Blog-Artikel von Andreas Tai

06.03.21 15:35

Die (Remote) Bären

GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN FILM

BABARDEALĂ CU BUCLUC SAU PORNO BALAMUC (BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN) von Radu Jude

Filmstill von BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN

© Silviu Ghetie / Micro Film 2021

SILBERNER BÄR GROSSER PREIS DER JURY

Guzen to sozo (Wheel of Fortune and Fantasy) von Ryusuke Hamaguchi

Filmstill von WHEEL OF FORTUNE AND FANTASY

© 2021 Neopa/Fictive

SILBERNER BÄR PREIS DER JURY

HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE von Maria Speth

Filmstill von HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE

© Madonnen Film

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE

Dénes Nagy für die Regie von TERMÉSZETES FÉNY (NATURAL LIGHT)

TERMÉSZETES FÉNY (NATURAL LIGHT)

© Tamás Dobos

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNG IN EINER HAUPTROLLE

Maren Egger für die Rolle in ICH BIN DEIN MENSCH von Maria Schrader

Filmstill von ICH BIN DEIN MENSCH

© Christine Fenzl

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE SCHAUSPIELERISCHE LEISTUNG IN EINER NEBENROLLE

Lilla Kizlinger für die Rolle in RENGETEG – MINDENHOL LÁTLÁK (FOREST – I SEE YOU EVERYWHERE) von Bence Fliegauf

SILBERNER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH

Hong Sangsoo für INTEURODEOKSYEON (INTRODUCTION) von Hong Sangsoo

Filmstill von Introduction

© Jeonwonsa Film Co.Production

WOOD AND WATER von Jonas Bak (Berlinale 2021)

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© Trance Films

Es scheint einen Trend zum entschleunigten Film zu geben. Oder gab es diese Häufung an Slow-Picture Filmen auf der Berlinale schon immer? WOOD AND WATER hat in jedem Fall die beruhigende Wirkung einer Tai-Chi-Bewegung, der man sich beruhigt überlassen kann.

Die Ruhe im Film wird begleitet durch einen traurigen Unterton. Ein Vater und Ehemann ist sehr früh gestorben. Damit fand ein harmonisches Familienleben in einem Strandhaus in Dänemark sein Ende. Nach vielen Jahren besuchen die Mutter und ihre erwachsende Tochter noch einmal das Haus, Symbol einer unwiederbringlich verloren gegangenen Zeit. Auch der Sohn wollte kommen. Doch er lebt in Hong Kong und hat es wegen der Proteste nicht bis zum Flughafen geschafft.

Als die Mutter zurück in ihrem Haus im Schwarzwald beim Frühstück sitzt und der wiederkehrenden einsamen Ereignislosigkeit ausgesetzt ist, beschließt sie den Sohn in Hongkong zu besuchen.

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© Trance Films

In Hongkong angekommen, begegnet sie der Andersartigkeit mit zurückhaltender Neugier. Wie in Slow Motion bewegt sie sich durch die Geschäftigkeit der Millionenstadt und trifft Menschen, die immer irgendetwas mit ihr gemeinsam haben. Da ist z. B. der etwa gleichaltrige Sicherheitsmensch an der Rezeption des Wohnhauses, der wie sie Tai-Chi macht. Oder der pensionierte Lehrer, der für sie beim Zukunftsleser übersetzt und ebenfalls einen Sohn in der Ferne hat. Als sie mit ihm in einem Mini Bus durch das abendliche Hongkong fährt, fasst sie ihre Lebensphilosophie kurz zusammen. Sie bete jeden Tag zu Gott, wünsche sich aber nicht, dass etwas ganz Bestimmtes eintrete oder dass sich etwas ändere. Stattdessen bete sie um genug Kraft, das zu ertragen, was kommt. Diesen Stoizismus kontrastiert Regisseur Jonas Bak mit Bildern einer Stadt im Aufbruch. Von der Wohnung des Sohnes aus kann die Mutter die Massen an Hongkong-Bürgern beobachten, die für gesellschaftliche Veränderung auf die Straße gehen.

WOOD AND WATER ist eine Geschichte mit Lücken. Es ist, als ob Jonas Bak in ein Tuch einzelne Löcher hineingeschnitten hat, durch die einzelne Lichtstrahlen einer größeren Geschichte hindurch dringen. Der Perspektive-Beitrag ist eine auf 79 Minuten getreckte 16 mm-Schattenbox-Bewegung, die die Hauptfigur (vielleicht verändert) irgendwann wieder in die Ausgangssituation zurückbringen wird.

05.03.21 12:00

GENDERATION von Monika Treut (Berlinale 2021)

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Nach zwanzig Jahren besucht Monika Treut noch einmal ihre ehemaligen Hauptfiguren aus GENDERNAUTS. In dem mehrfach ausgezeichneten Film hatte Treut damals Transgender-Pionierinnen* porträtiert. Eine queere Szene, die sich selbst als Gender-Mixer bezeichnet, hatte im San Francisco der 90er Jahre mit Biochemie experimentiert und Schattierungen zwischen den binären Genderpolen ausgetestet.

Treuts Film ist in vielerlei Hinsicht sehenswert. Die in die Jahre gekommenen Gendernautinnen* faszinieren mit ihren Persönlichkeiten und Geschichten. Die Entwicklung über zwei Jahrzehnte zeigt, wie jede/jeder Grenzen überwunden hat und in einer neuen Normalität angekommen ist. Manche wie Susan Stryker und Annie Sprinkle engagieren sich als Aktivistin oder Wissenschaftlerin mit großer gesellschaftlicher Sichtbarkeit weithin für Transgender-/LBGT Themen. Für die Sache einzustehen und gleichzeitig zum Establishment zu gehören, sind kein Widerspruch. Im Gegenteil, es ist Ausdruck einer sich wandelnden Normalität. Andere wie Stafford, der ein Umzugsunternehmen für Kunstgegenstände und Requisiten gegründet hat, sind in erster Linie damit beschäftigt, ihren wirtschaftlichen Unterhalt abzusichern.

GENDERATION spart nicht aus, dass die Experimentierphase in den neunziger Jahren auch durch die Gentrifizierung San Franciscos ihr Ende gefunden hat. Die gut bezahlten Angestellten der großen Tech-Konzerne haben viele aus der frühen LGBT Community vertrieben. Sie können die Mieten nicht mehr bezahlen.

Der Rückblick von GENDERATION hebt noch einmal hervor, dass die Gendermix Szene der Neunziger mehr war als eine Episode des Augenblicks. Sie hat den gesellschaftlichen Diskurs und die Akzeptanz von Gendertransition und Nicht-Binärität entscheidend geprägt hat.

Treuts Film ist aber nicht nur großartiges Dokument zu seinem Hauptthema, sondern auch ganz allgemein eine Ermutigung Träume immer wieder neu zu finden, zu Ihnen zu stehen und sie zu leben.

04.03.21 21:11

DIE WELT WIRD EINE ANDERE SEIN (COPILOT) von Anne Zohra Berrached (Berlinale 2021)

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Schwierig. Wie kann man über diesen Film schreiben, ohne das Ende vorweg zu nehmen? Der Film beginnt ja auch mit dem Ende. Aus dem Off hören wir die Stimme von Saeed. Er richtet an seine Liebe Asli, bedankt sich für die letzten 5 Jahre, die sie mit ihm verbracht, ausgehalten hat. Dann wird eben diese Zeit nacherzählt, Jahr für Jahr.

Asli und Saeed lernen sich im Studium kennen, verlieben sich, ziehen zusammen, heiraten, streiten, vertragen sich wieder. Phasen einer Partnerschaft. Das Besondere deutet sich unterschwellig bald an: Saeed wendet sich der Religion zu. Er wird intoleranter und impulsiver. Dann verschwindet er plötzlich.

Wie gut kennt man jemanden, dem man so nahe steht, wie sonst kein anderer es tut? Was trägt jemand, von dem man eigentlich alles zu wissen glaubt, noch mit sich herum? "Wie gut kennst Du eigentlich Saeed?" Als Asli von Freunden mit dieser Frage konfrontiert wird, steht ihre Reaktion für die Grundkonstellation des Filmes. Liebe und Verbundenheit von Asli zu Saeed sind so stark, dass sie nicht hinsehen kann. Sie will das Gefühl nicht gefährden.

Die funkelnde Energie, mit der Canan Kir diese Verbundenheit von Asli spielt, prägt die Perspektive des ganzen Films und hält ihn zusammen. Sie kristallisiert aus Zeitgeschichte zwischenmenschliche Fragen. Nicht jeder wird mit dieser Vorgehensweise einverstanden sein. Doch bereits mit ihren vorherigen Berlinale Beiträgen ZWEI FRAUEN und 24 WOCHEN hat Regisseurin Anne Zohra Berracheds bewiesen, dass sie gesellschaftlich umstrittenes Terrain nicht scheut. In jedem Fall lohnt es sich, sich auf die Diskussion einzulassen.

03.03.21 18:12

LE MONDE APRÈS NOUS (HE WORLD AFTER US) von Louda Ben Salah-Cazanas (Berlinale 2021)

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Im 21. Jahrhundert fährt die Pariser Boheme Deliveroo. Oder verkauft Designerbrillen. Wenig glamourös. Junge Liebe lebt auch nicht atemlos, rebellisch und gegen alle Regeln. Sie hat eher schlaflose Nächte wegen der nächsten Miete. Sie hält sich mit Lebensmittelklau und Versicherungsbetrug über Wasser. Trotzdem ist die Liebe tief und wahrhaftig.

Labidi hat eine vielversprechende und mit einem Preis ausgezeichnete Kurzgeschichte geschrieben. Einige erwarten nun von ihm den nächsten großen Wurf. Doch Labidi ist mehr mit Überleben beschäftigt. Schon bald findet er seine große Liebe Elisa. Es ist schön, den beiden in ihrer Verliebtheit zuzuschauen. Noch wohnt Labidi bei seinem besten Freund Alekseï, doch er macht ernst und mietet für sich und Elisa eine Wohnung, die er kaum bezahlen kann.

LE MONDE APRÈS NOUS fängt die Alltäglichkeiten des Lebens sehr gut ein. Die Momente sind intensiv. Die großen Dinge geschehen wie im wahren Leben eher beiläufig. Sie künden sich nicht mit Danny Elfman oder Hans Zimmer Filmmusik an. Sie passieren einfach. Eigentlich ist das Leben in seiner Schwere ganz einfach. Wir brauchen Menschen, denen wir vertrauen und es sind nicht viele: die Eltern, die beste Freundin* und die große Liebe. That's it.

