Berlinale 2016: L´AVENIR von Mia Hansen-Løve

Vom Trost der Philosophie

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Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert) ist eine selbstbewusste Frau, die ihren Beruf liebt und die auch sonst genau weiß, was sie will. Zusammen mit ihrem Ehemann und zwei erwachsenen Kindern führt sie in Paris ein kultiviertes Leben als Intellektuelle. Vom prall gefüllten Kühlschrank über die mit philosophischen Werken akkurat bestückten Bücherregale bis hin zum wildromantischen Feriendomizil in der Bretagne finden sich alle Insignien eines geistig und auch materiell erfüllten Daseins. Als Nathalies Ehemann sie überraschend wegen einer anderen Frau verlässt, gerät ihr wohlgeordneter Alltag ins Wanken. Die damit einhergehende Verunsicherung zwingt sie dazu, sich mit bereits gelöst geglaubten existentiellen Lebensfragen auseinander zu setzen.

Die Hauptfigur Nathalie wird trotz aller Einsamkeitsgefühle und Schicksalsschläge nie zum bemitleidenswerten Opfer stilisiert sondern sie ist und bleibt eine starke Persönlichkeit, die auch ohne Ehemann ihren Weg gehen wird. Dabei verzichtet der Film auf jede Art von unnötiger Dramatisierung und würzt seine Handlung statt dessen immer wieder mit kleinen ironischen Sequenzen. Höchst amüsant sind zum Beispiel die Besuche von Nathalie bei ihrem Verlag, wo ihr von jungen Marketingexperten erklärt wird, warum ihre Philosophiebücher einfach nicht mehr zeitgemäß sind und dringend ein zielgruppengerechteres Design benötigen. Auch die Entwicklung ihres einstigen Lieblingsschülers Daniel, der sich nun in einer Landkommune der Käserei und der Eselszucht widmet, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Das diese Form der Erzählung trotz extremer Dichte und Dialoglastigkeit so gut funktioniert, ohne den Zuschauer zu überfordern, liegt nicht zuletzt an der Besetzung. Hauptdarstellerin Isabelle Huppert ist eine ideale Wahl für die Rolle der Nathalie, denn es gibt wohl kaum eine Schauspielerin, die den Typus der französischen Intellektuellen besser verkörpern könnte. Sie füllt ihre Rolle perfekt aus und zeigt hier durchgängig ganz große Schauspielkunst. Auch die beiden männlichen Hauptrollen werden von André Macon und Roman Kolinka glaubhaft dargestellt.

Regisseurin Mia Hansen-Løve, die selber als Tochter einer Philosophielehrerin in Frankreich aufgewachsen ist, erzählt ihre Geschichte gänzlich unaufgeregt und findet immer wieder stimmige Bilder für die innere Situation der Hauptfigur.Trotz der plötzlichen Trennung vom Ehemann und der zunehmenden Belastung durch ihre depressive, pflegedürftige Mutter, reagiert Natalie meist ruhig und gefasst auf die Dinge, die ihr widerfahren. Sie wird nie kopflos und besitzt inmitten aller Widrigkeiten eine innere Kraft, die ihr auch in schwierigsten Zeiten die Richtung weist. L´avenir ist so zugleich auch ein eindrucksvolles Statement dafür, dass die intensive Beschäftigung mit philosophischen Themen zwar nicht vor schmerzhaften Schicksalsschlägen schützen kann, wohl aber dabei hilft, nicht an ihnen zu zerbrechen.

Ein schon allein wegen seiner herausragenden Hauptdarstellerin sehenswerter Film mit Isabelle Huppert als klarer Anwärterin für einen Bären für die beste weibliche Hauptrolle.

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Titel

Orignaltitel

L´avenir

Englischer Titel

Things to come

Credits

Regisseur

Mia Hansen-Love

Schauspieler

Isabelle Huppert

Roman Kolinka

André Marcon

Edith Scob

Jahr

2016

Dauer

100 min.

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