DIE WAND von Julian Roman Pölsler

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Der Film ist eine Art bebilderte Lesung und Versuchsanordnung zu den zwei lebensphilosophischen Tatsachen „Der Hund ist der beste Freund des Menschen und der Mensch sich selbst sein größter Feind.“ Ein Film mit nur einer Schauspielerin - Martina Gedeck - in den Nebenrollen ein Hund, zwei Katzen, eine Kuh, eine kleine Kuh, eine weiße Krähe. Und natürlich die Natur der Alpen zu allen Jahreszeiten.

Die Geschichte ist schnell erzählt - eigentlich: Eine Frau bleibt in einer Berghütte zurück und als die Freunde nicht wiederkommen, stellt sie fest, dass sie wie von einer gläsernen Käseglocke in diesem Tal festgehalten wird. Jenseits des Glases ist das Leben der Menschen erstarrt und die Zeit stehen geblieben. Sie ist allein und auf sich gestellt und macht sich ihre Gedanken. Mit ihnen wird die Geschichte plötzlich komplex, vieldeutig, metaphorisch - weil dieser Mensch denkt, Vorstellungen und wechselnde Gefühle entwickelt, sich selbst und die Welt analysiert. Weil genau das Menschsein bedeutet.

Der 1963 erschienene Bestseller der österreichischen Autorin Marlen Haushofer war Vorlage des Films. Das Tagebuch dieser Frau hinter der Wand wird als Off-Stimme über die Bilder erzählt. Manchmal parallel (Sie mäht und erzählt, wie sie mäht) manchmal als brillante Analyse über das Menschsein und Tiersein, als Kommentar zu dem bizarren Schicksal, dem sie sich stellt, das aber im Grunde nicht bizarrer ist, als andere Dinge, die wir „das normale Leben“ nennen.

Nicht von ungefähr erinnert die Geschichte an „Die Pest“ von Albert Camus. Die Geworfenheit des Menschen in die Welt, die Selbstbestimmung, die sich in der Entwicklung des Menschen hin zu seinen Möglichkeiten zeigt, ist Grundgedanke des Existenzialismus. Gefühle von Ekel, Angst, Sorge, Traurigkeit und Langeweile belegen, dass gerade unser subjektives Empfinden das Leben bestimmt. Und uns Sinn gibt. Objektiv ist nur der Blick der Natur auf uns als sterbliche Kreaturen. Ob es nun eine Wand gibt um uns oder nicht.

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Und so verändert sich dieses Stadtfräulein mit hohen Hacken, weißem Kleid und roten Fingernägeln in einen Robinson Crusoe, der in den Bergen ums Überleben für sich und seine Tiere kämpft. Der Mensch kann einfach nicht zum Tier werden, sondern wie im Film gesagt wird, der Mensch stürzt am Tier vorbei in einen Abgrund, wenn er sein Menschsein, seine Moral, sein Denken aufgibt.

Sicher kann man die Geschichte auch als Metapher für eine depressive Person lesen, die sich von den Menschen abgestoßen fühlt und hingezogen zu den Aussenseitern, die sich nie Gedanken machen, warum dies ihr Schicksal ist: Der weißen Katze mit wenig Überlebenschancen in Wald oder der weißen Krähe, die von ihren Artgenossen ohne Böswilligkeit und Plan ausgesondert wird.
Das Schlimmste, was Menschen (meist einander oder der Natur) antun, ist letztlich eine Entscheidung. So eine Entscheidung wie das Vieh zu füttern und aufzustehen, wie weiterzuleben oder aufzugeben - auch wenn es der Natur egal ist, sich nie mehr etwas für einen selbst ändern wird und am Ende der Tod wartet - damit es danach weitergeht. Das Leben. Davon erzählt der Film.

Kommentare ( 3 )

Ein überwältigender Film mit einer fantastischen Martina Gedeck. Voller Grauen und Schönheit. Ich hoffe, dass er ganz bald ins Kino kommt!

Das war wirklich beeindruckend - sowohl was die Bilder als auch den Monologtext und dies Spiel von Martins Gedeck angeht. Das ist mit Sicherheit ein Film, der in Erinnerung bleibt und der hoffentlich auch einen deutschlandweiten Kinostart bekommt. Es wäre eine Schande, wenn "Die Wand" irgendwo in einem öffentlich rechtlichen Spartenkanal oder mal wieder gegen Mitternacht einfach versendet wird.

Martina Gedeck in einer herausragenden Rolle! Auch ihre sprachliche Qualitäten, womit sie in Hörbüchern und Lesungen im Deutschen Theater brillierte,kommen hier voll zum tragen! Ein tiefer Film mit kontinuierlicher Spannung. Einen großen Dank an J.Pölsler, der nach Jahren seinen Traum verwirklichte und diesen einzigartigen Film drehte! Danke auch an die geniale Autorin Marlen Haushofer; ohne sie gäb`s das alles nicht !

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Titel

Orignaltitel

Die Wand

Englischer Titel

The Wall

Credits

Regisseur

Julian Roman Pölsler

Schauspieler

Martina Gedeck

Land

Flagge DeutschlandDeutschland

Flagge ÖsterreichÖsterreich

Jahr

2011

Dauer

108 min.

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