RINGSIDE von André Hörmann (Berlinale 2019)

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Kenny und Destyne sind Kinder. Kenny und Destyne sind auch Boxer. Sie haben denselben Traum: Erst wollen sie zu den Olympischen Spielen und dann als Profi Karriere machen. Einen anderen Traum, es nach oben zu schaffen, gibt es für afroamerikanische Jungs, die in Chicagos South Side aufwachsen, eigentlich auch nicht. Das wird in André Hörmanns Dokumentarfilm schnell klar. 2012 sind die beiden junge Erwachsene und die Träume geplatzt: Kenny ist früh in den Qualifikationskämpfen für die US-Olympiamannschaft gescheitert und Destyne sitzt im Gefängnis, weil er an mehreren Raubüberfällen beteiligt war. RINGSIDE beweist einmal mehr, dass einige der besten Berlinale-Filme in der Sektion Generation 14plus gezeigt werden.

RINGSIDE ist erst in zweiter Linie ein Film über das Boxen. In erster Linie ist er ein Film über Väter und Söhne. Denn die Väter Kenny senior und Destyne senior sind auch die Trainer. Sie haben beide in ihrer Jugend eine „Menge Mist gebaut“, wie sie selbst zugeben. Kenny senior sagt „Ich will, dass mein Sohn nicht so wird wie ich“. Destyne senior, der selbst früher Drogen verkauft hat, ist am Boden zerstört, weil alle Warnungen nicht geholfen haben. Denn sein Junior sitzt hinter Gittern, und eine Chance auf Bewährung gibt es nicht. Schließlich bekommt Destyne junior die Chance, sich in einem sogenannten Bootcamp sechs Monate zu bewähren. Die Kamera ist auch beim Bootcamp-Drill dabei. Wohl jeder Kinokenner hat nur eine Assoziation, wenn er die Bilder sieht: FULL METAL JACKET. Wie schon in Gesprächen mit Destynes Anwalt wird hier deutlich: Das amerikanische Strafrecht und das amerikanische Gefängnissystem ist nicht darauf angelegt, jungen Männern – und vor allem jungen Männern of color – eine zweite Chance zu geben. Die Gesellschaft scheint das Scheitern von Existenzen vorzuziehen.

Das wissen die Eltern nur zu gut „Seine Mutter und ich haben alles dafür getan, Kenny abzuschirmen“, sagt Kennys Vater. Das ist gelungen, weshalb es Kenny nach dem Scheitern in der Qlympiaqualifikation zum US-Amateurmeister gebracht hat. Er unterschreibt seinen ersten Profivertrag, während Destyne sechs Jahre im Gefängnis verloren hat. Trotzdem will auch er es noch einmal mit dem Boxen versuchen.

In nur 95 Minuten schafft RINGSIDE es, die Realität und die Probleme, mit denen junge Amerikaner konfrontiert werden, die im „falschen Viertel“ aufwachsen, nuanciert dazustellen. Es kommt hinzu, dass der Film handwerklich sehr gut gemacht ist: Die Boxaufnahmen sind besser, als die, die wir aus deutschen Liveübertragungen kennen. Besonders der Ton ist herausragend. Für Regisseur André Hörmann war der Film ein Langzeitprojekt: Erst sollte es vor allem um die Qualifikationen und die Olympiade 2012 gehen, dann kam den beiden Sportlern das Leben dazwischen – sportlicher Misserfolg und persönliche Abwege. So hat die Fertigstellung von RINGSIDE neun Jahre gedauert. Es wäre dem Film zu wünschen, dass er einen regulären Kinostart bekommt. Diese Geschichte hat die große Leinwand verdient.

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Titel

Orignaltitel

Ringside

Deutscher Titel

Im Ring

Credits

Regisseur

André Hörmann

Kamera

Tom Bergmann

Schnitt

Vincent Assmann

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2018

Dauer

95 min.

Festival

Berlinale 2019

Festivalplakat Berlinale 2019

Berlin, 07.02. - 17.02.2019

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