ohne Schmerz

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Hedi tut, was man ihm sagt. Wird die Frau heiraten, die Mama für ihn ausgesucht hat. Übernimmt, weil sein Boss es so will, eine Woche vor seiner Hochzeit eine neue Route als Peugeot-Vertreter, obwohl es zuhause soviel zu tun gäbe. Aber dann, für seine Umgebung völlig überraschend, bricht der junge Tunesier aus dem so lange gelebten Rollenmuster aus. Er verliebt sich in eine ganz und gar nicht standesgemäße Frau und will für sie seine Hochzeit sausen lassen und ins Ausland gehen. Aber wird er wirklich den Mut haben, diese private Revolte durchzuziehen?

Ganz unaufdringlich und einfühlsam erzählt Regisseur Mohammed Ben Attia vom Erwachen eines eigenen Willens in dem jungen Mann. Allmählich wird klar, wie vielfältig und verwoben die Zwänge sind, in denen er gefangen ist: die Familie, die Nachbarn, die Verlobte. Alle haben sie ein Bild vom fügsamen, sympathischen jungen Hedi, der niemals Schwierigkeiten machen wird. Dabei träumt Hedi von etwas ganz anderem, als sein Leben lang als Handlungsreisender durch die Gegend zu tingeln. Er malt Comics - wagt es aber nicht, diesen Weg ernsthaft zu verfolgen.
Es gereicht dem Film zur Ehre, dass die Mutter keineswegs als Drache gezeichnet wird, so willensstark sie auch ist. Auch der in Frankreich lebende ältere Bruder - Mamas Liebling - ist nicht so eindimensional egoistisch, wie man am Anfang vielleicht glauben mag. Und die Verlobte mag sich vielleicht nicht mehr von ihrem Leben erhoffen, als ein glückliches Familienleben, ein Dummchen ist sie aber ganz bestimmt nicht.Und so sind die richtungsweisenden Entscheidungen, die Hedi zu treffen hat, dann eben auch nicht einfach.

Man sieht ihn viel rauchen, allein in spartanischen Hotelzimmern sitzen und aufs Meer starren oder tapfer mit seinem frisch gebügelten Anzug eine Autoverkaufsstelle nach der anderen aufsuchen. Das Haar wird langsam dünn, und sein Gesicht hat eine tiefe Traurigkeit, die so gar nicht zu einem Fast-Bräutigam passen mag. Rim, die nicht mehr ganz so junge Animateurin im Hotel, ist dagegen ein wild-lockiger Wirbelwind, der Hedi zeigt, dass man sein Leben auch ganz anders führen kann - und es vor allem alleine in die Hand nehmen kann. Zum ersten Mal verliebt Hedi sich so richtig. Doch es dauert eine Weile, bis er sich das eingesteht und dann auch daran zu denken wagt, was dies eigentlich für ihn und seine Zukunft bedeutet. Mit Rim zusammen zu sein erinnert ihn an die Zeit des arabischen Frühlings, als er sich zum ersten Mal richtig frei gefühlt hat, und so, "als ob alle Leute sich irgendwie gern hätten". Dieses pulsierende Lebensgefühl möchte er jetzt gerne wieder auskosten - er weiß nur nicht, ob er auch die Courage dafür aufbringen wird.

Am Schluss steht man mit Hedi am Flughafen und weiß bis zur letzten Sekunde nicht, wie er sich entscheiden wird. Wird er mit Rim zusammen nach Montpellier fliegen und dort neu beginnen? Oder doch wieder in seine vertraute Routine zurückkehren? Denn das Leben - so die kluge Weisheit des Films - lässt es nicht zu, dass wir unsere Wege einfach um 180 Grad herumdrehen, ohne irgendwo Narben zu hinterlassen.

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Titel

Orignaltitel

Inhebbek Hedi

Englischer Titel

Hedi

Credits

Regisseur

Mohammed Ben Attia

Schauspieler

Rym Ben Messaoud

Majd Mastoura

Land

Flagge BelgienBelgien

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge TunesienTunesien

Jahr

2016

Dauer

88 min.

Festival

Berlinale 2016

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 11.02. - 21.02.2016

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