Berlinale 2016: CHI-RAQ von Spike Lee

No Peace, no Pussy!

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Statistiken gefällig? Zwischen 2001 und 2015 starben in der von Drogen und Gangs überschwemmten South Side von Chicago 7356 Menschen durch Waffengewalt - mehr als in den Irak-Einsätzen der US-Army in dieser Zeit. Spike Lee, seit Jahrzehnten an der politischen Front kämpfender afroamerikanischer Regisseur hat diesen "nationalen Notstand" zum Anlass genommen, um mit CHI-RAQ eine bissige Komödie zum Thema auf die Leinwand zu bringen. Was zunächst vielleicht unpassend scheint, funktioniert erstaunlich gut. Lee variiert hier das klassische Lysistrata-Thema und wendet es auf die Situation in der US-Hochburg des Mordens an, auf Chicago alias Chi-Raq. Dabei ist erstaunlicherweise ein höchst beschwingter, intelligenter und böse-witziger Film herausgekommen. Und eine schöne Utopie: Denn ob ein Sex-Streik tatsächlich die Lösung für dieses Dilemma sein könnte? Man würde es sich jedenfalls wünschen.

Die Figuren in CHI-RAQ reden zwar nicht in Hexametern, aber gereimt wird trotzdem. Hip Hop meets Aristophanes! Nachdem ein kleines Mädchen von einem Querschläger getrofffen und getötet worden ist, beschließen die schwarzen Frauen aus der South Side, dass genug genug ist. Die sexy Lysistrata, Freundin des Gangoberhauptes Demetrius, genannt Chi-Raq, wird zur Anführerin dieser Bewegung mit dem schönen Slogan "No Peace, no Pussy!" Allmählich schließen sich alle Damen des Ghettos dem Streik an - vom Teenager bis zur Oma. Den Männern macht diese erzwungene Enthaltsamkeit ganz schön zu schaffen. Es dauert aber natürlich eine ganze Weile, bevor sie ihren männlichen Stolz überwinden können und sich auf den Deal einlassen.

Kommentiert wird das Geschehen von einer Trickster-Figur in exaltiert-bunten Anzügen - Samuel L. Jackson zieht hier jedes Register, sehr zum Gewinn der Zuschauer. Angela Bassett gibt die reife, strategisch handelnde Frau mittleren Alters, die Lysistrata eine wichtige Stütze wird, Wesley Snipes wirkt ein wenig deplatziert als rivalisierender Gang-Boss mit Augenklappe, und John Cusack hat einen überzeugenden Auftritt als engagierter Pfarrer des Viertels. Großartige Tanzeinlagen, viel cooles Gequatsche und der unbedingte Wille, Männer auch mal als Deppen dastehen zu lassen, prägen den Film.

Dass diese überdrehte Herangehensweise sich mit der Schwere des Themas verträgt, hängt zum einen mit den immer wieder eingestreuten ernsten Messages zusammen. Es wird nicht nur ein Ende der Gang-Gewalt gefordert, sondern auch die Investition in die Infrastruktur der South-Side (wo es nicht einmal eine Unfall-Klinik gibt). Die Waffen-Lobby wird ebenso angeprangert wie die verrohten Gangs und die schweigende Mehrheit in den Ghettos. Zum anderen scheint Spike Lee gerade für die kleineren Rollen eine Menge von Leuten direkt von der Straße weg gecastet zu haben: Einige der Gang-Soldiers in Rollstühlen scheinen zu wissen, wovon sie reden, ebenso wie die Mütter, die mit den Fotos ihrer im Bandenkrieg erschossenen Kinder in den Händen protestieren.

Für Kenner der Materie gibt es zudem paar hübsche Rekurrenzen: zum Beispiel auf den "Sex Contest" im schwarzen Off-Kinoklassiker "Sweet Sweetback's Baddasssss Song" (wobei diesmal nicht der Mann gewinnt) oder der Ruf "Wake Up!", der bereits 1989 Spike Lees Durchbruch im Filmbusiness, DO THE RIGHT THING, einläutete. So sehr man sich bei CHI-RAQ auch amüsiert, die Dringlichkeit des Themas verliert man dabei nicht aus den Augen - und ein Weckruf wäre hier in der Tat vonnöten.

Kommentare ( 1 )

CHI-RAQ ist übrigens von keinem Hollywoodstudio finanziert worden, sondern ist der erste von Amazon produzierte Kinofilm. In den USA ist er bereits für Amazon Kunden abrufbar (http://www.amazon.com/CHI-RAQ-Nick-Cannon/dp/B018T0N63A).

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Titel

Orignaltitel

Chi-Raq

Englischer Titel

Chi-Rac

Credits

Regisseur

Spike Lee

Schauspieler

Angela Bassett

Nick Cannon

John Cusack

Jennifer Hudson

Samuel L. Jackson

Teyonah Parris

Wesley Snipes

Land

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2016

Dauer

127 min.

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