Berlinale 2015: VERGINE GIURATA von Laura Bispuri

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Eine Frau hat ihrem Mann zu gehorchen. Sie redet nicht, wenn er redet, sie kocht und putzt und füttert die Tiere, darf aber niemals ein Gewehr in die Hand nehmen. Das sind die strengen Regeln, die in der archaischen Gesellschaft in den Bergen Nordalbaniens gelten. Die junge Hana will so nicht leben. Sie genießt es, allein in den Wäldern umherzustreifen, und sie liebt das Gefühl, eine Waffe abzufeuern. Es gibt einen Ausweg aus der für sie vorgesehenen Frauenrolle: Wenn sie ihrem Frausein abschwört und gelobt, niemals Sex zu haben, darf sie als so genannte „Vergine Giurata“, eingeschworene Jungfrau, existieren – sie wird als Mann behandelt und ansonsten in Ruhe gelassen. Es ist ein einsames Leben, das Hana jetzt als Mark führt. Als ihre Stiefmutter stirbt, macht sie sich auf den Weg nach Mailand, zu ihrer Stiefschwester. Dort beginnt für sie ein tastender Weg in das Leben, das sie tatsächlich führen will. Der Italienerin Laura Bispuri ist mit VERGINE GIURATA ein starker und einfühlsamer Film über ein Leben außerhalb der Norm gelungen.

Alba Rohrwacher ist großartig als Mark/Hana, die erst allmählich ein Gefühl für den eigenen Körper und die eigenen Sehnsüchte entwickelt. Das Tuch, mit dem sie sich die Brüste fest an den Leib bindet, kratzt, und es ist – aus der feministischen Ideologie kommend – fast eine Ironie, dass ein BH für sie eine enorme Befreiung bedeutet. Im Schwimmbad, wohin sie ihre Nichte regelmäßig begleitet, macht sie Bekanntschaft mit einer Welt halbnackter Körper. Fast tastend gleitet ihr Blick über schlaffe und durchtrainierte, dicke und dünne, alte und junge Männer- und Frauenkörper. Falls es so etwas wie Begehren für sie geben kann, wofür würde sie sich entscheiden? Es ist letztlich ein schluffiger Bademeister, gespielt von Lars Eidinger, der sie in den Bann zieht. Mit ihm wird sie auch bald ihre erste sexuelle Erfahrung haben.

Bispuri hat den Film nicht als Drama angelegt, sondern als leise Befreiungsgeschichte. Immer wieder wird in Rückblenden die archaische Bergwelt eingeblendet, Hanas/Marks Lebensweg in Ausschnitten erzählt. Dass ihr letztlich nichts wirklich Schlimmes widerfährt, weder in den Bergen noch in der Stadt, dass auch die Familie ihrer Schwester sie schließlich so akzeptiert, wie sie ist, ist ein mutiger Schritt dieser Filmemacherin, die damit die erwartbaren Schockmomente einfach auslässt. Selbst in der albanischen Dorfgemeinschaft gibt es Querdenker wie ihren Stiefvater. Ohne die Härte dieser patriarchalen Gesellschaft zu beschönigen, zeigt der Film, wie sich Menschen immer wieder Schlupflöcher aus einem strengen Regelwerk suchen. In VERGINE GIURATA sehen wir die Entwicklung einer jungen Frau, die sich den Weg zurück ins Frausein ertastet, vorsichtig, zunächst misstrauisch, und nicht sicher, ob sie nicht doch dafür ihre Freiheit einbüßen muss. Der Ton und der Rhythmus, in dem diese Geschichte erzählt wird, sind rund und stimmig – ein Film, der überzeugt.

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Titel

Orignaltitel

Vergine Giurata

Englischer Titel

Sworn Virgin

Credits

Regisseur

Laura Bispuri

Schauspieler

Lars Eidinger

Emily Ferratello

Luan Jaha

Flonja Kodheli

Alba Rohrwacher

Bruno Shllaku

Land

Flagge AlbanienAlbanien

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge ItalienItalien

Flagge SchweizSchweiz

Jahr

2015

Dauer

90 min.

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