02.03.21 20:49

INTEURODEOKSYEON (INTRODUCTION) von Hong Sangsoo (Berlinale 2021)

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© Jeonwonsa Film Co.Production

Wir gehen mit Hong Sangsoo auf den Markt. Er kauft mit uns zusammen die besten Zutaten für ein köstliches Mahl. Gemeinsam beginnen wir, das Essen zuzubereiten. Doch noch bevor es fertig ist, verschwindet Hong Sangsoo. Wir sind auf uns gestellt.

INTRODUCTION erfordert ein wenig Mitarbeit. Der Film legt Spuren und führt Erzählstränge nicht vollständig zusammen. Doch es sind nur kleine Brücken, die wir schlagen müssen. Es wird nicht anstrengend. Die geforderte Aufmerksamkeit macht uns umso interessierter.

Der koreanische Regisseur Hong Sangsoo ist seit 2017 bereits zum dritten Mal im Berlinale-Wettbewerb. Wieder einmal beweist er seine Könnerschaft als Geschichtenerzähler. Er bringt die wunderschönsten Motive und Lebenssituationen mit an den Tisch und lässt sie von ausnahmslos hervorragenden Schauspielern in eine Alltagspoesie in Schwarz-Weiß übersetzen. Das Filmgemälde ist nicht auserzählt. Es ist an uns, INTRODUCTION mit Farben anzureichern.

Der Film teilt sich in drei Episoden, locker verbunden durch die Liebesbeziehung eines jungen Paares und ihre sich langsam verändernden Beziehungen zu ihren Eltern. Die Episoden könnten aber auch für sich stehen. Situations- und Menschenbeschreibung sind in jeder Episode ein Genuss.

Eine Szene hat mir besonders gefallen: am Ende der zweiten Episode verabschiedet sich das junge Paar mit einer innigen und langen Umarmung und Hong Sangsoo, der neben Buch, Regie, Schnitt und Musik auch die Kameraarbeit übernommen hat, lässt beide in einem wunderschönen Fade-out ganz langsam verschwinden.

08.02.21 11:17

Bär im Home-Office

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Manchmal gibt es keine richtige Entscheidung. Was für eine Wahl hatten die Berlinale Leiterinnen* Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian? Was sie auch gemacht hätten, nichts hätte den Verlust auch nur ansatzweise überdecken können. Der Schmerz wäre bei einer kompletten Absage noch viel größer gewesen. So wagt sich die Berlinale nun wie viele andere Filmfestivals auf unbekanntes Terrain. Rissenbeeks und Chatrians Weg: Es gibt einen nicht-öffentlichen Berlinale-Teil vom 1.-5. März und einen öffentlichen vom 9.-20. Juni.

Der nicht-öffentliche Teil trägt das Label "Industrieveranstaltung". Das kuratierte Festivalprogramm wird im Rahmen des European Film Market (EFM) dem Fachpublikum vorgestellt. Journalisten sind zugelassen, allerdings entscheiden die Rechteinhaber eines Festivalfilms hier selbst, ob sie ihr Juwel der manchmal nicht wohl geneigten Presse zeigen. Alles ist selbstverständlich online. Bis, ja bis auf eine Ausnahme: eine mit ehemaligen Bärengewinnerinnen* prominent besetzte Jury wird sich in Berlin alle Wettbewerbsfilme auf der großen Leinwand anschauen.

Der öffentliche Teil im Juni nennt sich "Sommerspezial". Nicht das ganze, aber ein großer Teil des Festivalprogramms wird dann in zehn verschiedenen Berliner Kinos zu sehen sein. Im Rahmen des Sommerspezial die Bären überreicht, über die zuvor schon im März die Internationale Jury entschieden hat.

Wir das Ganze funktionieren? Wird die "Situation" im Juni ein Publikumsfestival erlauben? Das kann alles wohl noch keiner mit Gewissheit sagen. Aber allein der Einsatz des Berlinale Teams "etwas" zu ermöglichen, ist diesem hoch anzurechnen.

01.06.20 9:22

Online Version des DOK.fest München 2020 ein Erfolg

Das DOK.fest München hat etwas gewagt und viel damit gewonnen. Das Team um Festivalleiter Daniel Sponsel hat (fast) sein komplettes Programm über das Internet abgespielt. Es ist eines der wenigen (wenn nicht das einzige) Festival, das auf die Corona Situation mit der konsequenten Durchführung eines Online Festivals geantwortet hat. Über 70.000 Abrufe hat es gegeben. Das sind mehr Abrufe als Kino-Zuschauer*innen beim DOK.fest 2019. Nicht einberechnet ist hier, dass bei einem sicherlich nicht unbeträchtlichen Teil der Abrufe mehr als eine Zuschauerin geschaut hat.

Der Verkauf der Online-Tickets und die Wiedergabe der Streams haben sehr gut funktioniert. Zusätzlich hat das Moderator*innen-Team eine Vielzahl von Filmen durch Online Q&A begleitet. Sicherlich waren bei der Online-Version des Publikumsgesprächs weniger Zuschauer*innen als im Kinosaal. Aber es kamen auch Situationen zu Stande, die es so nicht gegeben hätte.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Q&A zum sehr sehenswerten Film über die Kultgruppe THE BAND. Bei der abendlichen Online-Schalte saß der junge Regisseur Daniel Roher am Vormittag noch etwas zerzaust in Kanada vor seiner Kamera. Am Ende holte er dann noch seinen Vater vor die Kamera, der gerade mit den Hunden spazieren gehen wollte. Dieser erzählte, wie er und seine Frau seinen Sohn unterstützt hätten, nachdem klar war, dass der Sohn die Universität abbrechen würde und statt dessen Filmemacher wird. Die Leichtigkeit, mit der dieser Austausch von statten ging, gab einen sehr authentischen Einblick, in eine der Vorgeschichten des Films. Es war eine Leichtigkeit, die es bei einem realen Q&A so nicht gegeben hätte.


Filmstill from the documentary The Euphoria of Being. The young dancer Emese Cuhorka is carrying the over 90 years old Eva Fahidi in her arms.
Filmstill aus THE EUPHORIA OF BEING

Sehr anrührend war auch die Online-Vergabe des Publikumspreis des DOK.fest. Der Preis ging an der Eröffnungsfilm THE EUPHORIA OF BEING. Der Dokumentarfilm erzählt von der einzigartigen Zusammenarbeit zwischen der Choreographin Réka Szabó, der Tänzerin Emese Cuhorka und Éva Fahidi. Éva Fahidi was als junge Frau zusammen mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert worden. Als einziges Familienmitglied hat sie überlebt. Der Film zeigt, wie Fahidi zusammen mit Szabó und Cuhorka eine Tanzperformance über ihr Leben einübt. Bei der Online Preisverleihung erzählt die zugeschaltete Éva Fahidi, wie wichtig es ihr war, dass der Film in Deutschland gezeigt wird und dass es etwas Besonderes ist, dass er gerade hier den Publikumspreis bekommen hat.

Das DOK.fest München ist durch den Zwang der äußeren Umstände zum Online-Festival mutiert. Aber auch jenseits dieses Zusammenhangs wird es der Neu-Orientierung von Filmfestivals einen notwendigen Schub geben. Schon vorher wurde viel darüber diskutiert, was die zunehmende Popularität der Video-Streaming nicht für das Kino allgemein, sondern auch für Filmfestivals im Besonderen bedeutet. Meistens ging es hier aber darum, ob ein Film der nur als Stream und nicht (oder kaum) in Kinos gezeigt wird, auch auf einem Film-Festival laufen darf. Zukünftig wird es nun vielleicht mehr darum gehen, ob ein Film auf einem Festival gestreamt werden darf.

Filmfestivals werden sich in den nächsten Jahren stärker verändern als zuvor. Man kann nur hoffen, dass mehr Festivalmacher*innen mutig werden und ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Es geht darum, pro-aktiv einen Weg zu gestalten, auf dem die digitale Vernetzung zwischen Filmanbietern und Zuschauer*innen zur Sicherung der Vielfalt des Kinos genutzt wird.

24.05.20 17:03

HONG KONG MOMENTS von Zhou Bing (DOK.fest München 2020)

Filmstill aus Hong Kong Moments - Es zeigt ein Straßenbild wo sich Demonstrant*innen und Polizist*innen gegenüber stehen

Der Dokumentarfilm bietet im Vergleich zum Spielfilm einen größeren Raum, um sich einer Situation aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern. Das ist besonders dann wertvoll, wenn es in der öffentlichen Diskussion zu einem Thema eine klare Lagerbildung gibt und ein differenziertes Spektrum droht verloren zu gehen.

Der Titel des Films ist klug gewählt. Regisseur Zhou Bing versucht in Momenten wiederzugeben, wie sieben Bürger*innen aus Hong Kong die derzeitige Situation erleben. Er bietet kein Gesamteinordnung, keine Erklärung und bewusst auch keine Stellungnahme. Seine Protagonist*innen repräsentieren verschiedene gesellschaftlichen Gruppierungen: ein Teil wurde nach der Übergabe von Hong Kong an China sozialisiert, der andere Teil kennt auch noch das davor. Einige arbeiten aktiv im politischen System von Hong Kong und stellen sich für die Wahl der Bezirksräte zur Wahl. Die Besitzerin eines Teehauses oder ein Taxifahrer sind dagegen damit beschäftigt, ihrer täglichen Arbeit nachzugehen. Ein junger Frontline Kämpfer der Protestbewegung kommt genauso zu Wort, wie ein Polizist, der wahrscheinlich in einem ähnlichen Alter ist.

HONG KONG MOMENTS stellt seine Figuren so da, wie sie sich selbst sehen. Zhou Bing nimmt keine wertende Perspektive ein, sondern verstärkt durch filmische Mittel eher noch das Selbstverständnis der Personen. Das wird besonders deutlich, wenn der Protestkämpfer in martialischer Kampfmontur, voll vermummt und mit verzerrter Stimme aus einer Drohnenperspektive über den Dächern von Hong Kong gezeigt wird. Es wirkt wie eine Selbstinszenierung. Letztlich bleibt es aber dem Zuschauer überlassen, ob er die Person als heroisch oder abgehoben beurteilt.

