GOSPOD POSTOI, IMETO I E PETRUNIJA (God Exists, Her Name is Petrunya) von Teona Strugar Mitevska (Berlinale 2019)

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Nicht noch ein aussichtsloses Job-Interview! Petrunija ist 32, unverheiratet, ein bisschen pummelig – und studierte Historikerin. Eine Arbeit findet sie in dem mazedonischen Kaff, in dem sie lebt, natürlich nicht. Die Mutter treibt sie dennoch immer wieder zu demütigenden Interviews, stopft sie ansonsten mit Essen voll, putzt sie gerne mal übelst herunter, und ermahnt sie sicherheitshalber, dem potentiellen Arbeitgeber gegenüber ihr Alter auf 24 herunter zu schrauben. Kein leichtes Los für Teona Strugar Mitevskas Hauptfigur in GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA. Aber: Irgendwann ist es genug, und der gestaute Frust der jungen Frau entlädt sich in einem spontanen Akt der Selbstbestimmung und Rebellion. Petunija springt ins kalte Wasser und schnappt sich ihr Glück.

Das Glück erscheint hier als kleines hölzernes Kreuz, das traditionell am Dreikönigstag von der orthodoxen Priesterschaft in die Fluten des Flusses geworfen wird. Die jungen Männer des Ortes tauchen dann danach, und wer es findet, dem winkt ein Jahr voller Glück. Dass sich eine Frau an dem beherzten Griff nach dem Glück beteiligt, ist so nicht vorgesehen. Deshalb trifft Petrunija auch der geballte Zorn des Establishments – kirchlich wie staatlich. Die jungen Männer des Ortes (einer davon sieht aus wie ein Skinhead, ein anderer wie Jesus) fordern lautstark die Herausgabe des Kreuzes, der Priester ebenso, und die Polizei macht sich mit der Kirche gemein. Petrunija wird erst einmal auf der kleinen Polizeistation festgesetzt. Ohne Anklage. Ohne Anwalt. Sie weigert sich jedoch beharrlich, das Kreuz wieder herzugeben. Eine engagierte TV-Journalistin wittert darin ihre große Chance: Sie will mit der Story das Thema Frauenunterdrückung in einer von Patriarchat und Kirche dominierten Gesellschaft anprangern. Leider wird sie dabei sowohl von ihrem lustlosen Kameramann torpediert, als auch von dem unzuverlässigen Ehemann, der sie bei der Kinderbetreuung im Stich lässt. Auch der Sender zeigt sich wenig interessiert. Doch auch diese Frau gibt nicht so schnell auf.

Die in Skopje geborene Regisseurin hat die Geschichte in Form einer bitterbösen Satire auf die Leinwand gebracht – und damit einen glücklichen Griff getan. Die krasse Geringschätzung von Frauen, die kruden Beschimpfungen, der Fanatismus und Hass der gläubigen Halbstarken, die Schmierigkeit des Priesters, die brutale Zudringlichkeit der Polizei, der Sadismus der Mutter: All das stellt man am besten mit einer leicht erhöhten Drehzahl vor. Zugleich gibt es ausgleichende Momente – die schnoddrige Freundin, die zu ihr steht, der junge Polizist, der sie vor den schlimmsten Zumutungen schützt, der warmherzige Vater. Und natürlich Petunija selbst: Klug, witzig, scharfzüngig und selbstbewusst kämpft sie ihren Kampf. Auch wenn ihr die Angriffe zusetzen: Petunija hält den Rücken gerade. Zorica Nusheva ist als standfeste und leuchtende Petunija eine echte Entdeckung auf dieser Berlinale.

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Mitevska findet originelle Bilder, um die völlig absurde Situation widerzuspiegeln, in der sich die junge Frau befindet. Warum nur Männer nach dem Glück greifen dürfen, kann nämlich keiner so Recht erklären – weil es schon immer so war, sagen sie. Weil wir die Macht haben, meinen sie. Petunija trägt derweil Köpfe von Schaufensterpuppen mit sich herum, die darauf verweisen, welchem Ideal sie gerade nicht entspricht. In der Nähfabrik, in der sie sich bewirbt, werden bezeichnenderweise blaue und rosa Kleidungsstücke genäht. Sie selbst steht gleich in der Einstellung des Films in einem verwaisten Freibad „auf dem Trockenen“, während die Filmmusik in hartem Metal-Beat „Fuck! Fuck! Fuck!“ dröhnt. Und in der Tat: Besser kann man ihre Situation zu Anfang nicht zusammenfassen.

Um die Mitte herum hat der Film ein paar kleine Längen, und zuletzt hat man den Eindruck, dass die Regisseurin nicht ganz sicher war, wie sie die Geschichte zu Ende erzählen wollte – der Schluss kommt zumindest etwas rumpelig und abrupt daher. Dennoch ist GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNYA ein erfrischend eigenständiger, fantasievoller Film, mit viel Kraft und Humor.

Fotos: © sistersandbrothermitevski


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Titel

Orignaltitel

Gospod postoi, imeto i e Petrunija

Englischer Titel

God Exists, Her Name is Petrunya

Credits

Regisseur

Teona Strugar Mitevska

Schauspieler

Suad Begovski

Simeon Moni Damevski

Labina evska

Xhevdet Jasari

Andrijana Kolevska

Zorica Nusheva

Violeta Shapkovska

Stefan Vujisic

Land

Flagge BelgienBelgien

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge KroatienKroatien

Flagge SlowenienSlowenien

Jahr

2019

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