ICH WILL MICH NICHT KÜNSTLICH AUFREGEN von Max Linz

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Ach die Kunst. Die Kreativwirtschaft wie sie brummt und redet – meist von sich selbst. Fast alles Wissen ist Second Hand. Und was da so geredet und geraunt, behauptet und geistig mäandert wird in „ICH WILL MICH NICHT KÜNSTLICH AUFREGEN“ von Max Linz, das ist herrlich. Und auf perfide, witzige, kluge Art entlarvend. Wer schon mal Katalogtexte zu Ausstellungen von Videokunst oder sich sprachlich bis zur Unsichtbarkeit verschleiernde Fantasieerklärungen in Ausstellungsessays gelesen hat, kennt das Problem: Da mühen sich gebildete Menschen so zu schreiben, dass es klug klingt, aber nichts aussagt, zugleich politisch und mit allen theoretischen Wassern von Luhmann bis Agamben gewaschen. Und wer dann noch Künstler kennt, die nicht mehr zur Kunst kommen, weil ihnen die Kunst der Antragsstellung so viel Zeit raubt, kennt auch die Problemstellung dieses Films:

Eine in Erklärungsnot mit Theorien um sich werfende Kunstwelt, die in Deutschland nur staatlich alimentiert überleben kann- was zu mancherlei groteskem Schwachsinn führt, künstlerisch und sprachlich.

In „ICH WILL MICH NICHT KÜNSTLICH AUFREGEN“ geht es um mehr als nur das Gewese der Kunstvermarkter, Kuratoren und kommunalen Kunstbezahler. In theaterhaft gestalteten Räumen und festen Kameraeinstellungen sagen Figuren an die Theaterstücke von René Pollesch erinnernd (nur langsamer) abstrakte Texte über gesellschaftliche und soziale und (kunst)wirtschaftliche Zusammenhänge auf.
Asta, die Kuratorin und Hauptfigur ist eine dieser Berlin Hipsters mit labellosen, verschnittenen, bunt gemusterten Designklamotten und einem Jüngelchen als Kuratorenassistenten in engen Jeans und mit 80er Popperfrisur. Die Innenräume voller „Vintage Möbel“ und Suhrkamp Bücher. Gefüttert wird ihr Tun von einer Kunstverwaltungsfachfrau der Ober-Kultur-Intenzentin aus dem Amt, die Stipendien und Fördermittel und Steuergelder für all das spendiert, aber Asta nun ihre nächste Ausstellung (Die Ausstellung „Das Kino, Das Kunst“ haha!) nicht bezahlen will. Asta holt einen indischen Sammler/Lover zur Hilfe.
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Das klingt nun fast nach Dramaturgie, die gibt es im Film aber kaum. Es sind lose Szenen und manchmal von Laien in grotesken Settings an Schreibtischen, auf Pferden im Wald, in nachempfundenen Kulturverwaltungsbüros aufgesagte Dialoge und Theorieseifenblasen. Das klingt vielleicht nach lahmer Systemkritik und lebenden Klischees, ist aber viel mehr und viel witziger: Regisseur und Autor und Schauspieler wissen, wovon sie reden. Das kann man sehen und hören.

Sie kennen die Codes und Diskurse und erfinden großartige Absurditäten wie das „Brecht-Yoga“ („Die Frontlinie der Gesellschaft in dir spüren“) oder sagen diesen herrlichen Satz: „Der ästhetische Vollzug meines Lebens in der Alltagserfahrung gelingt mir nicht mehr: Und das als Kurator. Das ist eine Katastrophe. Ein Kurator der seinen Alltag nicht mehr ästhetisch ... was kann der noch kuratieren? Festivals?“
Es ist der „Exzellenz Cluster normativer Kühe“, in dem auch die Kuratorin Asta mitmischt, das Spiel von staatlicher Förderung bei gleichzeitiger Einbildung von Autonomie und Authentizität.

Ein bisschen Kritik an Gentrifizierung und Verdrängung, den ja die Kreativen oft anstossen, gibt es im Film auch. Man marschiert auf einer Kotti-Demo mit, auf der auch die mitdemonstrierten, die Grund für die Mietsteigerungen sind, bevor Asta zum Schluss wieder in ihren Saab (natürlich!) steigt. Ein wenig gezwungen wirkt der Auftritt von Kreuzberger Deutschtürken, wenn sie im Dunkeln Urban Gardening machen, schön dagegen wenn einer von ihnen Asta sein neues „Mural“ im Diego Rivera Stil zeigt und damit voll auf der höhe der Zeit ist. Denn der neuste Trend im staatlich geförderten Kunstbetrieb, nicht nur in Berlin, heißt Inklusion durch Kultur.

Schöner Film also, viele witzige Ideen. Zum Lachen trotzdem eher etwas für „den Betrieb“ und die Feuilleton-Welt. Die Gegenwartskunst passt gut nach Berlin. Zwei Orte, die sich sehr gern mit sich selbst beschäftigen und was Kommerz ist, sieht trotzdem saucool aus. In einer herrlichen Szene verknüpfen Asta und ihr indischer Geldgeber mit Gucci Tasche den Kauf eines Oberteils mit einem Espresso im coolen Café nebenan, das im nächsten Raum Designklamotten verkauft und im übernächsten natürlich auch Galerie und abends vermutlich Club ist.

„Als die Mauer noch stand, konnte der Reaktionär zur Kritikerin sagen: Dann geh doch rüber! Heute heißt es: Vielleicht bist du bei der bildenden Kunst besser aufgehoben.“ sagt eine Figur im Film.

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Titel

Orignaltitel

Ich will mich nicht künstlich aufregen

Englischer Titel

Asta Upset

Credits

Regisseur

Max Linz

Schauspieler

Barbara Heynen

Hannelore Hoger

Sarah Ralfs

René Schappach

Pushpendra Singh

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2014

Dauer

84 min.