GRÂCE À DIEU (By the Grace of God) von François Ozon

Grace_klein_201912152_1.jpg

Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ist sein einigen Jahren ein Thema, über das endlich offen gesprochen wird. Inzwischen positioniert sich sogar der Vatikan dazu. François Ozon erzählt in GRÂCE À DIEU von einem Aufsehen erregenden Fall, der in Lyon seinen Anfang nahm und 2016 zur Anklage kam, aus der Perspektive der mittlerweile erwachsenen Opfer.

Drei Männer, drei unterschiedliche soziale Milieus, drei ganz unterschiedliche Auswirkungen und Folgen des Missbrauchs: Ozon startet mit dem gut situierten Familienvater und Bankangestellten Alexandre, der den Stein ins Rollen bringt, als ihn die schlimmen Kindheitserinnerungen einholen, wendet sich dann dem Ingenieur François zu, der vom sturen Verdränger bis zum engagierten Aktivisten eine Hundertachzig-Grad-Wendung durchlebt, und folgt dann dem Arbeitslosen Epileptiker Emmanuel, den das Geschehene am Sichtbarsten gezeichnet hat. Zudem treten Familienangehörige und Kirchenangestellte in den Fokus, die sich der Frage stellen müssen, wieviel sie gewusst und wieviel sie verdrängt haben – und damit letztlich versagt haben, weitere wehrlose Kinder vor dem besagten Pater zu schützen.

Ozon folgt einer geradezu klassischen Dramaturgie, legt zahlreiche Zeugenaussagen und Reflektionen über die Bilder, deutet in Rückblenden die Übergriffe nur an, anstatt sie auszuwalzen. Das Grauen vermittelt sich auch so. In einem geradezu nüchternen Stil, gleich einer Beweisaufnahme, zeigt Ozon, wie die Kirchenoberen zunächst die kircheninternen Untersuchungen, die Alexandre anstrebt, ins Leere laufen lässt, wie der Kardinal Barbarin weiter seine schützende Hand über den übergriffigen Pater Bernard Preynat hält, und wie der Priester selbst seinen Opfern gegenüber zunächst geradezu arrogant, hernach voller Selbstmitleid und mit wenig Empathie auftritt.

Grace2_klein_201912152_3.jpg

Die Selbsthilfegruppe „La Parole Libéréé“, die sich in Folge von Alexandres Anklage gründet, gibt den Opfern Rückhalt und die Kraft „ihre Worte zu befreien“. Ein allzu einfaches Happy End wird uns hier trotzdem nicht vorgegaukelt. Immer wieder müssen sich die Mitglieder der Gruppe ihrer gemeinsamen Ziele vergewissern, ohne Reibung geht die Aktion nicht ab, die Reise in die Vergangenheit ist schmerzhaft, und die Vorbereitung der Anklage Kräfte zehrend. Und doch wirkt die Wahrheit letztlich auf alle befreiend. Die Last des Schweigens ist endlich von ihnen genommen.

GRÂCE À DIEU ist ein solides, ein sehr ernsthaftes Werk Ozons, das mit seinen früheren Filmen formal wenig gemeinsam zu haben scheint – aber mit ihnen dennoch einen zentralen Impuls teilt: Ozon interessiert sich für die Menschen, für deren Träume, Sehnsüchte und Verletzungen, und er nimmt sie ernst.


© Jean-Claude Moireau

Kommentiere den Film oder den Eintrag

Festival

Berlinale 2019

Festivalplakat Berlinale 2019

Berlin, 07.02. - 17.02.2019

Impressum