Der Film folgt dem Verlauf einiger weniger Tage. Acht Kamera-Teams haben die Protagonist*innen zum Teil zeitgleich gefilmt. Ein Team verfolgt eine Gruppe von Ersthelfer*innen mitten in die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und den Demonstrant*innen. Ihre Beobachtungen zusätzlich zu verwendeten Privataufnahmen zeigen nicht nur Gewalt von Polizist*innen sondern auch Gewalt gegen Polizist*innen. Insbesondere die üblen Schmähungen der Demonstrant*innen gegen die Polizist*innen bleiben im Gedächtnis. Es ist eine Seite, die in der medialen Berichterstattung so kaum zu sehen, hören oder lesen ist.

HONG KONG MOMENTS reicht nicht aus, um die aktuellen soziopolitischen Konflikte in Hong Kong zu verstehen. Aber der Film ist ein wichtiger Puzzlestein, den man für die weitere Annäherung sehr gut nutzen kann.

23.05.20 17:49

VATER MEIN BRUDER von Ingo Baltes (DOK.fest München 2020)

filmstill vater mein bruder ein film von ingo baltes

Demenz ist seit mehreren Jahren ein sehr präsentes Thema, auch in Filmen. Neben Spielfilmen wie AWAY FROM HER oder STILL ALICE gibt es eine Reihe von Dokumentarfilmen, wie z.B. DAS INNERE LEUCHTEN, der 2019 auf der Berlinale Premiere hatte. Es ist gut, dass es die Möglichkeit gibt, sich zunächst aus der Sicht des Zuschauers mit dem Thema zu befassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass uns das Thema früher oder später direkt betreffen wird, ist da.

Vor zehn Jahren hat der Vater von Ingo Baltes einen Arztbrief bekommen. Die Diagnose lautete Alzheimer. Baltes beginnt, seinen Vater zu filmen. Sein Ziel ist zunächst nicht, einen Film daraus zu machen. Er folgt einem Impuls. Er möchte eine andere Ebene einziehen. Vielleicht ist es auch der Wunsch, sich der absehbaren Entwicklung nicht hilflos auszuliefern.

Baltes Vater war immer ein leidenschaftlicher Hobbyfilmer. Dies setzt sein Sohn nun fort, eine Umkehrung der Rollen. Die 80 Minuten, die Ingo Balthes aus 12 Stunden Drehmaterial herausdestilliert hat, sind kein glatt gebügeltes Dokumentarfeature, sondern ergeben einen aus einzelnen Sequenzen zusammengeschnittenen Familienfilm im Stil der 70er und 80er Jahre, gedreht mit einer Kamera, die weder eine überragende Auflösung noch Bildqualität hat. Entsprechend agieren aber auch die gefilmten Personen inklusive seines Vaters. Sie sind ungekünstelt und folgen keiner vorgegebenen Dramaturgie. Es entsteht eine alltägliche Beiläufigkeit und man kann sich vorstellen, dass es im eigenen Umfeld ähnliche Situation geben würde.

Ingo Baltes kommentiert die Bilder nicht nur im Off-Kommentar, sondern flüstert auch häufig während der Aufnahmen seine Gedanken in das Kamera-Mikro. Er versucht zu beschreiben, was er sieht, auch um sich selbst darüber klar zu werden. VATER MEIN BRUDER ist auch ein Film über ihn selbst. Es ist der Versuch eines Sohnes, mit seiner Kamera nachzuspüren, wie die Demenz nicht nur den Vater, sondern auch die Beziehung zu ihm verändert.

17.05.20 20:47

Preise DOK.fest München 2020

Man kann sich nur immer wieder bei den Veranstalter*innen bedanken, dass sie das DOK.fest München nicht abgesagt haben. Dadurch konnten am Samstag auch Preise vergeben werden. Es geht dabei nicht nur um die Anerkennung. Preise sind besonders für Arthouse Filme auch für die kommerzielle Auswertung sehr wichtig.

Auf dem DOK.fest wurden drei Preise für die Hauptwettbewerbe DOK.deutsch, DOK.international und Dok.horizonzte vergeben.

Den VIKTOR für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm haben Weina Zhao und Judith Benedikt für WEIYENA-EIN HEIMATFILM bekommen. Das freut mich natürlich sehr (siehe auch Artikel zum Film.)

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Filmstill aus WEIYENA-EIN HEIMATFILM

Den Preis im Wettbewerb DOK.international ging an ACASA, MY HOME von Radu Ciorniciuc.

THEY CALL ME BABU
von Sandra Beerends wurde mit denm VIKTOR im Wettbewerb von DOK.horizonte ausgezeichnet.

10.05.20 18:39

WEIYENA-EIN HEIMATFILM von Weina Zhao und Judith Benedikt (DOK.fest München 2020)

Filmstill: Weiyena Zhao mit ihren Eltern
Weina Zhao mit ihren Eltern
Eine Filmkamera kann einen therapeutischen Charakter haben. Die gilt sowohl für Menschen vor der Kamera als auch hinter der Kamera. Im Dokumentarfilm erlaubt die Kamera auf der einen Seite Fragen zu stellen, die man sonst nie stellen würde und auf der anderen Seite Antworten, die man nahestehenden Menschen, so nicht geben würde. Dabei kommen Dinge ans Licht, die lange Zeit im Erinnerungsraum einer Person verschlossen waren.

Weina Zhao ist in Wien aufgewachsen, hat aber durch ihre Eltern eine starke Bindung nach China. Über mehrere Jahre hinweg hat sie ihre Großeltern in China getroffen und mit ihnen Gespräche geführt. Dabei erfährt sie bisher unbekannte, von Leid geprägte Familiengeschichten. Die familiären Auswirkungen der geschichtlichen Tragödien im China des 20. Jahrhunderts und der Umgang mit den gemachten Erfahrungen, machen die Co-Regisseurin manchmal fassungslos, stellen aber auch neue Fragen im Hinblick auf ihre eigene Identität als Grenzgängerin zwischen den Kulturen.

Die familiäre Bindung und Zhaos fließendes Mandarin schaffen eine wichtige Vertrautheit in den Gesprächssituationen. Als Zuschauer bekommen wir bewegende Einblicke, wie chinesische Geschichte Persönlichkeiten und Lebenswege beeinflusst haben. Zhao hat nicht allein, sondern zusammen mit Judith Benedikt Regie geführt. Dies hat sicherlich dabei geholfen, dem Film trotz aller Emotionalität und persönlichen Betroffenheit eine gute Erzählstruktur zu geben.

Besonders wertvoll wird WEIYENA-EIN HEIMATFILM für den europäischen Zuschauerin auch dadurch, dass Weina Zhao trotz ihrer Nähe zu China durch die europäische Perspektive nach Antworten sucht. Ihre Fragen sind auch unsere Fragen, ihr Nicht-Verstehen ist auch unser Nicht-Verstehen. Am Ende deutet sich an, dass durch das Zusammenwirken von chinesischer Mentalität, Kultur und Geschichte menschliches Verhalten in europäischen Kategorien manchmal nicht erklärbar ist.

WEIYENA-EIN HEIMATFILM läuft auf dem DOK.fest München als Weltpremiere und kann noch bis zum 24.5. gestreamt werden. Die Q&A zum Film steht frei zur Verfügung.

09.05.20 18:15

AUTOBAHN von Daniel Abma (DOK.fest München 2020)

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Eine Verkehrsverbindung zwischen zwei Autobahnen, die mitten durch eine Stadt führt, ist untragbar. Aber wie oft, gewöhnt man sich über die Zeit auch an vernunftsfreie Zustände.

Nicht nur wer wie ich aus Niedersachsen oder Nordrhein-Westfahlen kommt, wird seine persönlichen Erinnerungen an die Verbindung zwischen der A30 und A2 haben, die quer durch Bad Oeynhausen führte. Man stand hier vor allem sehr lange im Stau. Nach 40 Jahren kam dann aber 2008 die Revolution. Es wurde mit dem Bau einer Umgehung begonnen. Doch wie reagieren die Bewohner der Stadt darauf?

Daniel Abma hat über 10 Jahre Paare und Einzelpersonen begleitet: u.a. den damaligen Bürgermeister, die Inhaberin eines Woll-Fachgeschäfts, einen Bodybuilder, ein Rentnerehepaar mit Dackel und einen überzeugten Christen, der mit „Jesus Liebt Dich“ Transparenten regelmäßig an der Durchgangsstraße stand.

Das Bauvorhaben wird in AUTOBAHN zu einem in der Zeit wandelnden Prisma, durch das Licht auf die Entwicklung der Charaktere fällt. Der Blick den Abma auf seine Figuren wirft ist anrührend und teilnahmevoll. So trifft er sehr gut das Lebensgefühl, den Alltag und die Menschen in einer norddeutschen Kleinstadt.

Der sehenswerte Dokumentarfilm steht noch bis zum 24.5. auf der Webseite des DOK.fest München zum Streamen zur Verfügung.

08.05.20 20:04

DOK.fest München 2020 - Festival @home

Filmplakat DOK.fest München

Seit dem 6. Mai läuft das Dok.fest München. Als eines der wenigen Filmfestivals ist es das Wagnis eingegangen: es streamt sein komplettes Festivalprogramm. Beachtliche 121 Filme von ursprünglich geplanten 156 Filmen werden gezeigt. Darunter sind Perlen, die bereits auf anderen Festivals erfolgreich liefen (wie z.B. die Dokumentation über Christoph Schlingensief oder der Debütfilm AUTOMOTIVE von Jonas Heldt). 75% der Filme sind aber entweder Welt- oder Deutschlandpremieren. Der Großteil des Programms steht bis zum 24.5 zur Verfügung. Eine 24h Leihe kostet regulär 4,50 €, für einen Solipreis von 5,50 € unterstützt man mit einem Euro Münchner Kinos, die ursprünglich als Spielstätte vorgesehen waren. Man darf sehr gespannt sein, wie diese begrüßenswerte und couragierte Filmfest-Initiative funktioniert.

28.04.20 16:03

WE ARE ONE - Das globale Online Filmfestival

We are one logo

Da ist sie: die gemeinsame Antwort der internationalen Filmfestivals auf DIE Krise. Unter dem Motto WE ARE ONE wird es ab 29. Mai für 10 Tage ein globales Fimfestival auf Youtube geben. Das Tribecca Filmfestival in New York und YouTube sind die Hauptorganisatoren und sie haben starke solidarische Partner gefunden. Die Berlinale, Cannes, San Sebastian und Venedig sowie 15 weitere Festivals werden das Programm kuratieren. Die Filmen stehen noch nicht fest, eines aber schon: alles wird kostenlos sein.

