PARADIES: HOFFNUNG von Ulrich Seidl

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Was tun, wenn man ein übergewichtiger Teenager ist und sich im Diät-Camp in einen vierzig Jahre älteren Arzt verliebt? Ganz einfach: Man kämpft mit den verfügbaren Mitteln um den Mann der Träume. Ulrich Seidls dritter Teil seiner PARADIES-Trilogie, HOFFNUNG, bietet völlig unsentimentale, aber dennoch anrührende Einblicke in das Gefühlsleben eines jungen Mädchens, das einfach auch nur geliebt werden will.

Erstaunlich sanft für seine Verhältnisse geht der Österreicher Seidl in diesem Film mit seinen Protagonisten um – er geht selten an die Schmerzgrenze, löst schwer Auszuhaltendes mit grotesken Elementen auf. Der Humor, der dabei entsteht, ist weniger böse und gnadenlos, als beispielsweise noch in HUNDSTAGE. Absurd ist das Szenario des Films dennoch: 16 stark übergewichtige Mädchen und Jungen verbringen einige Wochen in einem entlegenen Landheim mit sportlichem Drill und Ernährungsberatung. Zum Personal gehört eine schmierige Variante des Feldwebel-Sportlehrers, der sich mit großem Engagement der Trillerpfeife bedient, Kniebeugen zählen lässt und seine helle Freude an diversen Konditions-Quälereien hat. Michael Thomas gibt diesen Despoten in Trainingshosen mit Hingabe und Perfidie. Der Diätarzt wiederum ist nicht weniger schmierig, aber auf die elegante, leicht versoffene Art, wie sie auch ein Christoph Waltz wunderbar spielen könnte – in diesem Fall übernimmt Joseph Lorenz den Part. Melanie, die Hauptfigur, wird von Melanie Lenz dargestellt, als noch ziemlich kindliche, unverstellte 13-Jährige, die erst noch lernen muss, wie das geübte Flirten und Eyeliner-Auftragen funktioniert. Diese Melanie ist übrigens auch die Tochter der Frau, die in PARADIES: LIEBE in Kenya die sexuelle Erfüllung sucht. Tochter und Mutter versuchen sich im Laufe der beiden Filme jeweils verzweifelt gegenseitig anzurufen und erreichen sich nie.

Auch Melanie sucht: in erster Linie Zuneigung und Nähe, mehr ist in ihrem unschuldigen Verliebt-Sein erst einmal nicht vorgesehen. Die Ausdauer, mit der sie die Nähe zu dem älteren Mann sucht, Stück für Stück erkämpft, und immer wieder Zurückweisungen einsteckt, hat in seiner Selbstentblößung etwas Berührendes. Ohne viele Worte wird klar, wie sehr sich jeder Mensch nach Liebe sehnt und bereit ist, dafür zu kämpfen. Dass es in diesem Fall ein junges Pummelchen ist, das sich in einen abgehalfterten Dandy mit Sportauto verguckt, macht die Sache umso menschlicher.

In dem sterilen Ambiente des Diät-Camps, den kahlen Zimmern ohne Farbe, dem strengen Regime von Sport und Diät, wird dieses Bedürfnis nach Wärme umso verständlicher. Wenn die Mädchen und Jungen in der Gruppe – organisiert – unterwegs sind, wirken sie immer wie kleine Soldaten, die für wer weiß was gedrillt werden sollen. Wohl für das Leben. Die Mädchen wissen aber besser, was sie brauchen und sorgen in Kuschelsessions im Stockbett für gegenseitige Geborgenheit. Sie kichern und plaudern über alles, was ihnen wichtig ist – vor allem natürlich über Jungs und Sex.

Dass hier die erste große Liebe letztlich unerwidert bleibt, gehört zum Leben. Das zu lernen, und trotzdem zu begreifen, dass man ein Recht dazu hat, auf sie zu hoffen – egal wie jung oder dick man ist – gehört zu den Dingen, die man fast schon als eine Art Trost aus diesem Film mitnimmt.

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Titel

Orignaltitel

Paradies: Hoffnung

Credits

Regisseur

Ulrich Seidl

Schauspieler

Vivian Bartsch

Melanie Lenz

Joseph Lorenz

Michael Thomas

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge ÖsterreichÖsterreich

Jahr

2013

Dauer

91 min.

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