Berlinale 2015: EISENSTEIN IN GUANAJUATO von Peter Greenaway

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Sergej Eisenstein scheiterte 1930 mit Filmprojekten in Hollywood und ging anschließend nach Mexiko, um das Revolutionsdrama Que Vivo Mexico? zu filmen. Financiers waren eine Gruppe von Privatleuten um den Upton Sinclair und seine Frau Mary. Der Film sollte eine Art Reisebericht werden. Peter Greenaway liefert eine fiktive und vor allem hoch subjektive Erzählung von Eisensteins Aufenthalt in Guanajuato vom 21. Bis 31. Oktober 1931. In diesen zehn Tagen dreht sich für den Regisseur alles um zwei Dinge, die Menschen von jeher beschäftigen: Sex und Tod.

Eisenstein kam nach Mexico nach einer riesigen Enttäuschung: Hollywoods Paramount Studio hatte mit ihm einen Halbjahresvertrag zur Entwicklung von Filmstoffen ab. Im Mai 1930 reiste der Regisseur in die USA. Er traf Filmgrößen wie Chaplin, Disney, Griffith und Vidor. Die Projekte einer Verfilmung von Sutter’s Gold und des Theodore Dreiser Romans An American Tragedy scheiterten allerdings. Für das Dreiser-Projekt lieferte Eisenstein im Oktober 1930 sogar ein Drehbuch. Aber wenig später löste das Studio den Vertrag auf. Ob es vor allem am Drehbuchentwurf oder an der antikommunistischen Stimmung in den USA lag, wer weiß. Greenaways Sergej Eisenstein (Elmer Bäck) befindet sich bei seiner Ankunft in Guanajuato in einer manischen Stimmung, die zwischen Chaos und Kreativität oszilliert. Ebenso schwankt sein Benehmen zwischen dem eines ganz liebenswerten aber zeitweise böswilligen Kindes und dem eines manisch-depressiven Clowns.

Peter Greenaway wählt dazu die passende Bebilderung: Split Screens, Jump Cuts mit Wiederholungen, aber vor allem eine farbenfrohe und teils surreale Ausstattung. Großartig sind das Matte Painting der Stadtansicht oder auch die Figur des blinden und tauben Glöckners, der aussieht wie ein um den Verstand gebrachter Maya-Priester. Hinzu gesellen sich Bilder von Berühmtheiten wie Chaplin, von mexikanischen Revolutionären, von Eisensteins pornographischen Kritzeleien und Ausschnitte aus Eisensteins Filmen.

Mit dem Sex ist es zunächst nicht soweit her. Der nackte Eisenstein springt unter der Dusche herum und spricht mit seinem Schwanz. Allerdings stellt sich heraus: Sergej ist eine Jungfrau. Rettung naht in Form von Eisensteins Reisebegleiter Palomino Cañedo (Luis Alberti). Cañedo ist Lehrer für Vergleichende Religionswissenschaft und hat Frau und zwei Kinder, aber er schaut Eisenstein an, wie eine Schlange das Kaninchen. Der Tod ist in Mexico allgegenwärtig. Alles bereitet sich während des Aufenthalt von Eisenstein auf den Día de los Muertos, den Tag der Toten, vor. In der Zeit vom 31. Oktober bis zum 2. November gedenken die Mexikaner der Toten, Kinder springen in Skelettkostümen herum und verzehren buntes Zuckerzeug in Totenschädelform.

Sex und Tod stehen also bereit und Greenaway steuert seinen Film auf einen Höhepunkt zu. In einer Gewitternacht schreitet Cañedo mithilfe einer großzügigen Portion Olivenöl zur Entjungferung. Der quiekende Eisenstein ziert sich etwas, findet dann aber Gefallen an den Penetrationskünsten des Mexikaners. Der Regisseur Eisenstein ist so glücklich wie nie zuvor. Nach dem doppelsinnigen Höhepunkt dieser ausgedehnten Fickszene hat der Regisseur Greenaway allerdings ein Problem: Die Luft aus seiner Geschichte ist raus. Der Film schleppt sich so dahin. Der Streit mit den Sinclairs um die Filmfinanzierung weckt trotz einer schwindelerregenden minutenlangen Kreisfahrt der Kamera wenig Interesse. Den Film Eisenstein in Guanajuato erfasst genauso das Siechtum, wie das Filmprojekt Que Vivo Mexico?. Die Handlung versandet, Greenaways Ideen zünden nicht mehr, der Film verliert an Tempo und Spannung. Die letzte halbe Stunde ist schlicht überflüssig. Die Zeit in Mexiko geht zu Ende. Im richtigen Leben muss der Regisseur Eisenstein nach einem weiteren einmonatigen Aufenthalt in den USA wieder ins stalinistische Moskau zurück. Eros hat die Ekstase gebracht, aber Thanatos hat gesiegt – wie immer.

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Titel

Orignaltitel

Eisenstein in Guanajuato

Credits

Regisseur

Peter Greenaway

Schauspieler

Luis Alberti

Elmer Bäck

Lisa Owen

Kamera

REINIER VAN BRUMMELEN

Land

Flagge BelgienBelgien

Flagge FinnlandFinnland

Flagge MexikoMexiko

Jahr

2015

Dauer

105 min.

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