26.04.20 17:55

CROSSING EUROPE EXTRACTS

Logo for crossing europe extracts

Film-Festivals leben von dem lebendigen Austausch zwischen Publikum und Filmschaffenden. Sie schaffen einzigartige Orte der Zusammenkunft, um Film gemeinsam zu erleben. Es sind großartige aber auch "große" Veranstaltungen. Es ist daher nicht absehbar, wann das erste Film-Festival wieder stattfinden kann.

Filmfestivals dauern oft nur bis zu 10 Tage, aber die Vorbereitungen beginnen bereits mit dem Ende des Vorjahresfestivals. Einige Monate vor dem offiziellen Start geht es dann in die heiße Phase. Der Aufwand, den Festivalteams treiben, ist enorm. Nun sind sie um den Lohn ihrer engagierten Arbeit gebracht worden. Jedes Festival findet seine eigene Antwort auf die Situation. Dabei geht es nicht nur um die großen Festivals wie Cannes. Es sind eben auch die mittelgroßen Festivals, die mit viel Leidenschaft sich neben "den Großen" etabliert haben.

Eines dieser Festivals ist das Crossing Europe in Linz. Es gibt vor allem Filmen aus dem osteuropäischen Raum eine Plattform. Am 21.4. sollte das Festival im Beisein von Costa-Gavras eröffnet werden. Am 8.3. war klar, dass es nicht ging.

Doch es gibt nun unter der Überschrift CROSSING EUROPE EXTRACTS eine handverlesene Auswahl von 10 Filmen aus verschiedenen Sektionen, die bis zum 24. Mai gestreamt werden können. Abrufbar sind sie auf den Portalen FLIMMIT und KINO VOD CLUB. Unter den Filmen finden sich ein buntes Jugenddrama im Bollywood-Stil aus Afghanistan (Parwareshgah von Shahrbanoo Sadat), eine DIY Dokumentation um die Anfeindungen des ungarischen Orban Regimes gegen die Central European University in Budapest (SZABAD EGYETEM von Jonathan Hunter und Lucie Janotová) und ein Spielfilm über den fast in Vergessenheit geraten Konflikt in der Ostukraine (ZABUTI von Daria Onyshchenko). Zwar haben aus lizenzrechtlichen Gründen nur österreichische Zuschauer*innen einen Zugriff, aber es ist ein wichtiges Zeichen. Bleibt zu wünschen, dass es nun in vielen österreichischen Häusern und Wohnungen heißt: Projektion ab.

01.03.20 11:00

Bären 2020

GOLDENER BÄR FÜR DEN BESTEN FILM

SHEYTAN VOJUD NADARAD (There Is No Evil) von Mohammad Rasoulof

Filmstill von SHEYTAN VOJUD NADARAD

© Cosmopol Film

Paukenschlag: Mohammad Rasoulofs Film SHEYTAN VOJUD NADARAD gewinnt die Berlinale. Damit setzt sich die starke Präsenz des iranischen Kinos auf der Berlinale auch in der post-Kosslick Ära fort. Kosslick lag der Dialog mit Iran besonders am Herzen, Regisseure wie der unter Hausarrest stehende Jafar Panahi waren seit vielen Jahren mit der Berlinale verbundenen. Er war schon mit OFFSIDE 2011 vertreten und wurde 2015 für TAXI mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. (Kompletter Artikel)

SILBERNER BÄR GROSSER PREIS DER JURY

NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS von Eliza Kittman

Filmstill von  NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS

© Focus Features

Wie oft hat sich ein Sexualpartner geweigert, ein Kondom zu tragen? Nie, selten, manchmal, immer? Wie oft hat ein Sexualpartner Deine eigene Verhütung verhindert oder erschwert? Nie, selten, manchmal, immer? Wie oft wurdest Du gegen Deinen Willen zum Geschlechtsverkehr gedrängt? Nie, selten, manchmal, immer? Wie oft wurdest Du körperlich bedroht oder geschlagen? Nie, selten, manchmal, immer? Die Helferin der Abtreibungsklinik in Manhattan stellt der 17-jährigen Autumn (Sidney Flanigan) die Fragen mit sanfter Stimme. (Kompletter Artikel)

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE REGIE

Hong Sangsoo für die Regie von DOMANGCHIN YEOJA (THE WOMAN WHO RAN)

Filmstill von DOMANGCHIN YEOJA

© Jeonwonsa Film Co. Production

Den ersten Szenenapplaus des Berlinale-Wettbewerbs bekommt eine dicke Katze. Für den neuen Nachbarn ist sie eine „Räuberkatze“, die man tunlichst nicht füttern sollte. Für die beiden Frauen in der Wohnung gegenüber ist sie „wie ein Kind“: Es ist ganz selbstverständlich, dass sie liebevoll versorgt wird, und dabei wird es auch bleiben. Während des Gesprächs vor der Haustür sitzt die dicke Katze daneben und schaut milde interessiert von einem zum anderen. In der sicheren Gelassenheit, so scheint es, dass ihre Unterstützerin sich mit ihrer ruhigen Beharrlichkeit durchsetzen wird. In Hong Sangsoos wunderbar beiläufig erzähltem Film THE WOMAN WHO RAN geht es immer wieder um Frauen, die miteinander reden und dabei von Männern gestört werden. (Kompletter Artikel)

SILBERNER BÄR FÜR DIE BESTE DARSTELLERIN

Paula Beer für die Rolle in UNDINE von Christian Petzold

Filmstill von  UNDINE

© Marco Krüger/Schramm Film

Kino als Kunstform lebt - das zeigt Christian Petzold mit seinem Wettbewerbsbeitrag UNDINE in beeindruckender Weise. In der ersten Einstellung sehen wir ein junges Paar im Gespräch, es ist Undine mit ihrem Noch-Freund Johannes. Johannes teilt ihr gerade mit, dass er sich wegen einer anderen Frau von ihr trennen wird. Undine reagiert zunächst ungläubig und erinnert ihn mit dann in sachlichem Feststellungston daran, dass dies zwangsläufig seinen Tod bedeuten würde. Schon an dieser Stelle wird klar, dass Undine wohl keine gewöhnliche Frau ist und das hier keine alltägliche Geschichte erzählt wird. UNDINE nimmt uns mit in eine poetisch-phantastische Zwischenwelt irgendwo zwischen Land und Wasser, in der die Grenzen von Realität und Traum miteinander verschmelzen. (Kompletter Artikel)

SILBERNER BÄR FÜR DEN BESTEN DARSTELLER

Elio Germano für die Rolle in VOLEVO NASCONDERMI (HIDDEN AWAY)

Filmstill von VOLEVO NASCONDERMI

© Chico De Luigi

Ein dunkles Auge, das verschreckt aus einem über den Kopf gezogenen Mantel hervorlugt. Nur nicht gesehen werden. Antonio Ligabue (1899-1965), als Dorftrottel abgestempelter Ausnahmekünstler, hat bereit viel Schlimmes in seinem Leben erlitten, als er während der Mussolini-Ära in die Psychatrie überwiesen wird. Kindheit in der Schweiz, nach dem Tod der italienischen Eltern Unterbringung bei einem Bauernpaar, von den Dorfkindern gehänselt, vom Ziehvater misshandelt – das Kind Toni wächst zu einem misstrauischen, zutiefst scheuen Wesen heran, das sich am liebsten versteckt. Nur mit den Tieren auf dem Hof hat der Junge von Anfang an eine enge Verbindung – er spricht mit den Gänsen, ahmt kämpfende Hähne nach und verfolgt Käfer auf ihrem wirren Krabbelweg. Und Tiere sind es auch, die er als erstes zeichnet – mit einem erstaunlichen Talent, das ihn schließlich bis zu renommierten Ausstellungshäusern in Rom führen wird. (Kompletter Artikel)

SILBERNER BÄR FÜR DAS BESTE DREHBUCH

Fabio & Damiano D'Innocenzo für FAVOLACCE (Bad Tales)

SILBERNER BÄR FÜR EINE HERAUSRAGENDE KÜNSTLERISCHE LEISTUNG

Jürgen Jürges für Kamera inr DAU. DEGENERATSIA

SPEZIAL PREIS 70 Jahre Berlinale

EFFACER L’HISTORIQUE (Delete History) von Benôit Delépine und Gustave Kervern

Filmstill von EFFACER L’HISTORIQUE

© Les Films de Worso - No Money Production

ENCOUNTERS PREIS BESTER FILM

THE WORKS AND DAYS (OF TAYOKO SHIOJIRI IN THE SHIOTANI BASIN) von C.W. Winter und Anders Edström

ENCOUNTERS SPECIAL JURY AWARD

THE TROUBLE WITH BEING BORN von Sandra Wollner

ENCOUNTERS PREIS BESTE REGIE

MALMKROG von Cristi Puiu

ENCOUNTERS SPECIAL MENTION

ISABELLA von Matías Piñeiro

Berlinale Dokumentarfilmpreis

IRRADIÉS (Irradiated) von Rithy Panh

Bester Erstlingsfilm

LOS CONDUCTOS von Camilo Restrepo

29.02.20 18:00

ISABELLA von Matías Piñeiro (Berlinale 2020)

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© Trapecio Cine / Le Fresnoy

Was für ein gelungenes Erstlingswerk einer Regisseurin. Das denke ich, als ich aus dem Kino komme. Doch damit sitze ich einem doppelten Irrtum auf. ISABELLA ist von Matías Piñeiro, er hat seit 2006 bereits bei vielen Filmen Regie geführt und wurde bisher dreimal zum Filmfestival in Locarno eingeladen.

Piñeiro dekonstruiert seine Geschichte von Mariel und Luciana, die beide für die Rolle der ISABELLA in Shakespeares Komödie MEASURE BY MEASURE vorsprechen. Er zerschneidet den linearen Verlauf des Geschehens und komponiert ihn wie bei einem Musikstück neu zusammen. Szenischen Themen werden begonnen, unterbrochen und später wieder aufgenommen. Das Ergebnis ist ein formal und ästhetisch geschlossenes Filmkunstwerk, das mit wohl dosierten und rhythmisch gesetzten Bruchstellen unseren Geist weckt, damit er nach Anschlussstellen sucht. Durch dieses aktive Schauen und die Wiederholung von Themen in ihrer nicht-linearen Fortführung hinterlässt die Erzählung einen nachhaltigen Eindruck.

