Berlinale Countdown:
ZEMESTAN von Rafi Pitts (2006)

Ein leiser, starker Film

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Es passiert selten, zumal auf Festivals – aber manchmal ist man völlig gebannt von einem Film, seiner Stimmung, seiner Aura. Mir ist das auf der Berlinale zum ersten Mal im Jahr 2006 so gegangen. Bei Rafi Pitts ZEMESTAN (Winter). Jahre später sollte sich dieses Gefühl bei seinem Drama „The Hunter“ wiederholen. Im Vergleich zu dem jüngeren Film ist ZEMESTAN weniger hart, weniger verzweifelt. Die emotionale Kraft des Nachfolgefilms hat er dennoch.

Es schneit. Es ist kalt. Es ist Winter. Die einzigen schwarzen Punkte im Schnee sind die Gleise und ein hagerer Mann, der langsam an ihnen entlang geht. Aus dem Off erklingt ein Gedicht von Mehdi Akhavan Saless. Es erzählt davon, wie im Winter die Menschen den Gruß nicht erwidern, weil sie den Kopf zwischen den Schultern und den Kragen hochgeklappt haben.

Rafi Pitts Film ZEMESTAN erzählt von Arbeit und Arbeitssuche, vom Weggehen und Bleiben, von Traum und Realität, und auch vom Winter: nicht nur vom tatsächlichen, sondern auch vom metaphorischen in der Gesellschaft. Und es geht um lebensnotwendige Farbtupfer.

Irgendwo im südlichen Iran kann der Arbeiter Mokhtar seine kleine Familie nicht mehr ernähren, weil er seinen Job verloren hat und keinen neuen findet. Es heißt, im Ausland sei alles besser. Deshalb lässt er Frau und Kind zurück und steigt in den Zug.

Ein Mann geht, ein anderer kommt. Aus dem Norden des Landes, wie er erzählt. Der Mann heißt Marhab, das bedeutet Willkommen, und er sieht ein bisschen aus wie ein persischer James Dean – mit schnittigen Koteletten und rebellischer Attitüde. Er würde gerne als Spezialmechaniker für Kranreparaturen arbeiten, denn dafür ist er ausgebildet, aber die Stadt heißt ihn nicht willkommen.

Die Stadt ist sogar ausgesprochen abweisend. Neuankömmlinge werden misstrauisch beäugt. Dort, wo man besser verdient, machen massive Gitter und dicke Wächter den Zugang unmöglich. Arbeit – auf einem Schrottplatz mit integrierter Reparaturwerkstatt – findet Marhab erst, nachdem er einen Freund gefunden hat.

Marhab eckt an, weil er nicht so den Kopf einzieht, wie es von ihm erwartet wird. Er gibt dem Boss Widerworte, fordert seinen ausstehenden Lohn ein. In dem harten Überlebenskampf der Arbeiterklasse, den "Zemestan" zeichnet, ist Marhab derjenige, der ausbricht, Grenzen nicht einfach so akzeptiert und sein Recht auf Glück einfordert. Egal, ob es darum geht, eine fünfminütige Zigarettenpause auf einem stillgelegten Kran einzulegen, weil einem da oben der Wind so schön um die Nase weht, oder wenn er der schönen Khatoun höflich aber hartnäckig den Hof macht.

Denn inzwischen ist Khatouns Mann, der zu Anfang des Films in den Zug gestiegen ist, für tot erklärt worden. Seine Familie hat seit Monaten nichts von ihm gehört – schließlich war die Polizei zu Besuch bei der jungen Frau. Am nächsten Tag trägt sie auf der Arbeit ein schwarzes Kopftuch.

In "Zemestan" herrscht eine fahle Tönung der Bilder vor – selbst wenn der Schnee geschmolzen ist. In der Textilfabrik, wo Khatoun arbeitet, sind die hellblauen Kopftücher der Frauen der einzige Farbtupfer. Die Gebäude sind entweder halb verfallen oder halb fertig und im schlimmsten Fall beides. Von einer engen Gasse, durch die die Figuren immer wieder gehen, sieht man nur die anscheinend nicht mehr existente Ladenfront mit ihren geschlossenen hölzernen Rollläden. Die Werkstatt ist umringt von Haufen von verblichenem, rostigen Metall. Khatouns Haus sieht aus wie ein Rohbau vor dem Abriss.

In dieser monochromen Stimmung sorgt Marhab für Auflockerung: Auf sein Drängen finden er und sein Freund für einen Abend Abwechslung beim Flanieren vor bunten Schaufensterauslagen. Khatoun bringt er als Geschenk einen knallroten Teppich – das Geld dafür stammt allerdings von seinem Kumpel. Dann heiraten Marhab und Khatoun, und als die beiden gemeinsam durch die Stadt spazieren, sieht man die junge Frau das erste Mal lachen. "Ich bin Mechaniker," sagt Marhab einmal, "ich repariere Dinge".

Rafi Pitts ist aber weit davon entfernt, eine hübsche Erfolgsgeschichte zu erzählen. Denn plötzlich ist der Mann, der am Anfang gegangen ist, wieder da. Nur ohne Bein. Und Marhab hat inzwischen seinen Job verloren und will selbst ins Ausland gehen.

Man kann diesen Film als gesellschaftskritische Parabel über den Iran lesen. Man kann ihn als Studie über den Überlebenskampf der einfachen Menschen sehen. Man kann seine Bildersprache und reiche Metaphorik bewundern. Die Stärke des Films liegt darin, dass er auf allen Ebenen funktioniert. Und: "Zemestan" gibt keine einfache Antwort darauf, was richtig ist. Er fordert aber auf, darüber nachzudenken.

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Titel

Orignaltitel

Zemestan

Englischer Titel

Its Winter

Credits

Regisseur

Rafi Pitts

Schauspieler

Hashem Abdi

Mitra Hadjar

Ali Nicksolat

Said Orkani

Land

Flagge Islamische Republik IranIslamische Republik Iran

Jahr

2005

Dauer

86 min.

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