Crossing Europe 2019: HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT von Thomas Heise

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102 Jahre Familiengeschichte von 1912 bis 2014 erzählt Thomas Heise in seinem dokumentarischen Filmessay HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT in 218 Minuten. Das sind zwei beeindruckende Zeitspannen: drei Familiengenerationen und ein langer Abend im Kino. Es ist auch ein Film über fünf deutsche Staaten und politische Systeme: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Bundesrepublik Deutschland (Mai 1949 bis Oktober 1990), die Deutsche Demokratische Republik (Oktober 1949 bis Oktober 1990) und die Bundesrepublik Deutschland nach dem 3. Oktober 1990. Heise erzählt in seinem Film jedoch keine große Geschichte, er schlägt keinen großen Bogen, sondern bleibt nah an seiner Familie. Es sind die persönlichen Schicksale, die wichtig sind. Auch beim dokumentarischen Material sind die privaten, kleinen Aufzeichnungen das Entscheidende: Es sind vor allem Briefe, aber auch Tagebuchaufzeichnungen oder Schulaufsätze, die das Textmaterial liefern. Die Textauszüge werden vom Regisseur selbst gelesen, was den familiären Bezug noch stärker macht.

Heise beginnt seinen Film mit einem Schulaufsatz seines Großvaters Wilhelm über das Wesen des Krieges aus dem Jahr 1912, er endet im Jahr 2014 mit Aufzeichnungen zum absehbaren Tod von Thomas Heises Mutter Rosemarie. Es ist unmöglich den inhaltlichen Weg, den dieser Film geht, nachzuzeichnen, aber das zentrale Thema ist das Verhältnis des Individuums zum Staat. Nur wenige Jahre nachdem Wilhelm Heise seinen Schulaufsatz schrieb, war er Sanitätssoldat im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg tritt er in die KPD ein und wird Lehrer. Diese Freiheit hatte er in der Weimarer Republik. Er heiratete Edith Hirschhorn, Tochter eines jüdischen Wiener Handwerkers. 1925 wurde ihr ältester Sohn Wolfgang geboren, der Vater von Thomas Heise.

Besonders im Gedächtnis bleiben die Briefe, die Edith Heise in den Jahren 1941 und 1942 von ihrer Familie aus Wien erhielt. Die Lage wird immer verzweifelter, als die Deportationen, die sogenannten „Polenaktionen“ beginnen. Völlig willkürlich müssen jüdische Familien ihre Wohnungen verlassen und werden abtransportiert. Für die Benachrichtigungskarte, die sie erhalten, müssen sie fünf Pfennig zahlen. Sie dürfen zwei Koffer mitnehmen. Die Möbel und alles andere Hab und Gut muss in den enteigneten Wohnungen bleiben. Nichts darf verkauft oder verschenkt werden.

Die von ihm gelesenen Briefpassagen hinterlegt Heise mit den Deportationslisten – Namen, Geburtsdaten. Adressen. Die Listen werden so abgefilmt, dass man jede einzelne Zeile mitliest. Wie lange diese Passage dauert? Ich weiß es nicht. 20 Minuten, 30 Minuten, irgendetwas dazwischen wahrscheinlich. Ich weiß nicht, ob ich mich auf mein Zeitgefühl verlassen kann. Im Jahr 1942 trägt auf einmal jeder jüdische Mann den Namenszusatz „Israel“, die jüdische Frau den Namenszusatz „Sara“. Wieder gibt es einen neuen nationalsozialistischen Erlass mehr. Beim Zuschauen fallen auch andere Details auf, wiederkehrende Adressen zu Beispiel. So begreift man die Willkür: Es werden ein oder zwei Wohnungen eines Hauses geräumt und dann Monate später wieder Wohnungen im selben Haus. Willkür ist eine Form des Terrors. Sie maximiert Angst. Und dann tauchen auch die Namen der Hirschhorns und anderer Angehöriger, die Briefe schreiben oder in Briefen erwähnt werden, auf der Liste auf. Tante Pepi wird noch zweimal eine neue Wohnung zugewiesen, die sie sich mit Fremden teilen muss. Dann ist sie die letzte ihrer Familie, die aus Wien deportiert wird. Der Bildschirm wird schwarz.

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Diese wie endlos erscheinende Listen mit Namen, sind neben einigen privaten Bildern der Heises aus drei Generationen die einzigen Bilder, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Das ist keine Kritik am Film. Es geht nicht um das „Bebildern“. Das Visuelle hat eine Funktion. Landschaftsaufnahmen, Bilder von fahrenden Zügen, Erdhaufen, Industriebrachen entwickeln einen Sog, der die Konzentration auf das gesprochene Wort erhöht. Ähnliches gilt für die Tonspur. Heise montiert Ton und Bild. Bild- und Tonspur wurden in vielen Passagen getrennt aufgenommen. Heise hat filmische Mittel benutzt, die das Verstehen fördern und das Erinnern von Details erleichtern. Und darauf kommt es gerade bei einem so langen Film an. Persönliches bleibt im Gedächtnis hängen. Die vielen Briefe liefern aber auch Kontext. So ergibt sich für den Zuschauer und Zuhörer ein Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und individuellem Leben.

Im Nationalsozialismus waren es die die Ideologie des Terrors, die das Leben bestimmte. In der DDR waren es die vernunftferne Ideologie und der Wille der SED sowie die Rechts- und Verwaltungspraxis, die der eigenen Verfassung und den DDR-Gesetzen widersprach, die das Individuum bedrängten. In der Bundesrepublik nach der Deutschen Vereinigung ist es schließlich das wirtschaftliche System, das Spielräume erweitert oder einengt. Da wird abgewickelt, in den Besitz der Treuhand überführt und Menschen werden freigestellt. Diese Freistellung wiederum hat mit Freiheit wenig bis gar nichts zu tun. Zu dieser Realität und ihren Folgen schreibt Thomas Heise selbst 1992 eine bedrückende Bestandsaufnahme, die auch Teil des Films ist.

HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT macht nicht Heimat zum Thema, sondern Zeit – gesellschaftliche Zeit und private Zeit. Heises Film handelt vor allem von den Bereichen, in denen sich Gesellschaftliches und Privates treffen und von den Auswirkungen dieses Zusammentreffens. Es ist eine große Leistung dieses Films, dass das Interesse über mehr als dreieinhalb Stunden nie nachlässt und dass so viel von dem Erzählten im Gedächtnis bleibt – vom Gesprochenen mehr als vom Gezeigten. Das Wort war mir in diesem Fall wichtiger als das Bild.

Copyright Filmstills: Ma.ja.de

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Titel

Orignaltitel

Heimat ist ein Raum aus Zeit

Englischer Titel

Heimat Is A Space in Time

Credits

Regisseur

Thomas Heise

Drehbuch

Kamera

Stefan Neuberger

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge ÖsterreichÖsterreich

Jahr

2019

Dauer

218 min.

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