WAGENKNECHT von Sandra Kaudelka (Berlinale 2020)

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© Michael Kotschi

Eine Langzeitdokumentation über eine Person des öffentlichen Lebens kann deren Kontur, die für die Öffentlichkeit überwiegend durch Zeitungs- und Fernsehberichte gezeichnet wird, schärfen und manchmal auch verschieben. In dieser Hinsicht ist WAGENKNECHT interessant. Die menschliche Seite an der Politikerin Sarah Wagenknecht, schimmert durch die Bilder. Trotzdem hält sich der Erkenntnisgewinn nach 100 Minuten in Grenzen.

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© Michael Kotschi

Zu viel bleibt in dem Dokumentarfilm an der Oberfläche. Wir begleiten Wagenknecht bei ihren öffentlichen Auftritten, bei Fahrten zwischen den Auftritten und bei der Planung der Auftritte in ihrem Abgeordnetenbüro. Das Ziel von Sandra Kaudelka war es, den Alltag eines Politikers zu dokumentieren. Das ist sicherlich gelungen.

Im Publikumsgespräch gehen die Regisseurin und Sarah Wagenknecht noch einen Schritt weiter. Sie behaupten, dass der Film mit dem gleichen Ergebnis auch über jeden anderen Politiker hätte gedreht werden können. Für mich stellt sich dann aber die Frage, warum die Regisseurin sich dann nicht eine weniger prominente Person ausgesucht hat. Auch der Filmtitel wirbt klar mit der Person Sarah Wagenknecht.


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Die private Seite von Wagenknechts Leben wird fast komplett ausgespart. Wenn Wagenknecht sich am Beginn des Films mit dem Rad einen Berg hochkämpft, um dann die Aussicht zu genießen, ist das für mich bereits die persönlichste Stelle im ganzen Film. Das entspricht Wagenknechts generellen Umgang mit Medien. Sie möchte ihr Privatleben abschirmen und keine Home-Stories. Das kann ich verstehen. Viele Menschen, die im Rampenlicht stehen, machen das so. Allerdings kommt man dann in einem Dokumentarfilm einer Person auch nicht näher als in einem Zeitungsinterview.

Erste Preise der Berlinale 2020

Neben den Bären gibt es eine Vielzahl von anderen Preisen, die auf der Berlinale vergeben werden. Eine besondere Auszeichnung ist der Publikumspreis in der Sektion Panorama. In der Kategorie Dokumentarfilm hat WELCOME TO CHECHNYA von David France gewonnen. Er macht die schockierenden Menschenrechtsverletzungen gegen Schwule, lesbische Frauen und Bisexuelle zum Thema. WELCOME TO CHECHNYA gewann ebenfalls den Amnesty International Filmpreis. Als besten Spielfilm wählte das Berlinale Publikum OTAC (Father) von Srdan Golubović.

Bereits gestern wurde für die Sektion Perspektive Deutsches Kino der Kompass-Perspektive-Preis vergeben.

Er ging an die Regisseurin Janna Ji Wonders für WALCHENSEE FOREVER.

GUNDA von Victor Kossakovsky (Berlinale 2020)

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GUNDA hat viel mit RIZI von Tsai Ming-liang gemeinsam. Der Unterschied ist, dass Victor Kossakovsky in langen Kameraeinstellungen nicht zwei Männer, sondern eine Schweinefamile beobachtet.

Die Hauptrollen in GUNDA spielen das gleichnamige Schwein und ihre Frischlinge. In Nebenrollen sind auch Hühner und Kühe zu sehen. Kossakovsky lässt sich buchstäblich zu den Tieren herab. Die Kamera filmt Gunda und ihre Familie aus nächster Nähe. Die Großaufnahmen, wie die Schweinemutter ihre Jüngsten versorgt, sind berührend ohne sentimental zu werden. Das gelingt auch deshalb, weil im Gegensatz zu anderen Tierfilmen auf Voiceover und Musik verzichtet wird.

In Erinnerung bleibt besonders eine Szene, in der sich Hühner vorsichtig aus einem Käfig auf eine Wiese heraustasten. Sie stammen augenscheinlich aus einer Legebatterie und waren noch nie in der Natur. Die Bilder, wie ihre Füße langsam und zaghaft den Wiesenboden berühren, sind ein eindrucksvolles Plädoyers für die Freiheit eines jeden Lebewesens.

Spannend ist neben dem Film selbst die Kinosituation bei der Berlinale Vorführung. Im vollbesetzten Zoopalast schauen sich Großstädter in Schwarzweiß und Großformat Schweine vom Land an. Victor Kossakovsky dürfte das gefallen. Für den Regisseur ist das Töten von Tieren moralisch genauso verwerflich wie das Töten von Menschen (siehe dazu auch das Gespräch zwischen ihm und Carlo Chatrian). Trotz dieser "Mission" wird man sich auch als Nicht-Vegetarier für GUNDA begeistern können.

28.02.20 11:52

Ang Lee in conversation with Hirokazu Kore-eda (Berlinale 2020)

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Die Akademie der Künste ist ausverkauft. Viele der Besucher haben südostasiatische "roots", sie sind aber vor allem eines: sehr jung. Das Berlinale Format "On Transmission" holt damit eine Publikumsschicht, die zunehmend zu Netflix & Co. abwandert, wieder zurück ins Kino.

Die Popularität des Events kommt nicht von ungefähr: Carlo Chatrian ist es gelungen, zwei Meisterregisseure auf die Bühne zu bringen. Für Ang Lee ist es auch eine Möglichkeit, der Berlinale zu ihrem 70. Geburtstag etwas zurück zu geben. 1993 gewann Ang Lee für THE WEDDING BANQUET den Goldenen Bären. Es war sein internationaler Durchbruch.

Als Gast hat Ang Lee den japanische Regisseur Hirokazu Kore-eda eingeladen. Kore-eda wird nicht nur von Ang Lee sehr geschätzt. Er ist international einer der angesehensten Regisseure des japanischen Gegenwartskino. 2018 hat er in Cannes für SHOPLIFTERS die Goldene Palme gewonnen.

Das Gespräch bringt dann inhaltlich zwar nicht viel neues, die wechselseitige Achtung zwischen Lee und Kore-Eda und ein Publikum, das fast in Ehrfurcht erstarrt, erzeugen eine Stimmung, die es einzigartig macht.

Für die Projektion nach dem Gespräch hat Lee den zweiten Spielfilm von Kore-eda ausgesucht: AFTERLIFE. Die Geschichte des Films ist sehr originell. Nachdem Menschen gestorben sind, machen sie Zwischenstation in eine Art Wohnheim. Hier sollen sie bis zum dritten Tag eine Erinnerung aus ihrem Leben auswählen, die ihnen besonders wichtig ist. Nur diese Erinnerung nehmen mit sie auf ihre weitere Reise, alles andere vergessen sie.

Als Ang Lee den Film das erste Mal gesehen hatte, war er im positiven Sinne schockiert. Er wollte sofort wissen, wer diesen Film gemacht hat. Für Lee ist AFTER LIFE ein Beispiel, was er am japanischen Kino so schätzt: der Film ist ruhig, geradlinig, "clean" und insgesamt einfach wunderschön.

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Filmstill aus AFTER LIFE, © Celluloid Dreams

Ang Lees Begeisterung zeigt ihre Wirkung. Nur wenige Zuschauer*innen verlassen nach dem Gespräch den Saal, fast alle wollen AFTER LIFE nun auch sehen. Und sie werden belohnt. Der Film aus dem Jahre 1998 ist für mich der bisher beste Filme auf der Berlinale.

26.02.20 15:48

Claire Denis in conversation with Olivier Assayas (Berlinale 2020)

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Das Format "On Transmission" wurde von Carlo Chatrian angeregt. Er hat sieben Regisseure eingeladen, die selbst wiederum einen anderen Regisseur einladen. Die Regisseure sprechen eine Stunde miteinander und danach wird ein Film von einem der beiden gezeigt. Wenn man die Veranstaltung mit Claire Denis und Olivier Assayas als Beispiel nimmt, dann ist die neue Reihe rundherum gelungen.

Denis und Assayas sind sich seit einem gemeinsamen Frühstück im Berliner Savoy Hotel freundschaftlich verbunden. Beide hatten 1989 einen Film in der Berlinale Sektion Forum. Aus einem Frühstück wurde dann ein stundenlanges Gespräch.

Ende der Neunziger waren Denis und Assayas Außenseiter im französischen Kino. Sie hatte sich dem internationalen Kino geöffnet, während das typisch französische Kino weiterhin Nabelschau betrieb.

Es waren die amerikanischen Kritiker, die beiden letztlich zum Durchbruch verhalfen. Als sie nach ihrer Definition für französisches Kino gefragt werden, sind sich beide dennoch des Stellenwerts des französischen Autorenkinos sehr bewusst. Der Regisseur als „auteur“ sei zwar nicht durch das französische Kino erfunden worden, so Olivier Assayas, aber in Frankreich habe man die Idee, dass ein Filmregisseur die gleichen Freiheiten besitzen solle wie ein Maler, durch die Theorie manifestiert. Claire Denis fügt hinzu, dass die Kunstfreiheit der Filmemacher*innen derart tief in der französischen Filmkultur verwurzelt sei, dass es im Französischen keine Übersetzung für den Begriff "Final Cut" gibt.

Ein Thema, das das Filmgespräch durchzieht, ist der Austausch mit anderen internationalen Filmemachern. Assayas hatte bereits viel Kontakt mit Filmemachern in Hong Kong (Wong Kar Wai) und Taiwan (Hou Hsiao-hsien), war bisher aber nie in China gewesen. Gemeinsam mit Claire Denis unternahm er dann seine erste China-Reise. Dort trafen sie nicht nur begeisterte Studenten, die an europäischer Filmkultur sehr interessiert waren, sondern auch den jungen Jia Zhang-Ke. Denis und Assayas konnten kein Mandarin und Zhang-ke nur wenig Englisch, doch es war bald klar, dass alle die gleiche Filmsprache sprachen.


