Berlinale 2016: BARAKAH MEETS BARAKAH (BARAKAH YOQABIL BARAKAH) von Mahmoud Sabbagh

Coming-of-Age in Saudi Arabien

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Seit vielen Jahren beschäftige ich mit dem Nahen Osten. Eine Region voller Klischees, spätestens seit Edward Saids Kritik des Orientalismus werden diese auch offen kritisiert. Aber manche Klischees sind hartnäckig, und niemand ist frei davon. Oder was fällt ihnen so ein zum Thema Saudi-Arabien? Wahabismus, Wüste, Pilgerfahrt, Kopf ab.

Ja, all das gibt es. Und irgendwie ist logisch, dass es in einer großen saudischen Metropole auch eine Underground-Kulturszene gibt. Nur: Man sieht sie nicht. Es gibt kaum Bilder aus Saudi-Arabien, und im Land quasi keinen öffentlichen Raum, in dem sich gerade junge Menschen bewegen ausdrücken können. Um das zu verändern ist Regisseur Mahmoud Sabbagh angetreten. „Der ganze Film war eine Art Guerillaaktion“, erzählt er im Interview. „Ich hatte überhaupt keine Unterstützung, wusste überhaupt nicht ob der Film mal gezeigt wird. Wir haben einfach angefangen.“ In Saudi-Arabien gibt es weder eine Filmindustrie noch Kinos, die hat der Staat in den 80er Jahren im Zuge der strikten Durchsetzung wahabitischer Normen verboten. Vielleicht gerade deshalb hat sich in Jiddah eine reichhaltige Gegenkultur gebildet, die sich überwiegend im Internet ausdrückt.

Der Film betritt so völliges Neuland. Und gegen alle Widerstände filmt Mahmoud Sabbagh einen mutigen, unterhaltsamen und richtig witzigen Film. Es ist die Geschichte von Barakeh, Angestellter der Stadtverwaltung, der sich in die reiche „Bibi“ verliebt (die eigentlich auch Barakeh heißt, den Namen aber nicht mag). Sie verabreden sich, aber es gibt nicht mal einen Ort an dem sie sich treffen können: der öffentliche Raum ist für nicht verheiratete Paare tabu. Gleichzeitig ist die Art und Weise, wie die Erwartungen von Bibi und Barakah an eine liberalere Gesellschaft – Fotos aus den Siebzigern zeigen im Film immer wieder, dass es die im Lande gab – im Film ziemlich offen; verschleierte Frauen sieht man in den privaten oder halböffentlichen Räumen so gut wie gar nicht. Die Charaktere rund um die beiden Hauptdarsteller sind grell überzeichnet – die im Luxus erstickende Familie von Bibi, der ständig zugedröhnte, vulgäre Vater von Barakeh. Nebenbei werden soziale Unterschiede, Geschlechtertrennung und Doppelmoral entlarvt. Schon im Vorspann steht die Warnung: „Wenn bestimmte Stellen verpixelt werden hat das nichts mit Zensur zu tun. Wir wiederholen: Gar nichts!“

In der Forum-Broschüre wird das als „romantische Komödie“ bezeichnet. Das gefällt Regisseur Mahmoud nicht so gut. „Ich sehe es eher als coming-of-age-Geschichte.“ Ein Film, der die Probleme, aber auch die Erwartungen einer jungen Generation nicht nur ausdrückt, sondern wie ein Feuerwerk abbrennt. Es geht nicht um einen Systemwechsel, aber auch nicht die Art von langsamen Reformen, wie sie der saudische Staat umsetzen will. Das Publikum im vollbesetzten Delphi-Filmtheater ist beeindruckt, von den anwesenden Künstlern und dem Film. Saudi-Arabien ist auf der Berlinale-Landkarte angekommen.

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Titel

Orignaltitel

Barakah yoqabil Barakah

Englischer Titel

Barakah meets Barakah

Credits

Schauspieler

Fatima AlBanawi

Hisham Fageeh

Land

Flagge Saudi-ArabienSaudi-Arabien

Jahr

2016

Dauer

88 min.

Festival

Berlinale 2016

Festivalplakat Berlinale 2016

Berlin, 11.02. - 21.02.2016

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