APATRIDE (STATELESS) von Narjiss Nejjar (Berlinale 2018)

Das Make-up sitzt, aber wir sind doch nicht bei Marokkos next Topmodel

apatride.jpg

Der Film beginnt mit Nahaufnahmen einer wunderschönen Frau am Strand. Die Haare aufwendig gestylt, das Make-up sitzt perfekt, die Wimpern sind beeindruckend lang. „Sind die echt?“, ist die erste Frage die mir bei dem Film durch den Kopf schießt.

Dann versuche ich mir einen Reim darauf zu machen, hier werden sicher kontrastreiche Stilmittel eingesetzt, um sich einem äußerst tristen Thema zu nähern. Alles wird hier wunderschön und ästhetisch gefilmt. Die schöne Frau ist Hénia, ein Flüchtling aus Algerien. Die wahre Geschichte, die hier im Hintergrund steht ist potentiell ein spannendes Thema, denn 1975 wurden Hunderttausende marokkanischstämmige Algerier nach Marokko abgeschoben. Aber über diese Geschichte lernen wir von Hénia leider wenig, außer dass sie mit ihrem Schmollmund ziemlich traurig gucken kann.

Immer wieder inszeniert die Kamera ihre perfekte Schönheit. Sind wir vielleicht doch bei „Marokkos next Topmodel“? Allerdings hat Hélia keine Dokumente und kann daher ihren Traum, nach Algerien zurückzugehen nicht realisieren. Die Charaktere dieses Films entwickeln sich kaum, bleiben schemenhaft: Die Gastmutter bei der sie aufgewachsen ist, der alte Witwer, den sie heiratet um endlich an Papiere zu bekommen, dessen passiv-aggressiver Sohn Mohanad, der Hélia begehrt und schließlich über sie herfällt. Die Vergewaltigung um die es sich hier handelt, und nach der Hélia schwanger wird, wird filmerisch verharmlost zu einer kurzen sexuellen Begegnung.

Es bleibt unerklärlich, warum die Filmemacherin ihre Hauptperson als willenlose Opferfigur konstruiert, selbst ihre Flucht wird schließlich von Mohaned organisiert, der Hélia loswerden will, nachdem seine französische Ehefrau erfahren hat was passiert ist. Die Schlusszene, in der Hélia schließlich die Grenze passiert bleibt ebenso nebulös wie die Entwicklung der Protagonisten. Wohlwollend könnte man das so auslegen, dass durch das andauernde Schweigen und Ausweichen hier der tabuisierte Konflikt zwischen Marokko und Algerien dargestellt wird. Aber die Figur Hélias und ihr Trauma bleibt hölzern und unglaubwürdig. Trotz schöner Bilder ein klischeebeladener Film und eine vertane Chance, von einem persönlichen Trauma und einem historisch und politisch spannenden Thema zu erzählen.

Kommentiere den Film oder den Eintrag

Titel

Orignaltitel

Apatride

Englischer Titel

Stateless

Credits

Regisseur

Narjiss Nejjar

Schauspieler

El Ghalia Ben Zaouia

Avishay Benazra

Aziz Fadili

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge MarokkoMarokko

Jahr

2018

Dauer

94 min.

Festival

Berlinale 2018

Festivalplakat Berlinale 2018

Berlin, 15.02. - 25.02.2018

Impressum