Berlinale 2016: CAMPO A TRAVÉS. MUGARITZ. INTUVENDO UN CAMINO (Off-Road. Mugaritz, Feeling a Way.) von Pep Gatell

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Es sollte wohl nicht die typische Doku über ein Restaurant werden oder einen Koch oder eine nationale Küche. Das Mugaritz ist eins der innovativsten und berühmtesten Restaurants der Welt, und vermutlich auch eines der besten (aber wer will DAS entscheiden, derzeit jedenfalls auf der Nr. 6 bei San Pellegrino / 2 Sterne Guide Michelin). Es gab auf der Nouvell Vague von High-Quality Gastronomie und Esskultur reitend in den vergangenen fünf Jahren eine ganze Menge von Filmen über Restaurants wie das inzwischen geschlossene El Bulli in Spanien oder das Noma in Kopenhagen oder ganze Serien wie IN THE MIND OF A CHEF.

Campo a través. Mugaritz, intuyendo un camino war Eröffnungsfilm des Filmfest in San Sebastian und ist hier auf der Berlinale Teil der Sektion Kulinarisches Kino. Dieser Film will aber so unbedingt anders sein, dass er vergisst, dass auch die Küche des Mugaritz, die er porträtiert, von konsequent umgesetzten Ideen lebt - von Ideen, die harmonieren und sich gegenseitig verstärken und nicht überlagern und abschwächen, so dass nur ein ungenießbarer Brei übrig bleibt.

Der Film von Pep Gatell, künstlerischer Leiter der katalanischen Theaterkompanie „La Fura dels Baus“, hatte für diesen Dokumentarfilm über das Muaritz kein Drehbuch. Das merkt man. Es ist der Versuch, die Philosophie, die Innovationskraft, die mühsame Arbeit, die Poesie und olfaktorische und gustatorische Kraft der Gerichte in dem Mugaritz in eine Bildsprache zu übersetzen. Das wäre schon für einen Filmemacher eine Herausforderung gewesen.


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Gatel hat einen von erratischen Bildern begleiteten 69 Minuten langen, NIE abreißender Redeschwall von Köchen und Personal im Mugaritz geköchelt. Sie feiern sich und das Restaurant selbst, erklären, analysieren oder bemitleiden sich. Dabei kommen die pausenlos aus dem Off dröhnenden Säzte meist nicht über dümmliche Motivationstrainer Banalitäten hinaus: „Man muss immer das beste wollen, um einzigartig zu sein. Wer nicht erst träumt, hat nichts, das er umsetzen kann. Jedes Detail enthält die ganze Idee. Jeden Tag beginnt ein neues Leben für dieses Restaurant… usw“ bis hin zum Klassiker: „Nur wer nach dem Besten strebt, wird über sich hinauswachsen“.

So geht das ohne eine einzige Pause, ohne Luft zu holen, in rasantem Spanisch, so dass die Augen des Publikums nur an den Untertiteln hängen. Ich gab irgendwann auf, weil der Reigen hohler Phrasen so überflüssig wie Maggi in einer Sterneküche ist. Bei den Bildern, untermalt von bedeutungsheischendem Dröhnen oder Synthieklängen, wechseln Superslowmotions mit Super-Close-Ups mit Unschärfen, da werden Zahlenkolonnen ins Bild eingebaut (so und so viele Teller durch die Tür getragen im Jahr, so viele Flaschen entkorkt, so viele Treppen gestiegen), es gibt viel Geschnippel und noch viel mehr Putzen zu sehen (4 mal am Tag wird mit allen Mann die gesamte Küche gereinigt!), es gibt Teambesprechungen und Bastelstunde, um Gabeln aus Zucker herzustellen, zu Flocken gehobelten Gemüse oder in Holz gehaltenen Entenhälse, kleine Stücke Grasnabe, mit Sauce. Manche Bilder sind schön. Manch Arbeitsprozess interessant. Wenn nur nicht die ganze Zeit geredet würde, und zwar nur auf der Metaebene, die das Mugaritz zu einer Art Think Tank für ein besseres Leben und DIE Ideenfabrik Europas stilisieren.

Das Gequatsche lässt keine Sekunde Raum zu staunen oder Fragen zu stellen oder zu genießen und zu reflektieren - und damit genau das zu tun, wozu man in einer Spitzenküche die einzigartige Gelegenheit hat. Mein Tip an den Filmkoch=Regisseur. Alles in die Tonne hauen, Küche durchputzen und dann alles nochmal kochen. Aus vier guten Zutaten, Bild, Ton, Ort und Sprache, gekonnt gemischt kann man einen Film machen, der nicht wie dieser das Ergebnis einer kulinarischen Überforderung ist und ein Brei aus Worten, Bildern, Musik und Ideen.

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Berlin, 11.02. - 21.02.2016

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