RÅ von Sophia Bösch (Berlinale 2018)

Muttermilch und Blut

Ra_klein_201816244_1.jpg

Sie hat sich ihr Gewehr selbst ausgesucht. Nun wird Linn, 16 Jahre alt, definitiv kein Girlie und auf angenehme, ruhige Weise sehr selbstbewusst, in den tiefen Wäldern Nordschwedens ihren ersten Elch schießen. Begleitet wird sie dabei von ihrem Vater und seinen Jagdfreunden. Die Regisseurin Sophia Bösch inszeniert den Eintritt des jungen Mädchens in diese eingeschworene Männergemeinschaft als eine Art Initiation – die bald aus dem Ruder läuft.

Die Männer nehmen einen Fehler Linns, der sich letztlich gar nicht als Fehler entpuppt, zum Anlass, um sie rigoros zu entmündigen. Damit trifft die 1987 geborene Studentin der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf den Nerv der Zeit. Zwar geht es in RÅ nicht um sexuelle Belästigung, wohl aber um die Ungerechtigkeit geschlechterspezifischer Rollenzuweisungen, um das Recht auf Selbstbestimmung und, letztlich, um Macht. Mit sparsam aber effizient eingesetzten cineastischen Mitteln erzeugt Bösch die besondere Stimmung, die dieser Film braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Der Wald rauscht, der Nebel legt sich übers Land, irgendwo knackt ein Zweig – und inmitten dieser urwüchsigen, bedrohlichen Natur erkämpft sich eine junge Frau ihr Recht. Der 30-minütige Kurzfilm läuft deshalb ganz zu Recht in der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ auf der diesjährigen Berlinale. In starken Bildern und mit einer ganz eigenen Stimme erzählt Bösch vom Scheitern an den Vorurteilen einer Männergesellschaft.

Linn hat den Elch mit dem ersten Schuss präzise getroffen, aber als die Jagdgemeinschaft vor dem toten Tier steht, zeigt sich: Es ist eine Elchkuh. Das Blut an den Händen des Jägers mischt sich mit der Muttermilch. Eine säugende Elchkuh zu töten ist verboten. Linn wird schnell vorgeworfen, nicht darauf geachtet zu haben, dass da irgendwo ein Kalb in der Nähe gewesen sein muss. Doch Linn ist sich sicher: Sie hat vor dem Schuss alles ganz genau beobachtet. Da war kein Elchkalb. Freundlich aber entschieden wird ihr klargemacht, dass es nun Sache der Männer ist, das Kalb zu finden und ebenfalls zu töten. Was dabei nicht ausgesprochen wird und trotzdem eindeutig mitschwingt: Das Töten eines Elch-Babys ist nichts für eine Frau. Doch Linn findet sich damit nicht ab und macht sich selbst auf die Suche, um die Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Am nächsten Morgen wird ihre Rolle in dem Männerbund eine gänzlich andere sein.

Obgleich die Geschichte in Schweden spielt, hätte sie – minus den Elch – genauso gut in den Weiten Brandenburgs angesiedelt sein können. Oder an irgendeinem anderen Fleckchen der Welt, an dem die Menschen eher schweigsam, das Land weit und die althergebrachten Regeln noch stark sind.

Foto: © Alexandra Medianikova

Kommentiere den Film oder den Eintrag

Festival

Berlinale 2018

Festivalplakat Berlinale 2018

Berlin, 15.02. - 25.02.2018

Impressum