A DOG CALLED MONEY von Seamus Murphy (Berlinale 2019)

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Wie entsteht Kunst? Aus welcher Quelle speist sich Kreativität? Wie positioniert man sich als Künstler zu drängenden politischen und sozialen Konflikten und wie kann man die Schicksale der Menschen, die in den Krisengebieten dieser Welt leben müssen, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich manchen? A DOG CALLED MONEY basiert auf den persönlichen Eindrücken, die PJ Harvey zwischen 2011 und 2014 auf ihren Reisen mit dem Regisseur und Kriegsfotografen Seamus Murphy in Afghanistan, im Kosovo und in Washington D.C. gewonnen hat. Wie in einem poetischen Puzzle arrangiert Murphy in seinem Film kunstvoll dokumentarisches Material aus den gemeinsamen Reisen mit Gedanken und Songtexten Harveys und rundet das Ganze ab durch Aufnahmen, die die Entstehung des letzten Studioalbums der Sängerin zeigen. Dabei ist sein Film weder ein klassischer Konzertfilm über eine berühmte Indie-Musikerin noch eine Reportage zur aktuellen Situation von Menschen in Krisengebieten. Entstanden ist vielmehr etwas Neues und faszinierend Anderes, vielleicht tatsächlich so etwas wie ein weltumspannender "homo sapiens blues".

Hier erklärt kein Rockstar die Weltpolitik sondern Murphy bietet mit a A DOG CALLED MONEY assoziative Einblicke in das von Krieg und Armut geprägte Alltagsleben der Menschen in Kabul, im Kosovo und im Washingtoner Problemviertel Anacostia. Er schaut dahin, wo es weh tut und findet eindrückliche Bilder für die Zerstörung, die der Krieg in den besuchten Ländern hinterlassen hat. Die Geschichten der Menschen, die Murphy und Harvey auf ihren Reisen getroffen haben, stehen im Mittelpunkt. Sie bekommen eine Stimme und können vom ihrem Alltag, ihren Wunden und ihren seelischen Verletzungen erzählen. Unterlegt werden die dokumentarischen Aufnahmen mit assoziativen Kommentaren von PJ Harvey aus dem Off sowie mit Songs ihres letzten Albums "The Hope Six Demolition Project“, in dem sie ihre Reiseerfahrungen künstlerisch verarbeitet hatte.

Murphy zeigt PJ Harvey auf ihren Reisen durch die Krisenregionen abseits jeglicher Star-Allüren vorsichtig tastend wie eine um Unsichtbarkeit bemühte Chronistin, die zwar genau hinschauen aber keinerlei Aufsehen erregen will. Durch die guten Kontakte von Murphy bekommen beide intime Einblicke in den Alltag ihrer krisengeschüttelten Reiseziele und sie sehen Dinge, die ihnen sonst mit Sicherheit verborgen geblieben werden. So darf PJ Harvey unter anderem eine eigentlich nur Männern vorbehaltende Sufi Zeremonie besuchen, sie kann sich auf dem Markt in Kabul ganz ungezwungen mit Handwerkern und Musikern unterhalten und sie taucht in den USA gemeinsam mit dem "Washington-Post" Journalisten Paul Schwartzman in die sozialen Probleme des von Gewalt und Armut beherrschten Washingtoner Stadtviertels Anacostia ein. Harveys Reise wirkt in Murphys Film nicht eine Sekunde lag wie der schon oft gesehene Prominenten-Kriegstourismus. Man merkt sowohl dem Filmemacher als auch der von ihm porträtierten Künstlerin an, dass ihnen das Schicksal der im Film gezeigten Menschen wirklich nahe geht. Ihre Perspektive ist stets geprägt von einer klaren Parteilichkeit für die Opfer und für die Abgehängten. Das Interesse von Murphy gilt den ganz normalen Menschen und ihrem Alltag und auch seine prominente Reisebegleiterin hört vor allem interessiert und aufmerksam zu, wenn ihre Gesprächspartner zu erzählen beginnen.

A DOG CALLED MONEY ist dabei gleich in zweifacher Hinsicht ein Glücksfall: der Film liefert nicht nur faszinierende Einblicke in die gemeinsamen Reisen von Murphy und PJ Harvey. Zugleich bietet sich auch durch die filmische Begleitung der Arbeiten an Harveys Studioalbum „The Hope Six Demolition Project“ eine der seltenen Gelegenheiten, beim kreativen Prozess von Musikern quasi hautnah dabei zu sein. Dieses Album wurde als Teil einer Kunstinstallation im Sommerset House in London öffentlich aufgenommen. Die Zuschauer hatten einen Monat lang die Chance durch eine nur in eine Richtung durchsichtige Glasscheibe live mitzuerleben, wie PJ Harvey und ihre Band an den einzelnen Songs des Albums arbeiteten, die passende Instrumentierung auswählten, Effekte ausprobierten, wieder verwarfen und weiter probierten. Bis dann am Schluss doch auf einmal Songs entstanden waren, mit denen alle zufrieden sein konnten. A DOG CALLED MONEY ist schon jetzt mein persönliches Highlight der diesjährigen Berlinale, dies nicht zuletzt deshalb, weil der Film mir noch einmal eine ganz neue Sichtweise auf das bereits bekannt geglaubte letzte Album von PJ Harvey eröffnet hat.

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Titel

Orignaltitel

A Dog Called Money

Credits

Regisseur

Seamus Murphy

Schauspieler

PJ Harvey

Land

Flagge IrlandIrland

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2019

Festival

Berlinale 2019

Festivalplakat Berlinale 2019

Berlin, 07.02. - 17.02.2019

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