O PROCESSO (The trial) von Maria Augusta Ramos (Berlinale 2018)

Venceremos! Das politische Kino lebt

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Nach einer Woche kommt es doch noch: Mein umwerfendes Berlinale-Erlebnis. Mit viel Glück bekomme ich in letzter Minute noch eine Karte für die Weltpremiere von „O Processo“, dem Dokumentarfilm über die Amtsenthebung der brasilianischen Präsidentin Dilma Roussef von Maria Augusta Ramos.

Eigentlich wollte die Regisseurin, die seit Jahrzehnten in den Niederlanden wohnt, den Film 2016 in Brasília in zwei Wochen abschließen - als Dokument eines vermeintlich gescheiterten Versuchs, die Präsidentin mit absurden Vorwürfen aus dem Amt zu jagen. Es kam anders.

Ramos’ Film macht eindrücklich deutlich, wie absurd diese Vorwürfe wirklich waren. Der Titel „Der Prozess“ ist nicht zufällig gewählt und die Atmosphäre ist mehr als kafkaesk. Aus nächster Nähe filmt Ramos die dramatischen Vorgänge im brasilianischen Kongress und begleitet insbesondere die Abgeordneten der Arbeitspartei (PT) von Dilma Roussef, die verzweifelt versuchen zu verhindern, dass die 2014 direkt gewählte Präsidentin aus dem Amt gedrängt wird. Aber sie stehen auf verlorenem Posten, da sich eine mächtige reaktionäre Front mit massiven wirtschaftlichen Interessen gegen die Präsidentin und ihre politischen Verbündeten verschworen hat.

Die Atmosphäre an diesem Abend ist elektrisiert, ein ganz außergewöhnlicher Berlinaleabend, wie man ihn nur selten erlebt. Mindestens die Hälfte des Publikums sind an diesem Abend Brasilianerinnen, ausnahmslos Gegner der Amtsenthebung, die unter linksliberalen Brasilianern als ganz einfach als Putsch bezeichnet wird. Sie reagieren emotional auf den Film, mit Entrüstung, Weinen, Lachen, Protest, mit lauten Applaus und Buh-Rufen. Im Kino leben die Sprechchöre der millionenstarken Demonstrationen in Brasilien auf: „Fora Temer“ – Temer raus – gilt dem Nachfolger Dilmas, dem wegen Bestechungsvorwürfen angeklagten Michel Temer, der dennoch Präsident wurde, während Dilma Roussef wegen vergleichsweise geringfügiger Vorwürfe aus dem Amt gejagt wird. Der Film macht nochmal deutlich wie nichtig und vorgeschoben die Vorwürfe der politischen Gegner waren; sie richteten sich nicht gegen Roussef persönlich, sondern warfen ihr letztlich lediglich eine Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht als Präsidentin vor. Angesichts der grassierenden Korruption in der politischen Elite war es eigentlich eher ein Nachweis von Roussefs Integrität, dass ihr selbst von der politischen Konkurrenz keine persönliche Bestechlichkeit vorgeworfen wurde.

Natürlich ist Regisseurin Ramos nicht unparteiisch. Aber sie kommentiert nicht, sie fügt keine künstlichen Stimmungen hinzu, sie lässt ausschließlich die Protagonisten sprechen. Und zeigt, mit welchem ideologischen und heuchlerischen Eifer die konservativen Gegner der Präsidentin die Enthebung vorantreiben. Sicher hat die PT, deren ehemalige Ikone und Ex-Präsident „Lula“ da Silva mittlerweile selbst wegen Korruption verurteilt wurde, viele Fehler gemacht. Die werden in den durchaus selbstkritischen Debatten des Führungszirkels der PT auch eingestanden und diskutiert. Aber der Hass der rechtskonservativen Eliten macht deutlich, dass es hier um alte Rechnungen und einen grundlegenden Paradigmenwechsel geht. Die ehemalige Kommunistin und Gegnerin der Militärdiktatur Dilma Roussef, die erste Frau im brasilianischen Präsidentenamt, soll gedemütigt werden und den Weg freimachen für ein Bündnis neoliberaler revisionistischer Kleptokraten. Auch wenn Dilma Roussef in ihrer Präsidentschaftszeit immer unbeliebter geworden war, erinnern jetzt Millionen Brasilianer daran, dass sie selbst während der brasilianische Militärdiktatur inhaftiert und gefoltert wurde. Und auch im Kino wird skandiert: „Dilma guerreira – do povo brasileiro“ (Dilma ist eine Kämpferin des brasilianischen Volkes).

Am Ende dieses emotionalen Abends gibt es minutenlange standing ovations und begeisterten Zuspruch für die Regisseurin von der brasilianischen Community in Berlin. Eine brasilianische Zuschauerin berichtet, dass sie extra für diese Weltpremiere nach Berlin gekommen ist, weil sie so große Hoffnungen in den Film hat. In Brasilien könnte er dem Protest neuen Schwung geben: 2018 sind Neuwahlen angesetzt.

Fotos: © nofoco filmes

Kommentare ( 1 )

Wow! Klingt nach einem wirklich beeindruckenden Kino-Erlebnis. Schön aufgeschrieben, lieber René! Und ja, es ist immer wieder toll zu sehen, welche Emitionen und politischen „Gefühle“ so ein Film auffangen kann.

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Titel

Orignaltitel

O processo

Englischer Titel

The Trial

Credits

Regisseur

Maria Ramos

Land

Flagge BrasilienBrasilien

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge NiederlandeNiederlande

Jahr

2018

Dauer

137 min.

Festival

Berlinale 2018

Festivalplakat Berlinale 2018

Berlin, 15.02. - 25.02.2018

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