
ENJOY YOUR STAY richtet den Blick dorthin, wo Gäste eines luxuriösen Skiresorts nur selten hinschauen: auf jene Menschen, die täglich für makellose Zimmer und eine perfekt inszenierte Wohlfühlatmosphäre sorgen. Im Zentrum steht Luz, die wie viele andere Frauen in die Schweiz kommt, um in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen. Sie braucht es dringend: Auf den Philippinen kämpft sie um das Sorgerecht für ihre sechsjährige Tochter, die beim Ex-Mann lebt und dort gegen den Willen der Mutter in Reality-Shows auftreten muss. Doch statt der versprochenen, unkomplizierten Saisonarbeit erwartet Luz ein System aus Fremdbestimmung, Kontrolle und Illegalität. Die Arbeitsvermittlerin behält ihre Papiere ein, wodurch Luz in eine noch stärkere Abhängigkeit gerät. Die Unterkunft ist beengt und heruntergekommen, der Hotelalltag streng getaktet. Zwischen schneebedeckter Postkartenidylle und nüchternem Personaltrakt klafft eine soziale Lücke, die größer ist, als es die glatten Fassaden vermuten lassen.
Je länger Luz im Resort arbeitet, desto deutlicher wird, wie dehnbar Begriffe wie „Aufgabenbereich“ oder „Service“ ausgelegt werden. Aus der Zimmerreinigung wird ein Rundumdienst: verdreckte Chalets nach exzessiven Partys säubern, Hunde ausführen, bei Karaokeabenden auftreten, einzelne Gäste diskret ins Separee begleiten. Die Anforderungen werden nicht nur zahlreicher, sondern auch persönlicher und zunehmend grenzüberschreitend. Nach einer Feier kommt es schließlich zu einem Übergriff auf eine Kollegin. Obwohl im Haus bekannt ist, was geschehen ist, wird der Vorfall systematisch unter den Teppich gekehrt. Medizinische Versorgung erfolgt diskret im Hinterzimmer, ein offizielles Verfahren gegen die Täter steht nie ernsthaft zur Debatte. Der Film inszeniert diese Vorgänge ohne melodramatische Überhöhung. Gerade die nüchterne Beobachtung macht sichtbar, wie sehr solche Grenzüberschreitungen zur stillschweigenden Normalität werden, wenn wirtschaftliche Interessen Vorrang haben.
Die stärkste und zugleich unbequemste Wendung betrifft Luz selbst. Aus finanzieller Not wird sie zunehmend Teil jenes Systems, das sie zuvor gefangen hielt: In der Stadt beginnt sie, neue Arbeitskräfte für das Hotel anzuwerben. Sie kennt die Versprechen, sie kennt die Realität und bewegt sich dennoch bewusst in diesem Graubereich. Hier zeigt der Film mit besonderer Klarheit, wie ökonomischer Druck moralische Koordinaten verschiebt. Luz bleibt keine eindeutige Opferfigur sondern sie wird zur ambivalenten Akteurin in einem Geflecht aus Hoffnung, Verantwortung und Schuld. Gerade weil ENJOY YOUR STAY diese Verstrickungen ohne moralische Vereinfachung offenlegt, entfaltet er eine nachhaltige Wirkung. Der Film prangert reale Missstände nicht nur an, sondern formt sie zu einem dramaturgisch zugespitzten, spannenden Werk, das emotional involviert, ohne zu manipulieren. So gelingt es ihm, ein unbequemes Thema einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Entscheidend trägt dazu die Schauspielleistung von Mercedes Carbal bei, die Luz mit großer Glaubwürdigkeit verkörpert. Mit feinen Nuancen macht sie die innere Zerrissenheit ihrer Figur spürbar und trägt die Ambivalenz dieser Geschichte mit beeindruckender Präsenz.