AGGREGAT von Marie Wilke (Berlinale 2018)

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Aggregat, das: (Technik) Satz von zusammenwirkenden einzelnen Maschinen, Apparaten und Teilen besonders in der Elektrotechnik. Das ist eine Definition des Deutschen Universalwörterbuchs. AGGREGAT von Marie Wilke zeigt das Zusammenwirken einzelner Teile und Apparate, und zwar der gesellschaftlichen Teilen, Apparate und Institutionen, die den Zustand unserer Demokratie bestimmen: Informationsveranstaltungen im Reichstag, ein „Gespräch am Küchentisch“ der SPD mit Bürgern in Meißen, Redaktionskonferenzen der BILD und der taz in Berlin und öffentliche Veranstaltungen der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) und vieles mehr. Die nie offen gestellte Frage des Films ist: Wie sieht es aus mit dem Zustand unserer Demokratie?

AGGREGAT versucht, soweit das in einem Dokumentarfilm möglich ist, eine reine Beobachtung zu bleiben. Die Regisseurin und die Kamera mischen sich nicht ein. Es werden keine Fragen gestellt, es gibt keine Kommentierung. Wir sehen Ausschnitte von gesellschaftlichen Debatten. Auf Pegida-Kundgebungen und am Rande der Feiern zum Tag der Deutschen Einheit 2016 in Dresden schreien Menschen „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“. Bei den Küchentischgesprächen SPD schreit überhaupt niemand. Eine Frau liest ihre Gedanken vor, zu dem, was sich in den vergangenen Jahren aus ihrer Sicht verändert hat. Sie will, dass Gewalttäter ins Gefängnis gehören – egal woher sie kommen. Ein Mann spricht über hohe Arbeitslosigkeit und Kinderarmut. Er kennt die Zahlen und fragt, wie es in Sachsen weitergehen soll. Sachsen Wirtschaftsminister Martin Dulig hört sich alles an und versucht, Antworten zu geben. In einer anderen Szene auf einer lokalen SPD Parteiversammlung, in der auch über das Wahlprogramm abgestimmt wird, ruft er: „Es geht dem Land so gut wie seit 25 Jahren nicht, aber die Stimmung ist schlecht.“ Das macht die Genossinnen und Genossen auch nicht fröhlicher. Die sind sich ziemlich uneins darüber, wie sie die neusten Kriminalitätsstatistiken bewerten sollen.

Ich meine das nicht als Spott. Bei Dulig oder bei Gesprächen der Meißner SPD-Bundestagsabgeordneten Susann Rüthrich mit Wählerinnen und Wählern wird deutlich, dass diese andere Politiker die Probleme kennen und dass sie auch im Kleinen daran arbeiten Probleme zu erklären und zu lösen.

Wir sind auch bei einem Workshop dabei, in dem Rüthrich und andere Bundestagsabgeordnete sich für das Argumentieren gegen Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker schulen lassen. In anderen Momenten des Films diskutieren Fernsehjournalisten des MDR darüber, wie sie ihren Zuschauern die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Identitärer Bewegung und AfD am besten erklären. Frauke Petry, damals noch AfD-Bundestagskandidatin in Sachsen, erklärt derweil auf einer Pressekonferenz, dass ihre Partei die Rundfunkräte und die „Staatsmedien“ umgestalten wolle. Im Detail könne sie es jedoch gerade nicht tun, weil der zuständige Parteikollege nicht da sei.

„Demokratie? Wisst Ihr, was das heißt? Alle bestimmen mit.“, sagt ein Mann vom Besucherservice bei einer Führung durch den Reichstag. AGGREGAT ist ein Film darüber, wie streiten, erklären und mitbestimmen in der Demokratie zusammenhängen. Es ist gerade wirklich wichtig, das zu zeigen. Und Marie Wilke macht das sehr, sehr gut.

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Titel

Orignaltitel

Aggregat

Credits

Regisseur

Marie Wilke

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Jahr

2018

Dauer

92 min.

Festival

Berlinale 2018

Festivalplakat Berlinale 2018

Berlin, 15.02. - 25.02.2018

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