T2 TRAINSPOTTING von Danny Boyle (Berlinale 2017)

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Die 90er Jahre waren nicht für alle lustig. Vier Verlierer aus Edinburgh – Renton, Sick Boy, Spud und Begbie – haben uns das in Danny Boyles TRAINSPOTTING 1996 auf virtuose Weise vor Augen geführt. Die Nachwehen des Thatcherismus, soziale Tristesse im ehemaligen Edinburgher Hafenviertel Leith, Heroin, Aids, Kleinkriminalität und Gewalt – all das hat uns der Film trotzig und punkig, humorvoll und todtraurig, ins Gesicht geschleudert. Irvine Welshs Roman hatte durch die Filmversion eine kongeniale Umsetzung erfahren, und wir alle haben kapiert, dass der Working Class Dialekt aus Edinburgh einfach nicht zu verstehen ist. 20 Jahre später hat Boyle die Geschichte weitergesponnen. Die vier Hauptfiguren tragen ein paar Falten mehr im Gesicht, die wandelnde Aggro-Zeitbombe Begbie hat jetzt einen Schnauzer und ein paar Kilo zugelegt, aber die Grundkonstellation bleibt die gleiche. Von der Gentrifizierungswelle, so hören wir, haben nicht alle Edinburgher profitiert, auch in den 2010er Jahren müssen sich einige mehr als andere nach der Decke strecken – und da, wo eine Gelegenheit ist, ist auch Verrat.

Renton, der seine Freunde damals um 16.000 Pfund aus einem Heroindeal betrogen hat, kehrt nach Jahrzehnten im Amsterdamer Exil nach Schottland zurück – und stolpert mitten hinein in seine nicht beglichenen Schulden. Zum Empfang wird ihm gleich ein Billard-Kö über den Schädel gezogen, Spud kotzt ihn voll, Sick Boy sinnt auf Rache und Begbie will ihn ohnehin abstechen. Boyle erzählt die Geschichte dieser Heimkehr mit Hindernissen mit Witz, Tempo und wunderbar absurden Einfällen. Immer wieder verweist er auf den originalen TRAINSPOTTING-Film – etwa durch das wiederholt eingesetzt Stilmittel des Einfrierens der Bilder mitten in der Szene, durch das Auftauchen vertrauter Orte oder durch die T1-Hymne „Lust for Life“.

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Trotzdem ist der Film nicht nostalgisch, sondern ganz im Hier und Jetzt verankert – natürlich mit einer gehörigen Prise Absurdem. An Stelle eines Heroindeals tritt hier das Abzocken von EU-Fördermitteln (Prä-Brexit!), Rentons zynischer „Choose Life“-Rap bezieht sich diesmal nicht auf die kapitalistische Normalo-Spießigkeit sondern auf die emotionale Ödnis der digitalen Kommunikation, und das Sequel beschert uns eine smarte weibliche Nebenfigur aus Bulgarien, die ihre ganz eigene Agenda im Spannungsfeld des Schotten-Quartetts verfolgt. Selbst Diane, das minderjährige Schulmädchen aus T1, hat einen schönen kleinen Gastauftritt, der ganz zum Zeitgeist passt – als smarte Anwältin, die Renton lustigerweise davor warnt, dass seine aktuelle Flamme „viel zu jung“ für ihn sei. Ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, sind Kinder – und was Loser-Väter ihnen zu geben haben. Auch hier ist TRAINSPOTTING erwachsen geworden – und nimmt zugleich das Thema des toten Kindes aus T1 wieder auf.

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Es mag sein, dass es für T2 hilft, wenn man T1 gesehen und gemocht hat. Aber der Film hat auch seinen eigenen Drive. Ewan McGregor als Renton, Ewen Bremner als Spud, Jonny Lee Miller als Sick Boy und Robert Carlyle als Begbie sind auch als Mittvierziger noch eine ganz besondere Crew. Und, versprochen: Wer T2 gesehen hat, wird in Zukunft immer die Jahreszahl 1690 mit einem identitätsstiftenden historischen Datum für Schottland in Verbindung bringen – und mit einem selten dämlichen aber äußerst eindringlichen Refrain.

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Titel

Orignaltitel

T2 Trainspotting

Credits

Regisseur

Danny Boyle

Land

Flagge Vereinigtes KönigreichVereinigtes Königreich

Jahr

2017

Festival

Berlinale 2017

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 09.02. - 19.02.2017

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