MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT von Philip Gröning (Berlinale 2018)

Das große Labern, oder: Die Zwei von der Tankstelle

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Ein Wochenende im Sommer. Süddeutsche Provinz. Felder, Wiesen, eine Landstraße. Mitten im Nichts eine Tankstelle. Elena, blond und zierlich, hat am Montag Abiturprüfung in Philosophie. Robert, groß und schlaksig, ist ihr Zwillingsbruder. Er soll ihr beim Lernen helfen. Die Hitze flimmert, die Insekten zirpen, die Geschwister stapfen durch die Wiese und lassen sich mit Sicht auf die Tankstelle nieder. In gedrechselten Sätzen werden Zitate und Gedanken von Heidegger, Plato, Nietzsche und den anderen Jungs aus der Band wie Ping Pong Bälle hin- und hergespielt. Sie fragt. Er erklärt. Zum Beispiel die Gegenwärtigkeit von Zeit anhand einer zerbrochenen Bierflasche. Das hat bisweilen etwas von Philosophie für Erstsemester. Recht ambitioniert und letztlich zu gewollt, um charmant zu sein. Ergänzt werden diese Lehrstunden immer wieder durch kleine Machtspielchen, in denen die Geschwister diverse Zickigkeiten und Spannungen miteinander aushandeln. Das wird so harmlos nicht bleiben.

Elena und Robert leben in ihrer eigenen Welt. Sie haben ihre Rituale, ihre Spiele aus Nähe und Distanz, aus Wegstoßen und wieder heranziehen. Oft geht es darum, wer der Bestimmer ist. Und wer wem wie wehtun kann. Es gibt Wetten um Sex und Heuschrecken in Zigarettenschachteln. Ameisen auf verschwitzter Haut, dreckige Fingernägel (sie) und pickelige Rücken (er). Und es gibt Randfiguren, die sich seltsam widerstandslos in die hermetische Spielwelt der Geschwister einbeziehen lassen.

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Die Tankstelle ist dabei eine Art Ersatz-Zuhause. Dort kauft sie für ihn Bier und für sich Eis und Süßigkeiten. Man empfindet diese Figuren nicht als reale Menschen, sondern als Spielsteine aus einer Versuchsanordnung. Das wäre auch völlig in Ordnung, wenn dieses Experiment irgendetwas mitzuteilen hätte. Aber daran scheitert der Film komplett.

Eigentlich hat man schon nach einer halben Stunde akute Ermüdungserscheinungen – vor allem in dem Bewusstsein, dass der Film noch zweieinhalb weitere Stunden dauern wird. Nach Philip Grönings wirklich gelungener Meditation über das Mönchsleben DIE GROSSE STILLE soll das jetzt also „Das große Labern“ sein, oder was? Dabei kommen hier eigentlich sehr spannende Gedanken vor: Denken ist Warten. Kinder können nicht warten. Sie leben im Augenblick - ohne Vergangenheit und Zukunft. Was ist Zeit? Nur leider wird hier eine Menge Denkstoff prätentiös in den Raum gestellt, ohne etwas daraus zu machen. Die spätere Eskalation ist ziemlich vorhersehbar und einfach nur ärgerlich in ihrer betonten Sinnlosigkeit. Man könnte sagen: In MEIN BRUDER HEISST ROBERT UND IST EIN IDIOT steht das impulsive Leben im Hier und Jetzt für ein Handeln ohne Moral. Kindlich, besitzergreifend, provozierend, bisweilen zärtlich, bisweilen aggressiv, trotzig, und schließlich auch erbarmungslos und gewalttätig. Und was dann? Soll hier gezeigt werden, worauf unser moralisches Handeln basiert, oder besser: Was passiert, wenn diese Basis fehlt? Es wäre spannend gewesen, diesen Fragen nachzugehen. Es ist aber leider eher so, dass der Film völlig berauscht am eigenen Sein ausstellt, was alles so passieren kann, wenn zwei entgrenzte Menschen tun können, was sie wollen.

Einfach nur eine süddeutsche Variante der Enfants Terribles bei ihrem komplett selbstbezogenen Treiben zu zeigen, bringt noch keine Erkenntnis über das Sein. Ihnen beim Philosophieren für Anfänger zuzuschauen, ist nicht abendfüllend. Letztlich geht es eben nicht nur um Sein und Zeit. Und auch nicht um den Willen und die Liebe. Es geht, obwohl der Film das Thema meidet wie der Teufel das Weihwasser, um Gut und Böse. Doch darüber erzählt er letztlich nichts. Und das ist der Punkt, an dem Gewalt obszön wird.

Kommentare ( 2 )

Ein ganz schlimmer Film. Diagnose: adoleszenter vorzeitiger Hirnerguss (eiaculatio Heidegger praecox) eines 58-jährigen Regisseurs. Halt. Er hat ja angeblich vier Jahre an dem Unsinn geschnitten. Das vorzeitig nehme ich zurück.

bester film der berlinale.

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Titel

Orignaltitel

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot

Credits

Regisseur

Philip Gröning

Schauspieler

Zita Aretz

Urs Jucker

Stefan Konarske

Josef Mattes

Karolina Porcari

Julia Zange

Vitus Zeplichal

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge SchweizSchweiz

Jahr

2018

Dauer

174 min.

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