ASSISTANCE MORTELLE (Fatal Assistence) von Raoul Peck

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Viele Leute reden mit, wenn es um Hilfe für Haiti geht. Bild: Velvet Flim.

Am 12. Januar 2010 bebte in Haiti die Erde. Etwa 250.000 Menschen starben, rund 1,2 Millionen Menschen verloren Ihr Zuhause und wurden obdachlos - das alles bei einer Gesamtbevölkerung von knapp zehn Millionen. Ausnahmsweise einmal war Hilfe nicht weit: Die weltweite Spendenbereitschaft von Menschen, Unternehmen und Institutionen war immens, die großen internationalen Hilfsorganisationen waren schnell vor Ort, um Soforthilfe zu leisten. Unter dem Motto „Towards a New Future for Haiti“ trafen sich am 31. März 2010 über 150 Staaten und zahlreiche internationale Organisationen im UN-Hauptquartier in New York zu einer Geberkonferenz. Die Teilnehmer machten Spendenzusagen von mehr mehr als neun Millarden US-Dollar, davon mehr als fünf Milliarden allein für die Jahre 2010 und 2011. Zur Koordinierung wurde die Haiti Recovery Commission (IHRC) ins Leben gerufen. „We look forward with hope to a future for Haiti in which the damage from the earthquake has been mended … and all the women and men of Haiti enjoy opportunity, security, prosperity, and peace.”, heißt es stolz im letzten Absatz des offiziellen Communiqués. Von den vielen guten Absichten, den geplatzten Pläne, dem Idealismus, dem Unvermögen, dem unermüdlichen Einsatz und vor allem von der wütenden Enttäuschung über den schieren organisatorischen Wahnsinn erzählt Raoul Pecks ASSISTANCE MORTELLE (FATAL ASSISTENCE).

Im Rückblick ist das Scheitern immer einfach zu erklären: Die Aktivitäten von hunderten von NGOs, dutzenden internationalen Organisationen, UN-Organisationen und den zahlreichen so unterschiedlich mächtigen Staaten mit ihren Einzelinteressen koordinieren? – Natürlich unmöglich! Milliarden von Dollar in kürzester Zeit in ein Land mit schwachen oder nichtexistenten Institutionen pumpen? – Das kann nicht funktionieren!

Dieses und Ähnliches sagen Fatalisten oder Spötter, aber das ist nicht das, was Raoul Peck mit seinem Film sagen will. Der gebürtige Haitianer zeigt vielmehr wie einfach folgenreiche Fehler, die bereits ganz am Anfang gemacht wurden, hätten vermieden werden können. Ein Beispiel: Alle Experten waren sich einig, dass die wichtigste Aufgabe neben der reinen Soforthilfe, die Beseitigung von Gebäudeteilen, Bauschutt, Müll usw. war. Das leuchtet jedem ein, der die Bilder der Zerstörung nach dem Erdbeben sieht. Für diese Aufräumarbeiten veranschlagten die Spezialisten etwa eine Milliarde Euro. Alle Spender zusammen stellten für diese Aufgabe aber nur 80 Millionen, also acht Prozent der benötigten Summe zur Verfügung. Warum? Weil alle, einschließlich der NGOs lieber in den Wiederaufbau – Gebäude, Infrastruktur etc. Investieren wollten. Ergebnis war, dass finanziell, technisch und personell völlig unzureichend ausgestattete haitianische Aufräumteams sich redlich mühten, während die verschiedensten internationalen Akteure munter planten, ein temporäres Flüchtlingscamp nach dem anderen aufbauten, diese wieder schlossen, Menschem umsiedelten – die Liste hektischer Aktivitäten von internationaler Seite lässt sich beliebig fortsetzen.

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Der UN-Sonderbeauftragte für Haiti un der damalige Premierminister Haitis Jean-Max Bellerive, Amtszeit Nov 2009 - Mai 2011 Bild: Velvet Film.

Der Film zeigt viele Gespräche, nicht nur Interviews mit Experten, NGO-Vertretern und Politikern, sondern auch Diskussionen zwischen ihnen. Dabei wird eines deutlich: Die Haitianer, die von der Hilfe profitieren sollten und sollen, hat niemand gefragt und auch heute will man ihre Meinung eigentlich nicht hören. Das Entsetzen ist allerdings groß, wenn die Menschen sich selbst helfen und sich mit dem bisschen, was ihnen zur Verfügung steht, ein eigenes provisorisches Zuhause schaffen. Dann sprechen die Offiziellen von Slums und illegalen Siedlern. Deren neue Behausungen sind ärmlich aber immer noch besser als die Holzhütten ohne Wasser, Abwasser oder Elektrizität, die die NGOs an einem Hügel auf Schottergelände, elf Meilen außerhalb der Stadt aufbauen.

ASSISTANCE MORTELLE ist ebenso spannend wie frustrierend. Auch wenn von den 9,5 Milliarden zugesagten US-Dollars erst sechs Milliarden ausgezahlt sind und davon rund eine Millarde in Projekte fließt, die es schon vor dem Erdbeben gab, muss mit den restlichen fünf Milliarden mehr zu erreichen sein. Allerdings sind von diesem Geld nur etwa ein Prozent direkt an haitianische Institutionen geflossen. Das sind 50 Millionen. Könnte es sein, dass es unmöglich ist jemand zu helfen, der nicht selbst über die Art und Weise der Hilfe zumindest mitentscheiden kann? Die amerikanische Koordinatorin für Housing Projects sagt selbst frustriert, dass weder Staaten, internationale Institutionen noch NGOs bereit seien, Gelder direkt an haitianische Bürger zu vergeben. Das sei eines der Hauptprobleme.

Hat da jemand Korruption gerufen, die sei doch in Haiti virulent? Zwei Informationen dazu: Mindestens 20 und bis zu 60 Prozent der gespendeten Mittel fließen wieder in die Geberländer zurück und haitianischen Regierungsinstitutionen ist es nicht möglich, detaillierte Auskünfte der Geber über die Verwendung und die Zu- und Abflüsse von Spendengeldern zu bekommen. Stattdessen streiten internationale uns haitianische Politiker, Beamte und NGO-Vertreter auf allen Ebenen miteinander. Der Film von Raoul Peck ist ideales Anschauungsmaterial für Mitarbeiter von NGOs, internationalen Organisationen und Entwicklungshilfeministerien werden. Die Frage ist, ob sie ihn sehen wollen.

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Titel

Orignaltitel

Assistance Mortelle

Englischer Titel

Fatal Assistance

Credits

Regisseur

Raoul Peck

Land

Flagge BelgienBelgien

Flagge FrankreichFrankreich

Flagge HaitiHaiti

Flagge Vereinigte StaatenVereinigte Staaten

Jahr

2012

Dauer

99 min.

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