Berlinale 2016: FUOCOAMMARE (Fire at Sea) von Gianfranco Rosi

Tun, was getan werden muss

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Das Meer steht in Flammen - in Gianfranco Rosis Dokumentarfilm gilt das meist im übertragenen Sinn, manchmal aber auch ganz real. Seit Jahren schon gilt Lampedusa, jenes karge Stück Felsen zwischen Sizilien und Nordafrika als Endstation für viele tausend Flüchtlinge, die sich über das Mittelmeer auf nach Europa machen. Dabei sind diejenigen, die auf Lampedusa ankommen, noch die Glücklichen unter ihnen. Der Rest stirbt: verhungert in der Wüste, wird von Menschenhändlern gekidnappt, gefoltert und getötet, ertrinkt kurz vor dem Ziel im Meer oder verdurstet gar an Bord einer der Nusschalen, mit denen Schleuser die Verzweifelten zu horrenden Preisen übers Meer schippern. Wie kann der Alltag auf dieser Insel aussehen, die sich täglich mit dem Elend der Welt konfrontiert sieht? Rosi wagt einen dokumentarischen Ansatz auf diese Frage - und schafft auf diese Weise eine beeindruckende Erzählung über die Menschen von Lampedusa, Einheimische wie Flüchtlinge.

Da ist der zwölfjährige Samuele, der lieber mit seiner Schleuder durch die Wälder streift, als in der Schule zu sitzen. Er übt sich bereits in den Gesten des mediterranen Männlich-Seins - an Bord des Fischerbootes seines Vaters wird ihm aber bei entsprechendem Seegang trotzdem noch so schlecht, dass er bald über der Reling hängt. "Üb' fleißig das Rudern", ruft ihm ein älterer Junge zu. "Du wirst es brauchen. Hier auf Lampedusa sind wir alle Fischer!". In der Tat. Das Leben ist rau, die Leute nicht gerade reich, die Arbeit auf See hart. Die Großmutter erinnert sich noch an den Krieg, als ihr Vater sich nur tagsüber mit dem Boot raus wagte, denn nachts wurde auf dem Wasser gekämpft und das Meer stand in Falmmen - "Fuocoammare". Mit diesem Bild vom Krieg wird der inhaltliche Bogen geschlagen zu denjenigen, die heutzutage vor dem Krieg flüchten.

"Wir leben nicht riskant. Das Leben ist riskant", sagt einer der von der Küstenwache geretteten Schwarzafrikaner. In einer Art Gedenk-Rap erinnert er an die lange Reise, die er und seine Begleiter hinter sich haben, an die Strapazen, das Leid, die Angst und den Tod. Das erleben die Hilfskräfte, die jede Nacht das Gewässer nach Flüchtlingsbooten absuchen, ebenfalls hautnah. In manchen Booten sind Menschen verdurstet, andere kentern, bevor die Rettungskräfte zu ihnen gelangen und viele Menschen - vor allem Frauen und Kinder - ertrinken. Rosi zeigt den professionellen Einsatz der mit weißen Schutzanzügen ausgestatteten Rettungskräfte ganz nüchtern und ohne zu dramatisieren. Das wäre ohnehin nicht nötig. Die Bilder sind dramatisch genug. Es herrscht eine seltsame Routine, in einer Situation, in der doch nichts wirklich Routine sein kann. "Sind denn schon alle Männer aus Afrika an Bord?", fragt eine Afrikanerin die Rettungskräfte. Als dies bejaht wird, bricht sie in Tränen aus. Es scheint, als ob ihr Begleiter es nicht geschafft hat. Ein andermal sehen wir mit der Kamera kurz in den Laderaum eines Flüchtlingsbootes, wo ein wüster Haufen von Trinkflaschen, Decken und Schuhen zurückgelassen wurde - und dazwischen vereinzelt tote Menschen, jene, die die Überfahrt nicht geschafft haben und nun wie menschlicher Müll zwischen den anderen Hinterlassenschaften liegen.

Besonders beeindruckend ist ein Arzt, der die Flüchtlinge medizinisch behandelt. Nicht ohne Humor und mit viel Einfühlsamkeit erklärt er einer Frau, wo auf dem Ultraschallbild die Arme, Beine und Köpfe ihrer Zwillinge im Bauch zu sehen sind. Manchmal muss er jedoch auch Autopsien vornehmen. Als er davon erzählt, spürt man, wie sehr ihn das mitnimmt. "Aber", so sagt er, "es muss nun mal getan werden." Dass den Flüchtlingen geholfen werden muss, steht für ihn außer Frage. Ganz ohne Pathos sagt er: "Wer ein Mensch ist, muss hier einfach helfen."

Die Welt Samueles und die der Flüchtlinge berühren sich nicht wirklich. Und doch leben sie auf engstem Raum nebeneinander. Und ihre Geschichten haben mehr miteinander zu tun, als sie vielleicht selbst ahnen. "Arme Seelen!", sagt eine ältere Frau, als sie beim Zubereiten des Mittagessens in den Nachrichten von dem neuesten Kentern eines Flüchtlingsbootes hört. Sie wird sich später ein altes Liebeslied für ihren Mann im Radio wünschen - "Fuocoammare".

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Titel

Orignaltitel

Fuocoammare

Englischer Titel

Fire at Sea

Credits

Regisseur

Gianfranco Rosi

Land

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge ItalienItalien

Jahr

2015

Dauer

107 min.

Festival

Berlinale 2016

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 11.02. - 21.02.2016

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