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IRMA VEP, © Vortex Sutra


Wie als ein Beleg für den Austausch zwischen französischen und asiatischen Kino läuft nach dem einstündigen Filmgespräch IRMA VEP. In dem Film von Olivier Assayas aus dem Jahre 1996 holt ein französische Regisseur (gespielt von Jean-Pierre Léaud) den Hong Kong Star Maggie Cheung (gespielt von Maggie Cheung) nach Paris, um ein Remake eines französischen Stummfilmklassikers zu drehen.

ORPHEA von Alexander Kluge und Khavn (Berlinale 2020)

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Der Festivalleiter Carlo Chatrian verweist gleich zu Beginn der Vorstellung von ORPHEA auf das Besondere des Projekts: drei sehr unterschiedliche Künstler, Alexander Kluge, Khavn und Lilith Stangenberg erzeugen kreative Spannung. Die drei re-mixen sich gegenseitig zu einer verstörenden Abfolge von Bildern und Tönen. Der Film ist anarchisch und wild. Wenn ich sagen würde, der Sinn hat sich mir erschlossen, dann wäre das glatt gelogen. Es gelingt mir nicht einmal, die direkte Abfolge von Bild-Bruchstücken bedeutungsvoll miteinander zu verbinden.

Ich habe nun zwei Möglichkeiten: ich kann sehr deprimiert sein. Eigentlich kann es nur an meiner mangelnden Bildung liegen. Bei dem Universalgelehrten Alexander Kluge kann ich davon ausgehen, dass er losgelöst von Raum und Zeit Verbindungen quer durch die Menschheitsgeschichte gezogen hat. Ich kann ORPHEA aber auch so in mich aufnehmen wie in jungen Jahren englische Musikstücke. Da habe ich auch kein Wort verstanden, fand die Songs aber super. Am Ende entscheide ich mich für letzteres.

25.02.20 17:10

Pressekonferenz zu DOMANGCHIN YEOJA (Berlinale 2020)

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Hong Sangsoo antwortet langsam und bedächtig auf die Fragen in der Pressekonferenz. Für die Philosophie mit der er DOMANGCHIN YEOJA gemacht hat, findet Hong Sangsoo anschauliche Bilder. Er wollte diesmal nicht die Bedeutung aus den Dingen herauspressen, sondern ohne ausgearbeiteten Plan auf eine Welle warten, die ihn wie einen Surfer über die Oberfläche der Dinge gleiten lässt. So habe er seine Dialoge geschrieben und gehofft, dass es ihn irgendwo hinführt.

Pressekonferenz zu HILLARY (Berlinale 2020)

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Hillary Rodham Clinton ist auf der Berlinale. Nanette Burstein hat eine vier-stündige Dokumentarfilm-Serie über die ehemalige Präsidentschaftskandidatin gedreht. Wenn man Clinton in der Pressekonferenz hört, dann möchte man eigentlich nur noch weinen. Was, wenn sie 2016 nicht gegen den Unausprechbaren verloren hätte?

In der Pressekonferenz outete sich Clinton als großer Filmfan. Sie habe zwar in den letzten Jahrzehnten nur wenig Zeit gehabt ins Kino zu gehen. Aber sie freue sich darauf, dies bald nachzuholen. Zusammen mit ihrem Mann habe sie Filmklassiker wie CASABLANCA oder HIGH NOON bestimmt 30-40 mal gesehen.

Zu politischen Fragen von Weinstein über Sanders bis zu Assange äußerte sich Clinton sehr zurückhaltend. Deutlich wurde sie aber als es um die russische Einmischung in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 2016 ging. Vladimir Putin habe genau gewusst, wer sie sei. Sein Ziel sei es gewesen, sie zu besiegen.

Die Serie HILLARY läuft in der Sektion Berlinale Special und hat am Donnerstag den 27.2.2020 im Cubix 9 um 12:00 die letzte Berlinale-Vorstellung.

SEISHIN 0 (Zero) von Kozuhiro Soda (Berlinale 2020)

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Hollywood hat uns daran gewöhnt, dass uns im Kino nie langweilig wird. Die Story zieht uns in ihren Bann, wir sind immer neugierig, was als nächstes geschieht. Schnelle Schnitte lenken unsere Blicke und nehmen uns die Beobachtung ab. Wenn dann ein Film sehr lange Einstellungen hat, in denen nicht viel passiert, dann sagen wir schnell, der Film sei anstrengend, zu mindestens aber dass er uns eines abverlangt: Geduld. Damit kokettiert vor der Vorstellung auch Regisseur Kozuhiro Soda. Er würde am Ende des Films noch einmal kommen und schauen, wieviel aus dem voll besetzten Kinosaal im Arsenal 1 geblieben sind.

Oft wollen wir Film-Fastfood. Etwas, das sofort schmeckt. Mindestens nach einer halben Stunde sollte uns der Film begeistern. Was aber, wenn sich die Schönheit erst nach 2 Stunden einstellt? Was, wenn wir erst einmal alles aufgesehen haben müssen, bevor wir das vorher gesehene würdigen können?

Kazuhiro Soda hat 2005 im Film MENTAL den Psychiater Dr. Yamamoto im Gespräch mit seinen Patienten gefilmt. Als er vor einigen Jahre hörte, dass Yamamoto seine Praxis schließen wird, begreift er dies sofort als Chance. Er packt seine Kamera und fliegt nach Japan, um zehn Jahre nach MENTAL Yamomoto erneut zum Sujet in einem Dokumentarfilm zu machen.

Über zwei Stunden verfolgen wir im ersten Teil, wie Yamamoto mit verschiedenen seiner langjährigen Patienten Abschiedsgespräche führt. Im zweiten Teil nehmen wir Anteil an dem Alltag mit seiner demenzkranken Frau.

Nach 2 Stunden haben wir ein tiefes Gefühl und Verständnis für Yamamoto und seine Frau bekommen. SEISHIN 0 ist nachhaltiges Kino, von dem wir noch lange zehren können

24.02.20 11:00

YI ZHI YOU DAO HAI SHUI BIAN LAN (Swimming Out Till the Sea Turns Blue) von Jia Zhang-ke (Berlinale 2020)

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Geschichtsbuch-Geschichte fand ich immer fad. Wenn mein Großvater oder meine Großmutter von früher erzählt haben, war das hingegen hoch spannend. Erzählte Erinnerungen zeigen, wie Geschichte durch Menschen hindurchgelebt wurde.

Das ist es auch, was Jia Zhang-ke umtreibt. Er lässt erzählen, um erinnerte Geschichte(n) zu bewahren. Dabei geht es ihm besonders um das ländliche Leben in China. Urbane Erfahrungen sind bereits gut dokumentiert.

Wie in vielen seiner bisherigen Filmen (z.B. XIAO WU und STILL LIVE) konzentriert sich Jia Zhang-ke auch in SWIMMING OUT TILL THE SEA TURNS BLUE auf seine Heimatprovinz Shanxi. Stellvertretend für verschiedene Zeitabschnitte lässt er vier bekannte Autor*innen aus der Region zu Wort kommen: Ma Feng, Jia Pingwa, Yu Hua und Liang Hong. Der gesellschaftspolitische Wandel in China hat ihr Leben bestimmt. Ihre Erzählungen sind wie Puzzlesteine im Fluss der gelebten Geschichte, die sich an prägenden Stromschnellen wie der Kulturrevolution zu Fragmenten verbinden. Dann sitze ich wie bei meinen Großeltern neben ihnen auf dem Stuhl und höre gebannt zu.

Jeder der Autor*innen musste sich auf eigene Art und Weise durchkämpfen, um dort hinzulangen, wo sie jetzt stehen. Mit dem Titel für seinen Film hat Jia Zhang-ke ein sehr schönes Sinnbild dafür: alle mussten solange schwimmen, bis das Meer wieder blau wurde.

22.02.20 16:00

Publikumsgespräch BLACK MILK (Berlinale 2020)

Publikumsgespräch Schwarze Milch
Von links: Uisenma Borchu, Berlinale Moderator, Gunsmaa Tsogzol, Terbish Demberel, zwei weitere Darsteller, ein Dolmetscher und Sven Zellner

Nach der Premiere von BLACK MILK holt Regisseurin Uisenma Borchu einige der Darsteller sowie Sven Zellner (Kamera und Produktion) auf die Bühne. Ihr Film hat starke autobiografische Züge. Das zeigt sich in der Wahl der Darsteller. Die Hauptfigur Wessi spielt Borchu selbst, die Schwester im Film ist im realen Leben ihre Cousine Gunsmaa Tsogzol aus der Mongolei und der Vater im Film ist auch tatsächlich ihr Vater.

Im Publikumsgespräch wird offensichtlich, wie uneindeutig Identitätskonstruktionen verlaufen. Sie komme eigentlich überall auf der Welt zu Recht, sagt Borchu. Daher könne auch überall Ihr zu Hause sein. Und doch gibt es eine versteckte Bindung an die Mongolei und eine zwiespältige Beziehung zu Deutschland. Hier sei ihr seid ihrer Kindheit gesagt worden, wo sie hingehen solle. Uisenma Borchus persönliches Nomadengefühl ist letztlich auch ein Akt der Selbstbestimmung, eine selbstbewusste Reaktion auf den Rassismus, den sie in Deutschland erlebt hat.

SCHWARZE MILCH (Black Milk) von Uisenma Borchu (Berlinale 2020)

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BLACK MILK nimmt sich Zeit. Intime Momente, Konflikte und Uneindeutigkeiten werden nicht einer dramaturgischen Linie geopfert. Regisseurin Uisenma Boruch lässt Personen und Situationen für sich sprechen. Das tut gut.

Wessi, in der Mongolei geboren und in Deutschland aufgewachsen, fliegt in ihr Geburtsland. Dort teilt sie mit ihrer Schwester Ossi und anderen Nomaden den Alltag in der mongolischen Steppe.

Borchu schafft es mit einer ganz eigenen Filmsprache die Annährung der Schwestern behutsam in Bilder umzusetzen. Ihre unterschiedliche kulturelle Prägung führt immer wieder zu Spannungen. Am Ende überwiegt aber die Gemeinsamkeit. In ihrer charakterlichen Stärke finden beide sehr eigene Wege, um sich als Person wie als Frau gegenüber sich selbst, ihrer Umwelt aber insbesondere auch gegenüber männlichen Dominanzansprüchen zu behaupten.

20.02.20 17:18

Pressekonferenz: MY SALINGER YEAR (Berlinale 2020)

Die erste Film-Pressekonferenz der 70. Berlinale. Besonders unter den Fotograf*innen ist die Aufregung groß. Wie Löwen müssen sie gebändigt werden. Gefangen in einem Knipsrausch wollen sie sich auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht setzen. Am Ende muss die Pressechefin der Berlinale persönlich einschreiten.

