ISLE OF DOGS von Wes Anderson (Berlinale 2018)

Warum der Hund das Stöckchen holt

Isle%20of%20Dogs_klein_201819628_1.jpg

Der Hund ist des Menschen bester Freund. Doch was passiert, wenn der Mensch des Hundes ärgster Feind wird? In Wes Andersons Berlinale-Eröffnungsfilm ISLE OF DOGS wird dieses Gedankenspiel zur schwarzhumorigen Gesellschaftsparabel. Kurzfassung: Ein kleiner Junge will seinen Hund aus der Verbannung retten und zettelt damit eine Revolte an. Bereits zum zweiten Mal seit FANTASTIC MR. FOX lässt Anderson dabei die Puppen tanzen. Mit der äußerst aufwändigen, aber in ihrem Effekt unglaublich bezaubernden Stop-Motion-Technik erweckt er hier erneut eine liebevoll inszenierte, detailreiche Welt zum Leben. Der Grundton des Films ist verspielt, aber er ist durchzogen von düsteren Anklängen an Totalitarismus, Faschismus und Genozid. Dabei wartet Anderson, wie zu erwarten war, mit seinen Markenzeichen auf: Fantastische Regie-Einfälle, wunderbar intelligente Dialoge, skurrile Figuren und Situationen und das sichere Gespür für schräge Komik.

In einer ultramodernen, aber faschistoid anmutenden japanischen Großstadt herrscht der Kobayashi-Clan. Die Vertreter dieser Dynastie lieben Katzen und hassen Hunde – und so halten es zum großen Teil auch die Einwohner der Stadt. Dass dieses „Dog-ma“ tief in der Geschichte verwurzelt ist, illustriert gleich zu Beginn ein berauschender Exkurs durch antike Tuschezeichnungen, Holzschnitte und Gemälde. Und deshalb ähnelt das Stadtwappen auch dem eines Hello Kitty Fanclubs, die Stubentiger sind allgegenwärtig, während die Hunde allenfalls geduldet werden. Als plötzlich eine mysteriöse Hundegrippe um sich greift, werden die treuen Vierbeiner nicht geheilt, sondern gejagt. Die Entwicklung eines Serums wird durch kriminelle Machenschaften torpediert, und die verbliebenen – dauerhustenden und schniefenden – Hunde werden auf eine düstere Müll-Insel vor den Toren der Stadt verbannt.

Isle%20of%20Dogs%202_klein_201819628_9~1.jpg

Allein Atari, der Neffe des korrupten Bürgermeisters, findet sich nicht mir dem Verlust seines Hundes ab. Gleichsam als wunderbare Umdeutung des Kamikaze-Mythos kapert der Zwölfjährige ein kleines Flugzeug und bricht zu einer Rettungsaktion auf die Müllinsel auf. Dort angekommen erfährt der Junge Hilfe von einem Rudel Hunde, die sich in ihr altes, geborgenes Leben in der Stadt zurücksehnen. Von der Stadt aus unterstützt Atari unbekannterweise ein kleines Mädchen mit wilden blonden Wuschelhaaren – eine amerikanische Austauschschülerin mit eindeutigem Hang zum Revolutionären. Ein Teenie-Liebespaar also, wie Anderson sie liebt. Gemeinsam wagen die beiden den Kampf gegen die Hundehasser – und werden dabei maßgeblich unterstützt von mutigen Schoßhündchen und furchtlosen Streunern, von stolzen Rassehunden und bunten Mischlingen. Nicht von ungefähr klingen übrigens bei diesen Kategorien aus der Hundewelt die Denkmuster der Nazis an – der Eingang zum Hunde-Inferno auf der Müllinsel erinnert sicher nicht zufällig an ein anderes, sehr bekanntes Eingangstor aus der deutschen Geschichte.

Viel wird hier verhandelt, neben den großen Themen wie „wer sind wir?“ und „wie gehen wir miteinander um?“ auch die Frage, warum ein Hund seinem Herrn eigentlich das Stöckchen apportiert. Anderson thematisiert in ISLE OF DOGS nicht nur Ausgrenzung, Korruption und Gehirnwäsche, sondern auch Liebe, Respekt, Treue und eine gute Art von Heldenhaftigkeit. Dabei wird wenig glattgebügelt. Die Ecken und Kanten aller Figuren – ob auf zwei Beinen oder vier Pfoten – kommen ans Licht. Aber noch immer scheint Anderson daran zu glauben, dass uns im Grunde die Sehnsucht nach Liebe ausmacht. Und dass diese Triebfeder, einmal entdeckt und vom Rost befreit, die stärkste überhaupt ist.

Fotos: © 2017 Twentieth Century Fox und 2018 Twentieth Century Fox

Kommentare ( 3 )

Aaaach....das scheint großes Kino...seufz....kriegt auf jeden Fall bei mir den "Will ich sehen" *.

Weine nicht, wenn die Tulpen blühn;-)
Der schöne Film wartet bestimmt auf Dich!

ISLE OF DOGS kommt am 10.Mai 2018 in die deutschen Kinos.

Kommentiere den Film oder den Eintrag

Titel

Orignaltitel

Isle of dogs

Deutscher Titel

Ataris Reise

Credits

Jahr

2018

Dauer

101 min.

Festival

Berlinale 2018

Festivalplakat Berlinale 2018

Berlin, 15.02. - 25.02.2018

Impressum