Wettbewerb

Berlinale 2017: Die Bären

Goldener Bär für den Besten Film

TESTRÖL ES LELEKRÖL (On Body and Soul) von Ildikó Enyedi


Silberner Bär Großer Preis der Jury

FÉLICITÉ von Alain Gomis

Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet


POKOT (Spoor) von Agnieszka Holland

Silberner Bär für die Beste Regie

Aki Kaurismäki für die Regie von THE OTHER SIDE OF HOPE


Silberner Bär für die Beste Darstellerin

Kim Minhee für ihre Rolle in BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA (On the Beach at Night Alone)


Silberner Bär für den Besten Darsteller

Georg Friedrich für seine Rolle in Helle Nächte


Silberner Bär für das Beste Drehbuch

Sebastián Lelio und Gonzalo Maza für das Drehbuch von UNA MUJER FANTÁSTICA


Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung aus den Kategorien Kamera, Schnitt, Musik, Kostüm oder Set-Design

Dana Bunescu für den Schnitt in ANA,MON AMOUR

Glashütte Original Dokumentarfilmpreis

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ISTIYAD ASBAH (Ghost Hunting) von Raed Andoni

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Welches Bärlein hättens denn gerne...?

Bärentipps? Bärentipps!

Geraune, Geflüster, wahlweise ratloses Schulterzucken...es ist nicht leicht, einen Tipp für die Verleihung der Berlinale-Bären abzugeben...in diesem Jahr, wie ich finde, ist es ganz besonders schwierig, Aber, nun gut, mutig voran:

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LOGAN von James Mangold (Berlinale 2017)

Kleine Mutantin des Gemetzels

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Hugh Jackman war vor 17 Jahren zum ersten Mal der Mutant Wolverine (aka. James Howlett aka. Logan) auf der Leinwand in X-Men. Es folgten zwei weitere X-Men-Filme, eigene Wolverine Spin-Offs, Prequels zu X-Men, der übliche Verwertungswahnsinn im Marvel-Universe eben. LOGAN bringt das für Wolverine zu einem Ende. Zu einem Ende, dass man sich düsterer, brutaler und hoffnungsloser kaum vorstellen kann. Ging es in früheren Filmen darum, ob und wie eine Akzeptanz der Mutanten durch die Menschen möglich ist, kann davon im Jahr 2029 in der Welt von LOGAN keine Rede mehr sein. In den USA gibt es keine Mutanten mehr. Logan selbst ist ein versoffener Limousinen-Chauffeur. Und wo ist eigentlich Professor Xavier (Patrick Stewart)? (Im weiteren Verlauf folgen SPOILER)

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EL BAR (The Bar) von Álex de la Iglesia (Berlinale 2017)

Dreckiger kleiner Genrebastard, lass Dich drücken

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Sie sind eine bedrohte Art im Berlinale Wettbewerb, aber es gibt sie: kleine, unterhaltsame Genrefilme. Álex de la Iglesia liefert mit EL BAR einen erfreulich dreckigen Genrebastard ab, eine Schwarze Komödie gekreuzt mit einem Psychothriller und einem Schuss Zombiefilm abgeschmeckt. Sowas läuft dann im Wettbewerb außer Konkurrenz. Das ist aber ganz egal, besonders dann, wenn der Film im Programm direkt nach der schmierigen Gefühlssimulation RETURN TO MONTAUK von Schlöndorff läuft. Wie ein spanischer Brandy spült EL BAR dann den schlechten Geschmack aus dem Mund, den degoutante Altmännersentimentalitäten hinterlassen haben.

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ANA, MON AMOUR von Călin Peter Netzer (Berlinale 2017)

Beziehung auf der Analyse-Couch

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Eine große Liebe. Eine psychische Krankheit, die diese Liebe von Anfang an definiert. Eine Weiterentwicklung. Ein Scheitern. Der rumänische Regisseur Călin Peter Netzer seziert in ANA, MON AMOUR diese Liebe mit einem sehr klaren, sehr nahen und wohltuend nicht-wertenden Blick auf die beiden Hauptfiguren. Er zeigt – in drei verschiedenen, filmisch miteinander verwobenen Zeitebenen – wie das Paar gegen diverse Widrigkeiten kämpft, wie sich die Rollen innerhalb der Beziehung über die Jahre ändern, und wie ihnen diese Liebe dann letztlich doch abhanden kommt. ANA, MON AMOUR ist ein eindringliches, sehr gelungenes Psychogramm einer Liebe unter schwierigen Vorzeichen. Und Netzer ein talentierter Analytiker.