Klar, ich kann den hohen Adrenalinpegel verstehen. Sigourney Weaver und Magaret Qualley sind vielleicht die größten Hollywood Stars an diesem Berlinale-Wochenende.

Die zwei Schauspielerinnen, die zwei ganz unterschiedliche Generationen verkörpern, sind sich dann sehr sympathisch und einander innig verbunden. Zusammen mit dem kanadischen Regisseur Philippe Falardeau und der Schriftstellerin Joanna Rakoff füllen sie den Presseraum im Grand Hyatt Hotel mit einer wohlig warmen Team-Atmosphäre.

Für den Zusammenhalt spricht auch, dass zwei Filmcrew-Mitglieder, die nicht auf der Pressekonferenz anwesend sind, besonders hervorgehoben werden: einmal die Kostümdesignerin Ann Roth und dann die Kamerafrau Sara Mishara. Hoch gelobt wird letztere von Falardeau ("Write that name down") und Rakoff ("A real genius").

Rakoff gibt dann auch noch einen anderen wichtigen Hinweis: bis auf eine Stelle waren alle leitenden Positionen bei der Filmproduktion mit Frauen besetzt. Ein sehr wichtiges Signal nach vorn, das die Berlinale derzeit gut gebrauchen kann.

Berlinale 2020

Heute ist es endlich soweit: die 70. Berlinale wird eröffnet. Vieles ist in diesem Jahr anders. Die Leitung hat gewechselt, das Cinestar hat geschlossen und die Berlinale Plakate sind bärlos. Auch wenn ich bereits einige bekannte Gesichter wie den Pressekollegen von African Refugee News und langjährige Mitarbeiter des Presse-Ticketcounter gesichtet habe: es stellt sich nur ein verhaltenes, abwartendes "Same procedure as last year" ein.

Der Vorlauf zur Berlinale kann man wohl als gescheitert bezeichnen: anstatt über Filme zu sprechen, musste das neue Leitungsteam die Wahl des Jury Präsidenten rechtfertigen und mit der verschleppten Aufarbeitung der NSDAP Vergangenheit des Berlinale Gründers beginnen.

Wenn man sich dann der Filmauswahl widmet, dann gibt es vor allem viele Fragezeichen: weniger bekannte Namen, dafür mehr "Newcomer". Zumindest für den Eröffnungsfilm MY SALINGER YEAR stehen die Autogrammjäger heute morgen schon in der Kälte: Sigourney Weaver und Margaret Qualley sind heute Mittag bei der Pressekonferenz und eröffnen am Abend dann zusammen mit Mariette Rissenbeck und Carlo Chatrian die Jubiläumsausgabe.

19.02.20 0:35

Berlinale 2019

2019 war ein Jahr des Abschieds und stand ganz im Zeichen von Dieter Kosslick. Es war sein letztes Jahr als Festivalleiter. Kosslick war beliebt, das wusste man, aber dieses Jahr merkte man es besonders. Ob in der Eröffnungs- und Abschlussgala, auf den Filmpremieren oder in der Tagespresse: sein Abschied war allgegenwärtig. Internationale Branchenblätter wie Variety schalteten große Anzeigen um "Dieter" zu danken. Wehmut.

Von manch einem Abschied wusste man damals noch nichts, manches ahnte man aber. Mit Kosslick ging auch die wunderbare Anke Engelke. Der Forumsleiter Christoph Terhechte hatte bereits 2018 überraschend das Feld geräumt. Für viele langjährige Mitarbeiter im Forum-Team war dann auch 2019 das letzte Mal. Nur zwei von Ihnen sitzen später im Auswahlkomitee der neuen Leiterin Christina Nord für das Forum-Programm der Berlinale 2020.

Wenn man einiges gewusst hätte, dann hätte man vielleicht noch liebevoller zurückgeschaut. So hatte z.B. das Cinestar im Sony Center 2019 seinen letzten Auftritt als Austragungsort der Berlinale. Ende 2019 fiel für immer der Vorhang.

Ein im Nachhinein trauriger Abschied war die Premiere von PETER LINDBERGH – WOMEN'S STORIES. Nach der Premierenvorstellung kam Lindbergh auf die Bühne. Ein halbes Jahr später ist er gestorben.

Die Filme der Berlinale 2019 konnten über die Sektionen hinweg überzeugen und erhielten auch nach der Berlinale noch große Anerkennung, so z.B. SYSTEMSPRENGER (Wettberwerb), HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT (Forum) oder TALKING ABOUT TREES (Panorama).

Persönlich hat mich besonders gefreut, dass Angela Schanelec mit dem Regiepreis für ICH WAR ZUHAUSE, ABER endlich die gebührende Anerkennung bekommen hat.

16.02.20 0:34

Berlinale 2016

Diese Momente sind rar. Ich komme aus dem Kino, bis in die Haarspitzen mit Energie geladen, bin wie weggeblasen, aufgewühlt und doch glücklich. Ich habe etwas vollkommen Neues gesehen. Für mich war es damals einfach groß. Es war das Jahr 1989 und ich hatte DO THE RIGHT THING gesehen.

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Fast 30 Jahre später. Berlinale 2016. In einer Berlinale Pressekonferenz sitze ich Spike Lee gegenüber. Es ist wieder ein großer Moment, der mich glücklich macht und gleichzeitig aufwühlt. Lee ist über die Jahre eine echte Persönlichkeit geblieben. Er hat weiter etwas zu sagen, ist sehr politisch und macht sein Ding, nur unter anderen Bedingungen. Auf der Berlinale 2016 stellt er seinen Film CHI-RAQ vor. Er hat ihn zusammen mit Amazon Studios produziert. CHI-RAQ ist der erste Amazon Original Movie. Ein Jahr später startet Spike Lee eine Serie auf Netflix. Es ist ein Remake seines Erstlingswerks SHE‘S GOTTA HAVE IT.

Gleichzeitig zu CHI-RAQ läuft auf der Berlinale auch UNCLE HOWARD von Aaron Brookner. Brookner geht auf Spurensuche und beleuchtet das Leben seines 1989 zu früh verstorbenen Onkels, den Filmemacher Howard Brookner. Er lässt dabei die späten Siebziger wiederaufleben, als sein Onkel zusammen mit Spike Lee und Jim Jarmusch abhing. Sie alle studierten in New York Film.

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Michael Ballhaus mit Festivalleiter Dieter Kosslick

Die Berlinale ist ein Ort, wo sich die Zeitebenen der Filmgeschichte treffen. So auch bei dem wohl letzten großen Auftritt des Kameramanns Michael Ballhaus. Deutlich was zu merken, wie körperlich angeschlagen Ballhaus ist. Zu Beginn der Pressekonferenz gehen Dieter Kosslick und Rainer Rother links und rechts neben ihm, stützen ihn leicht und geleiten ihn so sicher zu seinem Stuhl. Dann lässt Ballhaus durch seine Erzählungen Filmgeschichte wahrhaftig werden. Nur ein Jahr nachdem er den Ehrenbären auf der Berlinale bekommen hat, ist Michael Ballhaus im April 2017 gestorben.

Mit der Vergabe des Goldenen Bären an FUOCOAMMARE traf die Jury den Nerv der Zeit. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingszuwanderung in Deutschland zeichnete sie einen Dokumentarfilm aus, der auf berührende Weise die Flüchtlingssituation auf der Mittelmeerinsel Lampedusa schildert.

14.01.20 6:00

Berlinale 1983

Die Berlinale beginnt im Trauerflor. Rainer Werner Fassbinder war im Juni des vergangenen Jahres gestorben. In Gedenken an den Regisseur singt Jury Präsidentin Jeanne Moreau ein Lied aus seinem Film Querelle, in dem sie selbst eine der Hauptrollen gespielt hat.

Danach nimmt die Berlinale wieder an Fahrt auf und kann am Ende mit ihren Zahlen hausieren gehen: 394 Filme werden von 200.000 zahlenden Zuschauer gesehen (zum Vergleich: im Jahr 2009 gab es 383 Filme). Das Programm überzeugt durch seine Vielfalt. Nicht nur amerikanische Unterhaltung a la Tootsie findet hier seinen Platz sondern auch Peter Greenaways Der Kontrakt des Zeichners und Eric Rohmers Pauline am Strand.

Zudem ist die Berlinale politisch, ohne dass sie es postulieren muss. Der damalige Bundesinnenminister Zimmermann (CSU) scheitert mit seinem Vorhaben die Aufführung von Herbert Achternbusch Das Gespenst zu verhindern und auch der Gemeinschaftsfilm Krieg und Frieden u.a. von Alexander Kluge, Stefan Aust und Heinrich Böll, der sich kritisch mit dem Nato Doppelbeschluss auseinandersetzt, steht im Visier des BMI.

Beim Hauptpreis konnte sich die die Jury nicht entscheiden und so ging der Goldene Bär ex aequo sowohl an den spanischen Film La Colmena als auch an den Debütfilm von Edward Bennet Ascendancy.

10.01.20 6:00

Berlinale 1979

Nach 1970 polarisierte erneut ein Film über den Vietnam Krieg. Die Darstellung des vietnamesischen Volkes in The Deer Hunter von Michael Cimino wurde nicht nur als einseitig sondern als Verunglimpfung empfunden. Die sozialistischen Länder protestierten und als das nichts nützte, zogen sie die meisten ihrer Filme zurück. Außerdem legten zwei Mitglieder der Jury aus Ungarn und der CSSR ihr Amt nieder. Obwohl sich der Rest der Jury offiziell hinter die Aufführung des Filmes stellte, gab es auch hier kritische Stimmen. Jurymitglied Julie Christie bewertete den Film in einem persönlichen Statement als rassistisch.

Preise gewann The Deer Hunter auf der Berlinale keine. Der Goldene Bär ging an David von Peter Liliental. Im Nachhinein wird dies Michael Cimino recht egal gewesen sein, denn ein Jahr später konnte sein Film fünf Oscars abräumen.

Die zweite Winter-Berlinale war die letzte Berlinale mit Wolf Donner als Festivaldirektor. Nach nur drei Amtsjahren zog er den leitenden Posten in der Kulturredaktion des Spiegels seinem Berlinale Engagement vor. Auch diesmal wurde wieder Ulrich Gregor als Nachfolgekandidat genannt. Es wurde dann aber Moritz de Hadeln, der bis dahin mehrere Jahre die Filmfestspiele von Locarno inszeniert hatte.

