THE KINDNESS OF STRANGERS von Lone Scherfig (Berlinale 2019)

KINDNESS_OF_STRANGERS.jpg

Was gehört zu einem Märchen im alten Grimmschen Sinn? Das Gute, das Böse der und Kampf zwischen den beiden. Der Bösewicht stellt die Guten vor eine Reihe von Prüfungen, die sie bestehen müssen, um dem Bösen zu entkommen. Genau diese archaische Form des Märchens hat Lone Scherfig für ihren Film THE KINDNESS OF STRANGERS gewählt, der die Berlinale 2019 eröffnete. Die Mutter Clara (Zoe Kazan) flieht mit ihren beiden Söhnen vor dem prügelnden Ehemann von Buffalo nach Manhattan. Sie verbreitet verzweifelten Optimismus und verkauft ihren Kindern die Flucht als Abenteuerreise. Aber sie hat keinen Plan, wie sie ihrer Situation entkommen soll.

In New York angekommen, werden die Schwierigkeiten immer größer. Manhattan verzeiht keine naiven Fehler, jedenfalls nicht, wenn die Naivlinge kein Geld haben. Schnell ist das Auto abgeschleppt, und Mutter und Kinder finden sich auf der Straße wieder. Jetzt wird Clara zum Hustler. Sie klaut Essen auf den Partys der Reichen und Kleidung in teuren Shops. Das größte Problem ist es aber, ein Dach über dem Kopf zu finden. Wenn die Bibliothek schließt, wird es einsam, gefährlich und kalt im New Yorker Winter.

Doch wie das so ist im Märchen, Hilfe naht und Hilfe kommt von erstaunlichen Charakteren. Wichtigste Helferin ist Alice (Andrea Riseborough). Sie ist eine moderne Heilige: Ärztin in der Notaufnahme und in einer heruntergekommenen Kirche, kümmert sie sich nicht nur um Obdachlose, sondern leitet gleichzeitig noch eine Selbsthilfegruppe für Menschen, die Vergebung brauchen. Dort finden sich auch der Anwalt John Peter und sein frisch aus dem Gefängnis entlassener Mandant Marc, der durch glückliche Umstände zum Leiter eines russischen Restaurants aufsteigt. Die beiden und weitere skurrile Helfer werden zur Rettung von Clara und ihren Söhnen rekrutiert.

Scherfig verzichtet nicht auf Sozialkitsch und Klischees – Obdachlose und arme Menschen sind gut, der prügelnde Polizistenvater ist sehr, sehr böse. Dass der Film nicht völlig abrutscht, liegt vor allem an Zoe Kazan. Sie spielt die Mutter mit einer Mischung aus Verzweiflung und Chuzpe, und das hat Charme. Außerdem hat THE KINDNESS OF STRANGERS klassische Spannungsmomente, die gut gesetzt sind. Trotzdem bleibt der Film im Mittelmaß stecken. Witzige Szenen, vor allem mit Bill Nighy als pseudorussischem Restaurantbesitzer wechseln mit schmerzlich bemühten Dialogen. Viele Charaktere bleiben eindimensional, besonders Marc (Tahar Rahim). Der darf eigentlich nur gut aussehen und den milde blickenden Helfer spielen. Die sich zwischen ihm und Clara anbahnende Liebe ist ein gähnend-lahmer Plotpunkt, der sich am Ende so schwerfällig verflüchtigt wie ein billiges Parfüm. Ein Märchen hat immer etwas formelhaftes und holzschnittartiges. Gerade, weil uns diese Form des Geschichtenerzählens so vertraut ist, mögen wir sie. Aber in Lone Scherfigs Film fehlen die Überraschungsmomente, die Märchen so interessant machen. Eine gute Hauptdarstellerin und ein paar skurrile oder spannende Momente sind für einen abendfüllenden Film zu wenig.

Kommentare ( 2 )

Übrigens: der Name von Zoe Kazan legt es nahe. Sie ist die Enkelin von Elia Kazan (u.a. ENDSTATION SEHNSUCHT).

Siehe auch "I have always depended on the kindness of strangers" (Zitat Blanche DuBois, A Streetcar named Desire, Tennessee Williams, 1947)

Kommentiere den Film oder den Eintrag

Titel

Orignaltitel

The Kindness of Strangers

Credits

Regisseur

Lone Scherfig

Schauspieler

Jay Baruchel

Zoe Kazan

Caleb Landry Jones

Tahar Rahim

Andrea Riseborough

Land

Flagge DänemarkDänemark

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge KanadaKanada

Flagge SchwedenSchweden

Jahr

2019

Dauer

112 min.

Related

Zoe Kazan (Schauspieler)

BERLINALE 2009

The Exploding Girl (Schauspieler)

Andrea Riseborough (Schauspieler)

BERLINALE 2016

Shepherds and Butchers (Schauspieler)

Festival

Berlinale 2019

Festivalplakat Berlinale 2019

Berlin, 07.02. - 17.02.2019

Impressum