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BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA (On the Beach at Night Alone) von Hong Sangsoo

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Langsame Filme haben es bei Berlinale-Kritikern nicht leicht. Die Besprechungen von HELLE NÄCHTE, dem schönen Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan, waren dementsprechend zwiespältig. Morgens um 9:00h muss für übermüdete Journalisten einfach mehr passieren. Allerdings ist dies auch bei BAMUI HAEBYUN-EOSEO HONJA nicht der Fall (Pressevorführung ebenfalls um 9:00). Wie Arslan nimmt sich Regisseur Hong Sangsoo viel Zeit zum Erzählen.

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HAO JI LE (einen schönen Tag noch) von Liu Jian (Berlinale 2017)

Kein Platz für Träumer

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Eine Tasche voller Geld und eine Handvoll Menschen, die hinter diesem Geld her sind. Die Stimmung: düster, mit Einsprengseln von schwarzem Humor. Das Setting: eine kleine Stadt im Süden Chinas, Gegenwart. Die Umsetzung: hochstilisiert-reduzierte Animation. Liu Jian hat mit seinem zweiten animierten Langfilm HAO JI Le einen klassischen Film Noir vorgelegt – und zugleich einen schonungslosen Kommentar auf die Gier nach Geld in ihrer besonderen Ausprägung im heutigen China. Gangsterboss, Gelegenheitsdieb, Garküchenbesitzerin oder Profikiller: all diese Figuren sind von einer existentiellen Leere getrieben, die sich anscheinend nur durch sehr, sehr viele Banknoten mit Maos Konterfei darauf füllen lässt.

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RETURN TO MONTAUK von Volker Schlöndorff (Berlinale 2017)

Viel Gejammer, wenig Gefühl, noch weniger Hirn

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„No one gets over anything“, sagt Max Zorn (Stellan Skarsgård), die Hauptfigur in Volker Schlöndorffs RETURN TO MONTAUK – „niemand kommt über irgendetwas hinweg“. Das ist das Motto dieser weinerlichen, selbstverliebten und unerträglich öden Rückschau des Berliner Schriftstellers Zorn auf die Fehler, die er in seinen Liebesentscheidungen gemacht hat. Warum ist er eigentlich so weinerlich? Mit dem Roman über seine verlorene Liebe hat er schließlich einen Riesenerfolg gelandet. Jetzt ist er gerade auf Lesereise in den USA und liest vor einem begeisterten Publikum in New York. Dort lebt auch Rebecca (Nina Hoss), genau die Frau, die Zorn vor 17 Jahren hat sitzen lassen. Die muss er jetzt finden, um ihr seinen Fehler zu gestehen. Aber wie eitle, alternde Männer eben so sind: Er hofft doch, dass ihn die inzwischen zur superreichen Erfolgsanwältin aufgestiegene Dresdnerin (sic!) zurücknimmt. Frauen finden vom Selbstmitleid zerfressene schreibende Gockel schließlich unwiderstehlich. Das will uns zumindest Schlöndorff glauben machen – und so nimmt das geistlose Gefühlsbehauptungsdrama auf der Leinwand seinen Lauf.

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THE OTHER SIDE OF HOPE von Aki Kaurismäki (Berlinale 2017)

Solidarität im Land der langen grauen Wolken

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Obwohl Aki Kaurismäki bereits vierzehnmal bei der Berlinale zu Gast war, hofft man schon nach wenigen Filmminuten, dass noch viele Male folgen mögen.

Erzählt werden in THE OTHER SIDE OF HOPE zwei Parallelgeschichten, die zunächst ohne sichtbare Anknüpfungspunkte nebeneinander herlaufen.