08.01.20 6:00

Berlinale 1977

Im Jahr zuvor hatte Alfred Bauer nach 25 Jahren als Leiter der Berlinale die Bühne verlassen. Seine Amtszeit endete weder durch Absetzung noch durch Kündigung, sondern durch das Erreichen der Altersgrenze. Die Suche nach einen Nachfolger wurde mit viel Polemik geführt. Besonders gegen den Kandidaten Ulrich Gregor wurde scharf geschossen. Mit Wolf Donner trat dann überraschend ein Kompromisskandidat die Nachfolge von Bauer an. Was damals nur wenige wussten: Donner sollten nur drei Jahre als Festivalleiter beschieden sein.

Zunächst konnte sich Donners Start aber sehen lassen: 20% mehr Zuschauer und ein gut bestückter Wettbewerb. Mit dabei waren u. a. Truffauts L'homme qui ammait les femmes, Bressons Le diable probablement und der DDR-Film Mama, ich lebe von Konrad Wolf, zu dem Wolfgang Kohlhaase das Drehbuch schrieb (Kohlhaase schrieb später das Drehbuch zu "Sommer vorm Balkon" und wird 2010 mit einem Ehrenbären ausgezeichnet).

Auch 1977 gab es wieder einen Eklat. Die Jüdische Gemeinde in Berlin protestierte beim Senat gegen die Berufung von Rainer Werner Fassbinder in die Jury des Wettbewerbs. Stein des Anstoßes war Fassinders Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod", in dem die Jüdische Gemeinde antisemitische Tendenzen erkannte. Der Berliner Senat folgte dieser Anschauung nicht und Fassbinder blieb Jurymitglied.

Der Regisseur konnte allerdings mit dem Bresson Film nicht seinen Favoriten durchsetzen. Den Goldenen Bären bekam Woschozdenie von Larissa Schepitko. Es war für die Regisseurin der Beginn einer kurzen Karriere im Westen; nur wenige Jahre später verunglückte Schepitko bei einem Autounfall.

05.01.20 6:00

Berlinale 1974

Endlich war es soweit: 1974 wurde zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale ein sowjetischer Beitrag gezeigt. Bis zu diesem Jahr hatte sich der sowjetische Polit-Apparat immer wieder verweigert. Bereits 1958 hatte der deutsche Botschafter in Moskau eine "Verbalnote" mit einer Einladung übermittelt, aber erst das Viermächteabkommen und die Ost-Verträge ebneten 1972 schließlich den diplomatischen Weg.

Begeistern konnte S toboj i bes tebja von Rodion Rafailowitsch Nachapetow als erster sowjetischer Beitrag allerdings nicht. Das war in diesem Jahr aber auch Nebensache. Zum Überkochen brachte die Filmkritikerseele, dass die Jury ihren Favoriten links liegen ließ. Fassbinders "Fontane Effi Briest" bekam keinen einzigen Preis. Stattdessen bekam der kanadische Regisseur Ted Kotcheff für die Romanverfilmung "The apprenticeship of Duddy Kravitz" das begehrte Goldbärchen.

30.12.19 6:00

Berlinale 1968

Der große Knall, er kam nicht. Nachdem Godard im Mai mit seinem Schlachtruf "A la grand salle" das vorzeitige Ende des Filmfestivals in Cannes eingeleitet hatte, war man auch in Berlin auf einiges gefasst. Der Versuch von kritischen Filmemachern wie Alexander Kluge und Edgar Reitz sich auf einer Veranstaltung im Audimax der FU mit revoltierenden Studenten zu verbünden, scheiterte auf der ganzen Linie. Die Regisseure des Neuen Deutschen Films wurden als „Lakaien des Establishments“ kritisiert und mit Eiern beworfen.

Auch mit dem Festspielleiter Alfred Bauer gab es Diskussionen. Die Studenten forderten u.a. freien Eintritt für alle und die Verstaatlichung des Constantin-Filmverleihs. Doch es blieb zunächst alles beim alten. Erst drei Jahre später sollte es mit der Gründung des Internationalen Forum des jungen Films zu einer grundlegenden Reform der Berlinale kommen.

Bemerkenswert sind die Verbindungen des Berlinale Jahrs 1968 zum Jubiläumsjahr 2010. Mit seinem Film Lebenszeichen war Werner Herzog, Jury-Präsident der Berlinale 2010, zum ersten Mal auf dem Festival mit dabei. Außerdem organisierte er Vorführungen von Wettbewerbsfilmen in Berliner Kiez-Kinos, eine Initiative, die im Jubiläumsjahr 2010 wieder aufgenommen wird. Den goldenen Bären bekam aber nicht Herzog für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, sondern der dänische Film Ole Dolle Dof (Raus bist du) von Jan Troell.

26.12.19 6:00

Berlinale 1964

Ein Magazin des Bayerischen Fremdenverkehrsamtes sorgte 1964 für viel Aufregung. Es wurde vorgeschlagen, die Filmfestspiele nach München zu verlegen, um es den sozialistischen Länder zu erleichtern, ihre Filme auf das Filmfest zu senden. Es ging damit nicht nur um die Filmfestspiele, sondern auch um den Status der geteilten Stadt Berlins. Man reagiert sehr empfindlich auf die Veröffentlichung und es wurde deutlich: Die Berlinale war angeschlagen.

Auf einen Nebenschauplatz brachte sich zudem die Filmkritik in Position. Jahrelang hatte man das mittelmäßige Programm der Berlinale kritisiert. Nun ließ man den Worten Taten folgen. Parallel zur Berlinale initiierten die erst ein Jahr zuvor gegründeten Freunde der Deutschen Kinemathek die Berlinale Gegenveranstaltung "Woche der Kritik". Auf diesem Vorläufer des Forum-Sektion lief dann u.a. der von der Festspielleitung abgelehnte Godard-Film Bande à part.

Alfred Bauer war sich der damaligen Macht der Filmkritik wohl bewusst und versuchte das Problem durch eine Umarmungstaktik zu lösen. Für das kommende Jahr wurden auch zwei Filmkritiker in das Auswahlkomitee der Berlinale berufen.

Eine Filmkritik ist, mag sie auch noch so begründet sein, aber auch nur eine Meinung unter vielen. Das zeigt die Beurteilung des türkischen Gewinnerfilms von 1964 Susuz Yaz durch Ulrich Gregor im Spandauer Abendblatt. Gregor hielt den Film für derart mit falscher und naiver Folklore überladen, dass man ihn mit Schweigen hätte übersehen sollen. Der Hamburger Film-Regisseur Fatih Akin dagegen betrachtet "Susuz Yaz“ heute als eines der wichtigsten Vermächtnisse des türkischen Kinos.

24.12.19 6:00

Berlinale 1962

Es war die erste Berlinale nach dem Berliner Mauerbau im August 1961. Die Situation war angespannt und man hatte zunächst überlegt, die Vorbereitungen für das Festival zu stoppen. Am Ende machten der Berlinale aber weniger die politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, sondern, mal wieder, die gnadenlose Kritik in der Presse. Man sprach von einer Berlinale "der schlechten Filme und der netten Leute", Wolfgang Neuss, dessen Film Genosse Münchhausen nicht angenommen worden war, machte sich über das niedrige Niveau der Berlinale lustig und der prominente Berliner Kritiker Friedrich Luft empfahl der Festivalleitung auf den A-Status des Festivals zu verzichten, um eine freiere Hand bei der Filmauswahl zu haben.

Die Berlinale geriet mit ihrem Spagat zwischen Kunst und Kommerz zunehmend in eine Sackgasse. Derweil begann sich die Avantgarde der deutschen Filmregisseure zu organisieren. Ende Februar 1962 wurde auf einer Pressekonferenz mit dem Titel "Papas Kino ist tot" das Oberhausener Manifest vorgestellt. 26 Filmemacher darunter Alexander Kluge, Edgar Reitz und Peter Schamoni hatten das Manifest unterzeichnet. In der Erklärung verpflichteten sie sich dem "neuen Film", der frei sein sollte von branchenüblichen Konventionen, der Beeinflussung kommerzieller Partner und der Bevormundung durch Interessengruppen. Auch wenn 1964 noch kein Film der Oberhausener Gruppe auf der Berlinale vertreten war, wurde die neue Linie zwischen etablierter Filmindustrie und dem erklärten Neuanfang des deutschen Films emotional diskutiert.

Der Goldene Bär ging 1964 an A Kind of Loving das Spielfilmdebüt von John Schlesinger, der später mit Werken wie Midnight Cowboy und Marathon Man Meilensteine der Filmgeschichte schaffen sollte.

18.12.19 6:00

Berlinale 1956

1956 war es endlich so weit: die Berlinale wurde von der FIAPF anerkannt und bekam den lang ersehnten Status eines "A-Festivals". Von nun an spielte die Berlinale auch offiziell in derselben Liga wie Filmfestspiele in Cannes und Venedig.

In Hinblick auf die politische Zensur von Filmen war 1956 allerdings ein sehr bedenkliches Jahr. Zwei Defa-Filme sollten zwar nicht im offiziellen Rahmen des Festivals aber im selben Zeitraum in der Steinbühne gezeigt werden. Auf Druck der Berlinale-Leiters Alfred Bauer schaltete sich der Berliner Senat ein. Der Veranstalter knickte ein und verzichtete auf die Vorführungen.

Bereits einen Monat vorher hatte sich die deutsche Politik sehr negativ in Sachen Zensur hervorgetan. Aufgrund des Einspruchs des deutschen Botschafters in Paris wurde die geplante Aufführung des Dokumentarfilms "Nacht und Nebel" von Alan Renais über das Konzentrationslager in Auschwitz auf dem Festival in Cannes zurückgezogen. Der Botschafter, der im Auftrag der Bundesregierung handelte, berief sich auf die Statuten des Festivals, die besagten, dass nur Filme gezeigt werden durften, die nationale Gefühle eines anderen Volkes nicht verletzen. Auch auf der Berlinale traute man sich nicht, den Film im offiziellen Rahmen des Festivals zu zeigen.

Der Gewinnerfilm von 1956 wurde der Tanzfilm "Invitation to dance" von Gene Kelly. Ein Film der keinem weh tat.

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