HAO JI LE (einen schönen Tag noch) von Liu Jian (Berlinale 2017)

Kein Platz für Träumer

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Eine Tasche voller Geld und eine Handvoll Menschen, die hinter diesem Geld her sind. Die Stimmung: düster, mit Einsprengseln von schwarzem Humor. Das Setting: eine kleine Stadt im Süden Chinas, Gegenwart. Die Umsetzung: hochstilisiert-reduzierte Animation. Liu Jian hat mit seinem zweiten animierten Langfilm HAO JI Le einen klassischen Film Noir vorgelegt – und zugleich einen schonungslosen Kommentar auf die Gier nach Geld in ihrer besonderen Ausprägung im heutigen China. Gangsterboss, Gelegenheitsdieb, Garküchenbesitzerin oder Profikiller: all diese Figuren sind von einer existentiellen Leere getrieben, die sich anscheinend nur durch sehr, sehr viele Banknoten mit Maos Konterfei darauf füllen lässt.

Die präzise gezeichneten Bildtableaus in diesem Film zeigen leere, öde Orte in einer namenlosen Stadt: ein trostloses Internet-Café, heruntergekommene Gassen, ein steriles Hotelzimmer. Die dort lebenden Menschen mögen einmal große Träume gehabt haben, jetzt wandern sie wie desillusionierte Zombies durch die Gegend. Kein freundliches Wort fällt zwischen ihnen, das Leben ist eine einzige Transaktion: man fordert einen Gefallen oder gewährt ihn. Selbst die Vorstellungskraft bringt hier niemanden weiter. Ein kreativer Technik-Freak hat zwar eine supercoole Röntgenbrille und ein paar andere Gimmicks erfunden – die nutzt er aber auch nur, um an die Tasche mit dem Geld zu kommen; etwas anderes fällt ihm dazu nicht ein. Eine junge Frau und ihr nerdiger Begleiter imaginieren sich in einem wunderschön-ironischen Tagtraum als Hauptfiguren in einem alten Propaganda-Film. In der Realität sind sie knallharte Abzocker. Ansonsten ist der einzige Künstler im Film ein ehemaliger Schulfreund des Gangsterbosses, der aber leider so unvorsichtig war, mit dessen Frau anzubandeln – was ihm im weiteren Verlauf des Films nicht gut bekommt.

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Zumindest einen „positiven“ Impuls gibt es: Der junge Mann, der das Geschehen erst ins Rollen bringt, indem er zu Anfang die Tasche mit dem Geld stielt, tut das für seine Verlobte. Die hat sich mit einer Schönheitsoperation in der Billig-Variante derart verunstaltet, dass sie sich nicht mehr auf die Straße traut. Nun soll mit einer weiteren Operation in Korea wieder alles ins Lot kommen. Allerdings: Auch diese scheinbar so selbstlose Tat hat wohl damit zu tun, wie später offenbar wird, dass der junge Mann von seiner Mutter ordentlich unter Druck gesetzt wird, endlich zu heiraten. Und, so darf man annehmen, am besten ein Mädchen, deren Nase möglichst in der Mitte ihres Gesichtes sitzt. Wohin man also blickt: mehr oder minder kühl kalkulierte Rechnungen, die letztlich dem Eigennutz dienen.

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Liu Jian, der 2010 mit PIERCING I den ersten unabhängigen Animationsfilm Chinas produzierte und 2007 das Animationsfilm-Studio Le-joy gründete, überzeugt mit HAO JI LE sowohl durch eine spannende, stringente Erzählweise als auch durch die beeindruckende künstlerische Umsetzung der Animation. Die Message kommt klar rüber, ohne allzu aufdringlich oder plakativ zu wirken. Ganz beiläufig definiert eine Nebenfigur drei Abstufungen von Freiheit, die es zu erlangen gilt: Erstens, die Freiheit auf dem Bauermarkt all das kaufen zu können, wonach einem der Sinn steht. Zweitens, dasselbe im Supermarkt tun zu können. Und drittens, beim Online-Shopping. Die Tasche mit Geld, um die es hier geht, wird jedoch, so viel scheint nach 75 Minuten klar, wohl keiner der Figuren echte Freiheit verschaffen.

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Titel

Orignaltitel

Hao ji le

Deutscher Titel

Einen schönen Tag noch

Credits

Regisseur

Liu Jian

Schauspieler

Zhu Changlong

Cao Kai

Cao Kou

Yang Siming

Ma Xiaofeng

Land

Flagge ChinaChina

Jahr

2017

Festival

Berlinale 2017

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 09.02. - 19.02.2017

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