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COLO von Teresa Villaverde (Berlinale 2017)

Sprachlos in Portugal

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Mutter, Vater, Tochter. Wirtschaftskrise. Arbeitslosigkeit. Sprachlosigkeit. Entfremdung. Das sind die Zutaten von Teresa Villaverdes COLO. Ein unglaublich deprimierender Film. Nicht unbedingt, weil das Thema so traurig ist, was es zugebenermaßen ist (der Portugiese in der Krise). Sondern, weil der Film damit in einer deprimierend uninspirierten und uninspirierenden Weise umgeht. 138 quälend lange Minuten schaut man einer Familie dabei zu, wie sie schleichend auseinanderdriftet. Die gemeinsame Wohnung, die eigentlich ein Hort der Geborgenheit sein sollte, wird zum Gefängnis, dem man nur noch entfliehen kann. Man selbst wünscht sich, dem Kinosaal ebenfalls entfliehen zu können. Das tut man aber nicht, weil man geschätzte 120 Minuten lang darauf hofft, dass der Film doch noch eine interessante Richtung einschlägt. Allein: es wird nichts damit.

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FÉLICITÉ von Alain Gomis (Berlinale 2017)

Starke Frau, harte Welt

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Was von diesem Film definitiv bleiben wird, ist das Gesicht von Félicité. Beziehungsweise die beiden Gesichter dieser Frau: das eine leer, desillusioniert, die Augen unglaublich hart. Das andere offen, fröhlich, voller Kraft und Leben. In Alain Gomis FÉLICITÉ kommen wir das zweite, das lebensbejahende Gesicht nur zu sehen, wenn Félicité singt. In einer Spelunke in Kinshasa ist sie mit ihrer rauen, kraftvollen Stimme und den mitreißenden Rhythmen die Königin der Nacht. Tagsüber kämpft sie ganz banal ums Überleben in einer knallharten Gesellschaft, die ihr nichts schenkt, und sonst auch keinem.

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BEUYS von Andreas Veiel (Berlinale 2017)

Alle oder keiner

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Er will die „organische Entwicklung der Gesellschaft“, er will mit seiner Kunst die Fragen beantworten, „für die sich die Menschen im Inneren interessieren“. Was Joseph Beuys vor Jahrzehnten gesagt hat, klingt heute genauso relevant. Er hat Kunst nicht nur als einzig revolutionäre Kraft begriffen, er hat auch wie ein Berserker an ihr gearbeitet. Immer und unermüdlich. Gerade dieses rastlose Schaffen und der unbedingte Wille zur gesellschaftlichen Wirkung kommt in Andreas Veiels Dokumentarfilm BEUYS brillant zum Ausdruck. Einem Film, der fast ausschließlich auf Archivmaterial vertraut und Interviews mit Zeitzeugen nur sparsam einsetzt. Eine gute Entscheidung. Aus dem Material und vor allem aus dem famosen Einsatz von Schnitt und Montage gewinnt BEUYS seine Dynamik und seine Spannung. Die Cutter Stephan Krumbiegel und Olaf Vogtländer haben dafür den Silbernen Bären für eine Herausragende Künstlerische Leistung verdient.

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HELLE NÄCHTE von Thomas Arslan (Berlinale 2017)

Familienzusammenführung unter der Mitternachtssonne

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In HELLE NÄCHTE nimmt uns Thomas Arslan mit auf einen Trekkingurlaub der besonderen Art. Michael (Georg Friedrich) stammt aus Österreich und arbeitet als Bauingenieur in Berlin. Sein 14jähriger Sohn Luis (Tristan Göbel) lebt bei der Mutter. Zwischen Vater und Sohn gab es seit Jahren nur wenig Kontakt. Als Michaels eigener Vater überraschend stirbt, beschließt er, Luis mit zur Beerdigung nach Norwegen zu nehmen. Nach der Erledigung der Formalitäten brechen Vater und Sohn zu einem gemeinsamen Outdoortrip in die norwegische Wildnis auf. Michael hofft, durch die Reise einen neuen Zugang zum ihm fremd gewordenen Sohn zu finden. Luis dagegen lässt sich nur widerwillig auf diesen späten Versuch einer Annäherung ein.

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Sondereinlage für die Journalisten (Berlinale 2017)

Finnischer Tango auf der Pressekonferenz

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Und gerade, wenn man denkt, man hat schon alles gesehen und gehört, stellt sich Sakari Kuosmanen, finnischer Schauspieler und Hauptdarsteller in Aki Kaurismäkis Wettbewerbsbeitrag TOIVON TUOLLA PUOLEN (Die andere Seite der Hoffnung) mitten in der Pressekonferenz hin und schmettert einen Tango. Minutenlang! Einen finnischen Tango!! Und hey, Herr Kuosmanen singt richtig gut! Um die versammelten Journis, ohnehin schon ganz verliebt in den Film, war es dann komplett geschehen...

