Berlinale Countdown:
THE HUNTER (Berlinale 2010)

Bei der Berlinale 2010 lagen die Wahl-Demonstrationen im Iran noch nicht mal ein Jahr zurück und waren noch sehr präsent, als der umwerfende Film „Shekarchi" von Rafi Pitts die Festival-Besucher vom Kinosessel fegte.

Wieviel Grausamkeit kann ein Mensch ertragen bevor er zurückschlägt? Wann zerreißt die innere Spannung? Das sind uralte Fragen, auch im Kino, aber selten habe ich sie so konzentriert und konsequent auf der Leinwand gesehen wie in „Shekarchi“ – The Hunter“. Der Film spielt in Teheran kurz vor den Wahlen im Jahr 2009. Ali, die Hauptfigur (gespielt von Pitts selbst), lebt bereits vor der Katastrophe, die als Initialzündung für den Film funktioniert, unter ständiger Anspannung. Mit wenigen Szenen gelingt es Pitts, diese Spannung aufzubauen, ohne die der weitere Verlauf der Geschichte nicht nachvollziehbar wäre. Das Faszinierende dabei: Er psychologisiert nicht, er erklärt nicht, er zeigt nur: Und trotzdem, oder gerade deshalb, ist man als Zuschauer von Anfang bis Ende von dieser Figur und ihrer Geschichte gebannt.

Alis Job als Nachtwächter erlaubt ihm nur wenig gemeinsame Zeit mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter – weil er einmal im Gefängnis war (wir erfahren nicht warum), verweigert ihm der Chef eine Arbeit am Tag. Obwohl Ali sicherlich weiß, dass es ihm nichts bringen wird, stellt er diese Schikane, diese Gängelung mit und im System mit einer simplen Frage bloß: „Was würde denn geschehen, wenn ich am Tag arbeite?“ Was wäre denn, wenn die Menschen im Iran mehr Luft zum Atmen bekämen? Diese – größere, nie wörtlich formulierte – Frage schwingt unterschwellig im Film mit, gibt der Geschichte, die auch „als solche“ funktioniert, einen starken Kontext.

Pitts stellt den politischen Kontext von Anfang an und über mehrere Wege her: Der Film setzt ein mit einem Foto aus dem Jahr 1980: Es zeigt bärtige Revolutionsgarden, die zur Feier des ersten Jahrestages der Revolution auf Motorrädern (!) über eine amerikanische Flagge fahren. Im Iran ist das Foto allgegenwärtig. Ganz langsam erschließt sich das Bild im Film: erst sehen wir pixelige Gesichter wie aus einer Überwachungskamera, dann erkennen wir Bärte, schließlich Motorräder (für einen Moment denkt man: wieso denn jetzt eine Motorradgang?), und zuletzt die Flagge. Diese Ikone der Revolution wird im Laufe des Films mit aktuellen Bezügen kontrapunktiert: Im Radio gibt es Berichte über die bevorstehenden Wahlen, es wird diskutiert, aus welchen Gründen man wählen geht oder auch nicht, ebenfalls im Radio ist die Antwort-Rede Ahmadinedschads auf Obamas Rede an den Iran zu hören („Ihr braucht selbst einen Wechsel, nicht wir!“). Schließlich werden Demonstrationen gezeigt, die zu der Zeit, als der Film abgedreht wurde, noch gar nicht stattgefunden hatten. Was also können sich die Menschen, dreißig Jahre nach der Revolution, erhoffen? Was wünschen sie sich?

Alis Prioritäten sind klar: Er genießt die Zeit mit Frau und Kind und nimmt dafür auch in Kauf, kaum zu schlafen. Als einsamer Hobbyjäger im Wald entflieht Ali regelmäßig der allgegenwärtigen Lärmkulisse der Großstadt. Ein Besuch mit der Familie auf dem Rummelplatz, alltägliche Momente zu Hause: das sind die Augenblicke, in denen Alis Gesicht sich entspannt, wo wir ihn lachen sehen. Ohne ins Kitschige abzudriften, zeigt Pitts hier Momente der Wärme und Geborgenheit. Das vermittelt sich auch über die Farben: Das rote Kopftuch der Frau, die rote Kleidung des Kindes sind Farbtupfer in einer ansonsten fahlen, bleigrauen Welt.

Die Stadträume, in denen Ali sich bewegt, scheinen menschenleer: auf dem Gelände der Autofabrik, die er bewacht, stehen die fertigen Karosserien wie leere Hüllen in Reih und Glied, auf der Autobahn brausen die gesichtslosen Massen in einem endlosen Strom durch die Teheran. In seinem kleinen grünen (!) Auto bewegt sich Ali wie ein einsamer Westernheld durch die anonyme Stadt.

Dasselbe Gefühl der Isolation stellt sich ein, als Ali eines Morgens aus dem Wald zurück kommt und die Wohnung ohne seine Familie vorfindet. Bei der anschließenden Suche in Polizeistationen, Krankenhäusern und an Straßenecken bekommt der verzweifelte Vater und Ehemann nicht ein einziges Wort des Mitgefühls oder des Trostes zu hören. Genauso kalt, wie ihm die Bitte nach der Tagesschicht abgeschlagen wurde, wird er nun stundenlang auf irgendwelchen Fluren und Zimmern warten gelassen. Ebenso gefühllos wird ihm dann die Nachricht übermittelt, dass seine Frau tot ist. Als Unbeteiligte ist sie am Rande einer Demonstration ins Kreuzfeuer geraten. Was seine Tochter betrifft, wird Ali in schrecklicher Ungewissheit gelassen. Mit der Suche nach der Tochter geht der Film in die zweite Schleife der Qual.

Der anschließende Gewaltausbruch ist eine konsequente Folge all dessen, was bis dahin erzählt wurde. Ein kurzer, furchtbarer Akt der Selbstbestimmung. Man ist darüber entsetzt, aber nicht wirklich erstaunt. Während die Figuren in Pitts letztem Berlinale-Film "Zemestan" (2006) in ihrer Erstarrung verharrten, kommt es hier zur Explosition. Taten haben Konsequenzen, und so hat Pitts die Verfolgung und Verhaftung Alis in den Wäldern inszeniert, als eine Art bitteres Nachspiel, bei dem die moralische Ordnung der Dinge noch einmal neu verhandelt wird – allerdings ohne, dass sich dabei irgendwelche Lichtblicke auftun.

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Titel

Orignaltitel

Shekarchi

Deutscher Titel

Zeit des Zorns

Englischer Titel

The Hunter

Credits

Regisseur

Rafi Pitts

Schauspieler

Hassan Ghalenoi

Mitra Hajjar

Ali Nicksaulat

Rafi Pitts

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge Islamische Republik IranIslamische Republik Iran

Jahr

2010

Dauer

92 min.

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