MR. LONG von Sabu (Berlinale 2017)

Messer sind nicht nur zum Töten da

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Mr. Long kann extrem gut mit dem Messer umgehen. Zunächst demonstriert der Profikiller diese Fähigkeit anhand von mehreren durchgeschnittenen Kehlen und aufgeschlitzten Bäuchen. Später benutzt er dann das selbe Werkzeug, um Gemüse und Fleisch für äußerst schmackhafte Gerichte zu schneiden. Dazwischen liegt eine Reise von Taiwan nach Tokyo und eine Lebensentscheidung. Der japanische Regisseur Sabu stellt in MR. LONG die Frage, ob es jemals zu spät ist für ein anderes Leben.

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THE PARTY von Sally Potter (Berlinale 2017)

Ein paar Wahrheiten zuviel für einen gepflegten Abend

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Wie viel Wahrheit über sich verträgt ein über Jahrzehnte eingespielter Freundeskreis? Janet, eine ehrgeizige Londoner Politikerin, ist als Ministerin ins Schattenkabinett des linken Premierminister-Kandidaten berufen worden. Diesen Erfolg will sie nun mit ihrem Mann Bill und den engsten gemeinsamen Freunden feiern. Allerdings verläuft die Party dann ganz anders als gedacht. Sally Potter, britische Regisseurin mit Lust am Experimentieren, schickt in ihrem cineastischen Kammerspiel THE PARTY ein Starensemble des britischen Kinos durch das Fegefeuer unbequemer Enthüllungen – in 71 fulminanten Minuten wird alles, was wir am Anfang über diese Leute zu wissen glaubten, auf den Kopf gestellt. Intelligente, wie aus der Pistole geschossene Dialoge, viel Humor und noch mehr Sarkasmus, schauspielerische Glanzleistungen an der Grenze zur Satire und prägnante Schwarzweiß-Bilder geben dieser bitterbösen Komödie einen ganz besonderen Drive, dem man sich kaum entziehen kann (und will).

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UNA MUJER FANTASTICA (a fantastic woman) von Sebastián Lelio (Berlinale 2017)

Eine Frau mit Gegenwind

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Eine Frau muss darum kämpfen, um ihren toten Geliebten trauern zu dürfen. Warum? Weil Marina nicht als Frau geboren wurde und von der Familie Orlandos, des Mannes, mit dem sie ihr Leben geteilt hat, als Monster und Bedrohung, als „Chimäre“ angesehen wird. Der chilenisch-argentinische Regisseur Sebastián Lelio schafft mit UNA MUJER FANTASTICA das Kunststück, diese komplexe Geschichte um Identität und Verletzlichkeit, ja um die menschliche Würde, so zu erzählen, dass man gar nicht anders kann, als die beharrliche Forderung Marinas, die zu sein, die sie ist, rückhaltlos zu bewundern. Dabei nutzt Lelio die filmischen Mittel des Erzählens virtuos und gekonnt. Um Marina als Figur lebendig werden zu lassen, findet er starke Bilder, die noch lange im Gedächtnis bleiben.

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THE DINNER von Oren Moverman (Berlinale 2017)

Kain und Abel beim Sternekoch

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Zwei Brüder treffen sich samt Gattinnen in einem Nobelrestaurant, um beim Essen über den Umgang mit einem Verbrechen zu beraten, das von ihren heranwachsenden Söhnen verübt wurde. Während der jüngere Bruder Paul ein auch im Privatleben unablässig vor sich hin dozierender ehemaliger Geschichtslehrer ist, hat der ältere Bruder Stan als Politiker Karriere gemacht und steht kurz vor einer wichtigen Abstimmung. Dazu kommen noch die zwei Ehefrauen, die sich nicht ausstehen können.

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WILDE MAUS von Josef Hader (Berlinale 2017)

Mann dreht durch

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Für Georg Endl läuft es gerade gar nicht gut. Der gleichsam geachtete wie gefürchtete Musikkritiker einer Wiener Tageszeitung wird von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt. Dass jetzt kein einziger Redakteur mehr eine Oper von einem Singspiel unterscheiden kann, ist dabei egal. Der aalglatte Chefredakteur, der die Sparmaßnahme vollzogen hat, steht von nun an ganz oben auf Georgs Hassskala. Sein Tunnelblick hat nurmehr ein Ziel: Rache. Georgs Frau Johanna, Psychologin mit leicht erhöhtem Rotweinverbrauch, erfährt von all dem nichts; ihr Fokus liegt auf dem Last-Minute-Kinderkriegen. Josef Hader, österreichischer Kabarettist, Autor und Schriftsteller, hat mit seinem Regiedebut WILDE MAUS eine rasante und bitterböse Tragikomödie über die Angst vor dem sozialen Abstieg vorgelegt. Drehbuch und Hauptrolle hat er gleich mit übernommen. Das Ergebnis ist phänomenal: Plot und Timing, Dialoge und Bilder, Schauspieler und Regie – hier stimmt einfach alles. Getragen wird der Film von einem abgründigen und intelligenten Humor, der Hader-Fans wohlbekannt ist.

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T2 TRAINSPOTTING von Danny Boyle (Berlinale 2017)

Sie sind zurück!

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Die 90er Jahre waren nicht für alle lustig. Vier Verlierer aus Edinburgh – Renton, Sick Boy, Spud und Begbie – haben uns das in Danny Boyles TRAINSPOTTING 1996 auf virtuose Weise vor Augen geführt. Die Nachwehen des Thatcherismus, soziale Tristesse im ehemaligen Edinburgher Hafenviertel Leith, Heroin, Aids, Kleinkriminalität und Gewalt – all das hat uns der Film trotzig und punkig, humorvoll und todtraurig, ins Gesicht geschleudert. Irvine Welshs Roman hatte durch die Filmversion eine kongeniale Umsetzung erfahren, und wir alle haben kapiert, dass der Working Class Dialekt aus Edinburgh einfach nicht zu verstehen ist. 20 Jahre später hat Boyle die Geschichte weitergesponnen. Die vier Hauptfiguren tragen ein paar Falten mehr im Gesicht, die wandelnde Aggro-Zeitbombe Begbie hat jetzt einen Schnauzer und ein paar Kilo zugelegt, aber die Grundkonstellation bleibt die gleiche. Von der Gentrifizierungswelle, so hören wir, haben nicht alle Edinburgher profitiert, auch in den 2010er Jahren müssen sich einige mehr als andere nach der Decke strecken – und da, wo eine Gelegenheit ist, ist auch Verrat.

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TESTRÖL ES LELEKRÖL (On Body and Soul) von Ildikó Enyedi (Berlinale 2017)

Von Hirschen, Blut und Liebe

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Wie schön, dass das Kino einen immer wieder überraschen kann: Plötzlich stehen da zwei Hirsche im verschneiten Wald. Ein männliches Tier mit mächtigem Geweih und eine etwas kleinere Hirschkuh. Sie beschnuppern sich, suchen gemeinsam nach Futter, laufen an einem Teich entlang und lauschen aufmerksam jedem Geräusch nach. Dass diese Tiere mehr sind als stimmungsvolle Deko, wird in Ildikó Enyedis zauberhaftem Film TESTRÖL ES LELEKRÖL erst nach einer guten Weile klar. Zunächst führt sie uns, mitten im Sommer, in die raue Wirklichkeit eines Schlachthauses in Budapest. Und genau dort, wo man es nicht unbedingt vermuten würde, zwischen Blutlachen und zerteilten Kuhkadavern, blüht ein zartes, scheues Pflänzchen der Liebe.

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DJANGO von Étienne Comar (Berlinale 2017)

Aufregende Saiten, langweiliger Film

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Paris 1943, Paris ist von den Deutschen besetzt. Es ist Krieg. Aber der Krieg interessiert Django Reinhardt (Reda Kateb) nicht. Denn Krieg ist eine Angelegenheit der Gadjé, der Nicht-Manouches. Étienne Comars Biopic stellt genau diese Frage: Wie lange kann ein Künstler wie Reinhardt der Wirklichkeit des Krieges entkommen? Vor allem in einer Situation, in der auch die deutschen Besatzer gefallen an seiner Gitarrenvirtuosität finden und ihn für eine Deutschlandtournee verpflichten wollen. Selbstverständlich ohne Swing und mit einem maximal 20-prozentigen Bluesanteil. Das will sich der Impressario in Uniform (Jan-Henrich Stahlberg), den Reinhardt nur Doctor Jazz nennt, schriftlich zusichern lassen.

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